Fragonard - Karlsruhe

Zu sexy für Deutschland?

Aber keine Angst – es gibt auch Genreszenen und Landschaften zu sehen

Röcke fliegen beim Schaukeln hoch, Nachthemdchen verrutschen lasziv – Jean-Honoré Fragonard (1732 bis 1806) wird gern mit Erotik in Verbindung gebracht, er gilt als Maler pikanter Szenen. Die Kunsthalle Karlsruhe widmet dem Franzosen nun die ers­te monografische Ausstellung in Deutschland. Denn obwohl Fragonard in Frankreich als einer der ganz großen Meister gilt, "ist er in Deutschland kurioserweise wenig bekannt", meint die Kuratorin Astrid Reuter. Das könnte daran liegen, dass seine Motive für den hiesigen Geschmack zu erotisch waren.

Die erotischen Darstellungen nehmen einen großen Teil seines Werks ein – zum Beispiel "Mädchen mit Hund", eine Leihgabe aus der Alten Pinakothek in München, das ein knapp bekleidetes Kind zeigt, das mit einem Hündchen spielt und recht freizügig das Hinterteil präsentiert. "Aber Fragonard hat mehr Facetten", meint Reuter, er habe mythologische Themen, Genreszene, Landschaften gemalt und sich auch viel mit literarischen Vorlagen beschäftigt. Im Zentrum der Ausstellung stehen aber nicht die Gemälde, sondern Fragonards Zeichnun­gen, die Reuter besonders schätzt wegen ihrer "Lebendigkeit und Flüchtigkeit, der Bewegung und großen Vitalität". Fragonard zeichne nicht einfach eine Situation, "sondern erwecke den Eindruck, "gleich geht es weiter, gleich öffnet sich eine Tür, verändert sich das Licht oder kommt jemand herein".

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Fragonard war einer der ersten, der die Zeichnung als eigenständiges Medium betrachtete – höchstens zehn Prozent stünden mit späteren Gemälden in Zusammenhang, schätzt die Kuratorin. So kann man in Karlsruhe zwar die "Anbetung der Hirten" als Gemälde und Zeichnung vergleichen, die meisten Blätter aber stehen für sich. Fragonard zeichnet zweischichtig: Er legt eine Vorzeichnung mit Kreide an und laviert danach mit brauner Tinte – "er braucht gar keine Farbe, die Blätter wirken trotzdem ungeheuer lebendig und anschaulich", meint Reuter. Die Parkanlagen, die Fragonard häufig gezeichnet hat, seien höchst atmosphärisch, "er lässt das Licht auf dem Laub spielen, man denkt, man spaziert mit den Personen durch den Park".

Seine späten Zeichnungen zu Ariosts Epos "Der rasende Roland" aus den 1780er Jahren hätten sogar fast schon abstrakte Qualität, meint Reuter. "Oft erkennt man das Motiv nicht gleich." Er verkörpere zwar noch das 18. Jahrhundert, besitze aber dennoch "große Modernität".

Fragonard. Poesie und Leidenschaft

Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle30.11.–23.2.14
Der Katalog im Deutschen Kunstverlag kostet 29,90 Euro
Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.
http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/fragonard.html

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