Okwui Enwezor - München

Jenseits des Weißwurstäquators

Okwui Enwezor wird neuer Leiter im Haus der Kunst. Damit bestimmt ein politisch zuspitzender und global denkender Ausstellungsmacher der ersten Liga die Geschicke des Hauses
International erste Liga:Okwui Enwezor wird Direktor des Haus der Kunst

Im Oktober beginnt er am Haus der Kunst: Okwui Enwezor

"Wir suchen ganz international. Und am Ende werden Sie von unserer Entscheidung vielleicht genauso überrascht sein wie damals, als wir vor acht Jahren Chris Dercon vorstellten“, so sprach Toni Schmid, Ministerialdirigent am bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, im Sommer 2010 über seine Auswahlkriterien für den neu zu berufenen Direktor im Münchner Haus der Kunst. Er hat nicht zu viel versprochen. Heute Mittag nun präsentierte Minister Wolfgang Heubisch bei einer Pressekonferenz den strahlenden, künftigen Leiter der Ausstellungshalle. Der Gewinner ist: Okwui Enwezor.

Ja, man staunt nicht wenig, weil es tatsächlich eine zugleich mutige und klug abgewogene Entscheidung ist, die Chefposition im Haus der Kunst mit einem nichteuropäischen Kurator zu besetzen, der im Jet Set der Kunstgemeinde weltweit vernetzt ist, aber auch als politisch ziemlich korrekt gilt. Enwezor, Leiter der Documenta 11, rangiert auf Platz 42 der 100 mächtigsten Personen in der Kunstwelt. Heubisch rühmt ihn als „Spitzengestalt der internationalen Kunstszene“ und zeigt sich noch immer beeindruckt von seiner Documenta: „Okwui Enwezor hat die Documenta 11 im Jahr 2002 fulminant geleitet und herausragende Kunsterlebnisse geschaffen, die bis heute in der Kunstwelt ihre Auswirkungen zeigen.“

Okwui Enwezor ist nicht nur Kurator. Von Zeit zu Zeit tauchte der 1963 in Kalaba (Nigeria) geborene Politikwissenschaftler immer wieder in die Forschung ab, um sich dann mit auch theoretisch brillanten Großausstellungsprojekten und Publikationen zu profilieren. Enwezor war von 2005 bis 2009 Studiendekan der renommierten Kunsthochschule San Francisco Art Institute. 2007/8 sorgte er als künstlerischer Leiter der siebten Gwangju Biennale in Südkorea für Aufsehen. Als außerordentlicher Kurator am International Center of Photography in New York bereitet er gegenwärtig die Ausstellung "The Rise and Fall of Apartheid" vor. Zudem arbeitet er am Kunstprojekt "Meeting Points 6" in neun arabischen und europäischen Städten, das April 2011 in Beirut startet. Vor kurzem wurde er zum Hauptkurator von La Triennale in Paris (2012) ernannt. Und er ist „Joanne Cassulo Fellow“ des Independent Study Program am New Yorker Whitney Museum. Keine Frage, der bislang in New York lebende Kurator ist ein Global Player mit zwangsläufig engen Zeitfenstern. Konsequent setzte er sich bis heute dafür ein, dass der Kunstbetrieb seine einseitige Fokussierung auf den Westen überwindet.

Man hat sich im bayerischen Ministerium ungewöhnlich viel Zeit gelassen mit der Entscheidung, so dass schon der Verdacht keimte, ein Wunschkandidat sei abgesprungen. Immerhin wechselt der bisherige Leiter Dercon bereits im Frühjahr als Leiter zur Tate Modern, wo er unter dem Generaldirektor Nicolas Serota auch den enormen Ausbau der Turbinenhalle durch die Architekten Herzog & de Meuron zu betreuen hat. Dercon führte das Haus der Kunst erfolgreich in das 21. Jahrhundert, verschaffte ihm nicht nur größeres Renommee und ein jüngeres Publikum, sondern öffnete die Ausstellungshalle auch dem Design, der Mode und Architektur. Und er konnte letztlich zusammen im Bunde mit dem Ministerium die Großsammlerin Ingvild Goetz dafür gewinnen, dass sie die Kellerräume im Haus der Kunst bald schon mit Teilen ihrer immensen Sammlung von Medienkunst bespielt. Dercons Name verbindet man gerne mit spektakulären oder kühnen Ausstellungen von Künstlern wie Paul McCarthy, Andreas Gursky oder Ai Weiwei. Aber es gab auch einige Leerläufe im Haus der Kunst, etwa als Mitte letzten Jahres die rigide Konzeptsammlung Daled Collection mit gleichfalls zwei staubtrockenen Ausstellungen gepaart wurde.

Enwezor ist ein präziser philosophischer Denker, weiß aber das Gefilterte auch ästhetisch ansprechend zu vermitteln. Er setzt durchaus auch auf überwältigungsfähige Künstler wie Isaac Julien, Thomas Hirschhorn, Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla. Er bewies auf der Documenta beachtliches Inszenierungsgeschick. Einer wie er neigt weder zu spröden Buchhalterausstellungen noch scheut er die politisch schmerzhafte Zuspitzung. Das heißt, Enwezor wird der Ausstellungshalle einen weiteren Schub in Richtung gesellschaftskritischer Auseinandersetzung auf einem die Kunstwelt in ihrer konfliktreichen und ästhetischen Vielfalt spiegelnden Niveau verpassen. Zurzeit ist in der der Ulmer Privatsammlung The Walther Collection eine von Enwezor kuratierte Fotoschau zur afrikanischen Fotografie zu sehen. Eine Ausstellung. über die Dercon in Artforum lobhudelte, sie sei eines der „weltweit wichtigsten kulturellen Ereignisse des Jahres 2010“ gewesen. Im übrigen hatte Enwezor in München vor just zehn Jahren einen viel beachteten Auftritt in der Villa Stuck: Sein Überblick "The Short Century" über die Kunst der afrikanischen Befreiungsbewegung war ein Publikumserfolg und nahm in Teilen die documenta vorweg. Enwezors Herz mag für die afrikanische Kunst schlagen, sein Horizont reicht aber kosmopolitisch weit über die Diaspora des schwarzen Kontinent hinaus.

Ein wenig ist die leitende Position im Haus der Kunst natürlich auch mit der eines Zirkusdirektors zu vergleichen. Es gilt nicht nur Künstler sowie Kuratoren zu artistischen Glanznummern zu motivieren, sondern auch gelegentlich den Showmaster für das Publikum, für Gesellschafter und Sponsoren zu geben. Enwezor wird vielleicht weniger werbekräftig poltern als sein Vorgänger. Er gilt als sophisticated, mehr der elegant nachforschenden als der großen Geste zugeneigt. Und während Dercon gerne auf Porträts in belgischen Designerkleidern von Konzeptualisten wie Martin Margiela posiert, ist der Anzugträger Enwezor in feines, vermutlich in Como gewebtes Tuch gehüllt. Aber auch im übertragenen Sinn bekommt die nicht ganz zu unrecht als etwa lodenjankermäßig verschriene Münchner Kultur durch Enwezor einen neuen diskursoffenen Schliff. Im Haus der Kunst wird man jedenfalls bald wirklich transkontinental über den Weißwurstäquator blicken.