Anselm Kiefer - Villa Schöningen

Populär und unbeliebt

Der in der Kunstwelt als zugleich populär und unbeliebt geltende Künstler Anselm Kiefer sorgt mit seiner Ausstellung "Europa" in der Villa Schöningen in Potsdam für Aufregung. Gezeigt werden acht seiner großformatigen Bilder sowie Buchobjekte.

Ein Gefühl von Staatsakt umwehte am Freitag Abend das Potsdamer Ausstellungshaus Villa Schöningen: Vor der Tür scharren fröstelnde Journalisten ungeduldig im Kies, fesche Bundespresseamt-Damen wedeln aufgeregt mit Gästelisten und knurrige Sicherheitsleute mit eingebautem Knopf im Ohr umschleichen das historische Haus in unmittelbarer Nähe zur berühmt-berüchtigten Glienicker Brücke.

Die ganze Aufregung galt Anselm Kiefer, der hier eine Ausstellung mit acht großformatigen Bildern und einigen Buchobjekten eröffnete: "Europa" ist der Titel der Einzelschau des ehemaligen Beuys-Schülers und notorischen Mythenberserkers, der schon seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Trotzdem verfolgt den 1945 in Donaueschingen
geborenen Künstler hartnäckig der Ruf des deutschen Nationalkünstlertums, was eine schöne Rezeptionsdialektik
produziert. Was in der Popwelt etwa für Phil Collins gilt, das stimmt in der Kunstwelt für Anselm Kiefer: Beide sind sehr populär und sehr unbeliebt zugleich.

Auch an diesem Freitagabend konnte man diese Dialektik mit beiden Händen greifen: Während die Berliner Künstlerszene fast komplett durch Abwesenheit glänzte (Ausnahmen: Thomas Scheibitz, Jonathan Meese und
Georg Baselitz), drängelte sich vor den Kieferschen Werken ein Botox-Publikum aus dem Udo-Walz-Universum, das mit der wirklichen Kunstwelt eher wenig bis gar nichts zu tun hat. Kiefer selbst schien dies zu spüren, als er der ebenfalls anwesenden Bundeskanzlerin Angela Merkel nach deren Auftritt entgegenrief: "Ich glaube, wir haben eines gemeinsam: Wir sind beide im Ausland angesehener als im Inland."

Ob die Kanzlerin, die extra vom Funkturm-Palais hinübergekommen war, wo sie gemeinsam mit Helmut Kohl den Jahrestag der Vereinigung von Ost-CDU und West-CDU gefeiert hatte, diese Einschätzung teilte? "Warum bin ich schon wieder hier?", fragte Merkel in ihrer kurzen Ansprache und gab sich gleich selbst die Antwort: "Wahrscheinlich zieht es mich an diesen Ort, wenn irgendetwas mit der deutschen Einheit los ist." Tatsächlich hatte Merkel schon im letzten
Herbst die Museumsvilla, ein Privatprojekt des mächtigen Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner mit ihrer Anwesenheit geadelt, während wirklich wichtige Ausstellungshäuser in der Hauptstadt in Jahren nicht mit solch hohem Besuch rechnen dürfen.

Verwirrend war auch, dass sie in ihrer Rede kaum auf die ausgestellten Bilder einging, sondern eher allgemein über die "Kuh und Europa" philosophierte. Es war also vielleicht gar nicht so sehr die neu entdeckte Liebe Merkels zur bildenden Kunst, sondern vermutlich eher die Nähe zu Springer-Chef Döpfner, die der Kanzlerin im von ihr selbst ausgerufenen "Herbst der Entscheidungen" noch ganz nützlich sein könnte.

Anselm Kiefer: "Europa"

bis 31. Januar 2011, Villa Schöningen, Potsdam
http://www.villa-schoeningen.de/zeitkunst.html

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