Intermedia 69/2009 - Heidelberg

Als Christo noch skandalös war

Der Kunstverein Heidelberg erinnert an das Happening- und Fluxus-Festival von 1969.

Die Spenden flossen so spärlich, dass das Unternehmen beinahe gescheitert wäre. Die Heidelberger Bürger schimpften "Unsinn", "verrückt" und "Was soll das Ganze?". Selbst Wolf Vostell lehnte schriftlich eine Teilnahme an dem "belanglosen Leipziger Allerlei ohne gesellschaftskritische Relevanz, ohne Fluxus- und Happening-Pioniere" ab.

Alle ereiferten sich 1969 über das Heidelberger Fluxusfestival "Intermedia", das erste Großereignis der neuen Medien, organisiert von Politkünstler und Verleger Klaus Staeck und dem Historiker Jochen Goetze, aber es wurde ein Riesenerfolg: 5000 Besucher kamen nach Heidelberg um an Aktionen, Happenings, Filmvorführungen teilzunehmen.

Der Heidelberger Kunstverein re­inszeniert jetzt exakt 40 Jahre später dieses Ereignis und reflektiert "dabei insbesondere das Phänomen der Herstellung von Öffentlichkeit und dessen Relevanz für heutige künstlerische Positionen". Textausschnitte, Fotos, Plakate, Flugblätter, Filme und originale Objekte aus dem Archiv von Klaus Staeck und von beteilig­ten Künstlern sollen das historische Ereignis wiederaufleben lassen. Viele der Teilnehmer waren damals gänzlich oder kaum bekannt. Dazu gehörten Jochen Gerz, der eine Flugblattaktion startete, Günther Uecker, der im Garten des Kunstvereins eine Pfahlgrube aushob, Daniel Spoerri, der in der Mensa ein "Transsylvanisches Gulasch" servierte, Katharina Sieverding, die mit dem Motorrad durch Heidelberg knatterte oder Klaus Rinke, der eine ­"Aktionsfläche" für "die banalen Situatio­nen wie: Stehen, Gehen, Laufen, Sitzen und Liegen" aufgebaut hatte, auf der sich "der Ausstellende selbst ausstellt, oder auch bestimmte Personen aus dem Publikum auswählt".

Der geballte Volkszorn aber richtete sich gegen den 33 Jahre jungen Bulgaren Christo Javacheff, der – damals ohne Beteiligung seiner Frau Jeanne-Claude – das Amerikahaus mit Kunststoffplanen verhüllen ließ. Ein Leserbriefschreiber etwa ereiferte sich darüber, dass SPD-Oberbürgermeister Zundel ("Den Zundel kann man nicht mehr wählen") die Berufs feuer­wehr "bei solchem Unsinn mithelfen lässt". Und ein Schreiber namens "Busse" dichtete in der "Rhein-Neckar-Zeitung": "An einem lässt sich nicht deuteln: Vor riesigen Wind- und Frischhaltebeuteln, vor solch enormem Künstler-Latein, wird man ganz klein."

"Intermedia 69/2009"

Termin: bis 23. August, Kunstverein Heidelberg
http://www.hdkv.de/