SOS Stadtkultur - Hamburg

Wir wollen unsere Stadt selber planen!

Es brodelt mächtig im Stadttopf Hamburg: Während Politik und Investoren die Zukunft des "Szeneviertels" St. Pauli längst zu eigenem Gunsten entschieden haben und mit dem Abriss ungeliebter und unrentabler Gebäudesubstanz beginnen, formiert sich seitens der Bürger Widerstand: Sie wollen ihren Stadtteil selber machen.
Stadt selber machen:selbst finanzieren, selbst planen, selbst verwalten

Rechts: die "Esso-Häuser", dem Abriss geweiht. Links: die "Tanzenden Türme"

Viele Menschen glauben, ein Frosch in einem Topf mit Wasser, das man langsam erhitzt, würde so lange darin hocken bleiben, bis er tot ist. Das ist zwar nur ein hartnäckiges Ammenmärchen, aber verlässt man das Gebiet der tierischen Verhaltensforschung und wechselt zum Mensch, dann wird die Geschichte plötzlich wahr. Seit Jahren erleben deutsche Großstädte eine stetige Erhitzung des Immobilienmarktes und das Gemeinwesen sieht regungslos zu, bis es tot ist. Ob München, Stuttgart, Frankfurt, Berlin oder Hamburg, die Kosten für innerstädtisches Wohnen sowie für Flächen des kleinteiligen Einzelhandels entkoppeln sich immer mehr von der Wirtschaftskraft der bisherigen Bewohner. Selbst das sonst so nüchterne Statistische Bundesamt muss feststellen, dass "auf den Mietwohnungsmärkten der Großstädte und dort speziell in den begehrten Szenevierteln teilweise explodierende Mieten zu beobachten" sind.

Weil die meisten Menschen eine drastische Verteuerung ihrer Lebensumstände als persönliches Schicksal erleben, verschwinden sie mehr oder weniger stillschweigend und verschämt aus ihren Vierteln, die sie sich nicht mehr leisten können. Erst die Türken, dann die Familien, schließlich die Jungen werden vom Einschlag der Spekulation in Wellenbewegungen immer weiter an den Stadtrand gedrückt – und hinterlassen im Zentrum eine seelenlose Wohlstandsoberfläche aus Design, Kettenläden und Parkplatzproblemen mit extrem hohem Verwechslungsfaktor. So wenig wie sich ein Ford optisch von einem VW unterscheidet, so wenig unterscheiden sich die "Szeneviertel" von Köln, Hannover oder Berlin mittlerweile.

Manche Stadtfrösche wollen aber trotzdem nicht sterben. In Hamburg, wo es seit dem Kampf um die Hafenstraße eine gewisse Tradition des Dazwischenquakens gibt, hat sich deswegen zunächst in St. Pauli ein alternatives Stadtparlament gegründet, das dem galoppierenden Ausverkauf innerstädtischer Wohnquartiere an profitorientierte Immobilienunternehmen und der damit einhergehenden Verdrängung der einkommenschwachen Bevölkerung mit Protest und alternativen Planung entgegen treten will. Bei der übervollen Versammlung im Stadion des FC St. Pauli am Samstagnachmittag herrschte eine gewisse "Wir sind das Volk"-Stimmung, deren Credo lautet: "Wir wollen unsere Stadt selber planen!"

Dieser demonstrative Misstrauensantrag gegen die gewählten Parlamente und ihre Behörden ist die unmittelbare Reaktion auf die Vorkommnisse der letzten Wochen: Die unverhältnismäßigen Polizeieinsätze gegen Demonstranten, die für den Erhalt des politischen Kulturzentrums Rote Flora demonstrierten, gipfelte in der Festsetzung eines "Gefahrengebiets" von der Größe einer deutschen Kleinstadt; und die Räumung der sogenannten Esso-Häuser an der Reeperbahn – eine der letzten Bastionen des billigen Wohnens in einer Umgebung, wo Kaltmieten heute bei 13 Euro pro Quadratmeter beginnen – besiegelte das Schicksal des momentan wichtigsten Symbolbaus gegen eine verfehlte Stadtpolitik.

In dem einst eleganten Nachkriegsensemble mit seinen zwei Wohnhochhäusern und der Ladenzeile mit einigen der letzten typischen St. Pauli-Läden wurde über Jahrzehnte dem Ruinenstatus entgegengewohnt, weil der Besitzer jede Instandhaltung unterließ. Dann wurde der ganze Block an die Bayrische Hausbau, einen der größten deutschen Immobilienkonzerne, verkauft, die den Komplex demnächst abreißen wird und mit einem deutlich vergrößerten Neubau auf dem Gelände richtig Geld verdienen möchte.

Die Übernahme des Wohnbestands von privaten Eigentümern durch Großkonzerne und die damit einhergehende Verteuerung und Anonymisierung ist aber nur ein Teil des florierenden Ausverkaufs lokaler Interessen, wie er in St. Pauli exemplarisch für alle deutschen "Szeneviertel" praktiziert wird. Die Einrichtung eines Business Improvement Districts rund um die Reeperbahn, der die Gestaltung des öffentliche Raums und die Nutzungsrechte den anliegenden Hauseigentümern überlässt, wodurch der gesamte zentrale Stadtraum von Hamburgs berühmtestem Viertel privatisiert wird, ist ein weiterer fataler Rückzug der Stadtpolitik aus der Interessensvertretung der Bevölkerung. Aber auch die städtischen Unternehmen verwandeln sich immer mehr in Gegner einer lebenswerten, vielfältigen Stadt.

Weil sie vom Senat massiv zum Geldverdienen angehalten sind, agieren die einst dem Sozialen verpflichteten Bauträger immer mehr wie Dax-Konzerne. So verwandelt in Hamburg die städtische Baugesellschaft SAGA Sozialwohnungen in attraktiven Lagen in frei und teuer vermietbare, und baut als vorgeschriebenen Ausgleich Sozialwohnungen am Stadtrand. Dort wird auch der Großteil des Wohnungsbauprogramms des Senats realisiert, mit dem man die Hitze im Stadttopf wieder etwas senken möchte. Die Zerstörung innerstädtischer Milieus, die mit dieser Einkommensapartheid einhergeht, kontern Sozialdemokraten schon mal mit dem frechen Satz: "Die Hamburger Verfassung kennt kein Recht, in Szenevierteln zu wohnen."

Gegen diese bornierte Sicht von Stadtkultur erhebt die Initiative S.O.S.-St. Pauli, die das Stadtparlament vorbereitet und organisiert hat, jetzt die Forderung nach einem klassisch sozialdemokratischen Kurswechsel. Denn ihre Alternative zum Kotau vor dem Kapital ist die Genossenschaft: Selbst finanzieren, selbst planen, selbst verwalten, also das Modell, das die Arbeiterbewegung mal erfunden hatte, das ihre politischen Sachverwalter aber mittlerweile wie offene Rebellion gegen den Kapitalismus behandeln. Dass dazu Immobilienbesitzer, die mit dem städtischen Gut unsozial umgehen, auch mal enteignet und ihre Pflichten zur Instandhaltung notfalls mit schmerzlichen Strafen durchgesetzt werden müssten, das wurde auf dieser Stadtteilversammlung so frenetisch beklatscht wie es in der SPD-Regierung mit Schrecken gehört wird – in schöner Selbstvergessenheit der eigenen Tradition.

Es brodelt also gehörig im Stadttopf Hamburg. Und die Frösche, die das nicht wahrhaben wollen, sitzen mitten drin im Rathaus. Nach den Gesetzen der Biologie ist es aber nur eine Frage der Zeit, wann sie zu zucken anfangen.

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