Tobias Zielony - Kunstverein Hamburg

Ein zärtliches Porträt vom Erwachsenwerden

Der Kunstverein Hamburg zeigt in der Ausstellung "Story/No Story" die Fotoserien "Trona" und "The Cast" von Tobias Zielony. Dieser fotografiert seit vielen Jahren Jugendliche, die in einem sozial schwachen Umfeld aufwachsen. Dabei entstehen einfühlsame bis distanzierte Porträts von einer Jugend, die es nicht immer leicht hat.

Graue Wände, eine kleine Auswahl von Fotografien, ein Diaprojektor wirft Zitate aus einem Blog an die Wand. Thematisch bewegen sich diese zwischen abgrundtiefer Perspektivlosigkeit und offenem Zynismus. "I hate it here, there’s nothing" heißt es da oder "Charles Manson and his girls love Trona" als Anspielung auf den amerikanischen Serienmörder.

Es sind Zitate von Jugendlichen aus Trona, einer Wüstenstadt außerhalb von Los Angeles in der Arbeitslosigkeit und der Konsum von Chrystal Meth an der Tagesordnung stehen. Der Fotograf Tobias Zielony lebte mit den Jugendlichen zusammen und hielt dies in seiner Fotoserie "Trona" fest. Der Kunstverein Hamburg widmet sich dieser Arbeit in der Ausstellung "Story/No Story", zusammen mit der Serie "The Cast", die in Los Angeles entstand.

In der Tradition der klassischen Bildreportage, fotografiert Zielony bevorzugt Jugendliche aus sozialen Brennpunkten. Durch die Wiederholung von Motiven zeigt er deren Gemeinsamkeiten auf: ob in der Kleidung, Körpersprache oder dem Gesichtsausdruck. Bevor er zur Kamera greift, lernt er die Jugendlichen jedoch erst kennen. "Er geht zärtlich mit den Menschen um", sagt Nikolas Oberhuber, der Galerist Zielonys. Besonders in den Einzelporträts merkt man diese Vertrautheit. Traurig und einsam blicken die Jugendlichen in den Bildern und selten in die Kamera. Sie lassen Zielony ganz nah an sich heran.

Gelegentlich wirken ihre Posen wie einstudiert: Ein Junge liegt neben seinem umgestürzten BMX-Fahrrad, im Hintergrund die trostlose Wüstenlandschaft Tronas. Kompositorisch fast zu perfekt um wahr zu sein. Und nicht selten fühlt man sich an die Bilder Jeff Walls erinnert, der in seinen durchkonzipierten Fotografien nichts dem Zufall überlässt. Anders bei Zielony, wie Oberhuber versichert. Hier ist nichts inszeniert. In der Unnatürlichkeit liegt die Natürlichkeit. Sich selbst zu inszenieren ist ein wichtiger Bestandteil des Erwachsenwerdens.
Oft sind die Fotos in einem Zwielicht aufgenommen, einer Zeit, die weder Tag noch Nacht ist. Eine Zeit, die exemplarisch für die Phase des Jugendlichseins stehen kann, für die Unsicherheit der eigenen Verortung, in der man weder Kind noch Erwachsener ist.

Durch das Montieren der Einzelbilder entsteht ein abgehackter Filmfluss

Doch es sind nicht nur Menschen, die Zielony fotografiert. Auch die Orte an denen sie sich aufhalten: Tankstellen, verlassene Straßen, Parkplätze mit ausgebrannten Autos oder heruntergekommene Häuser. Zielony verzichtet hierbei auf jegliche Bildbearbeitung. "Die Orte lassen sich eben nicht schöner machen", stellt Oberhuber fest. Man merkt schnell, dass in den tristen Wohnorten nicht die Schönheit, sondern die Funktionalität im Vordergrund steht. Das Konzept der Ausstellung soll dies widerspiegeln: graue Wände, grelles Deckenlicht in Form von Leuchtstoffröhren.

Die Tag- und Nachtsituation der Serien in der Ausstellung fortzuführen war Florian Waldvogel, dem Leiter des Hamburger Kunstvereins ebenfalls wichtig: Alle fünf Minuten wird der quadratische Ausstellungsraum verdunkelt und der Film "La Vele di Scampia", eine aus 7000 digitalen Einzelbildern bestehende Fotoanimation, wird an die Wand projiziert. Der Ort des Geschehens dürfte vielen bekannt sein. Es ist der futuristische Wohnblock des Kinofilms "Gomorrha" nach dem Roman von Roberto Saviano. Eine triste Wohnsiedlung im Norden Neapels, Hort der Mafia, größter Drogenumschlagplatz Italiens und Bestandteil von Zielonys neuester Arbeit "Vele". Graue Betonmassen türmen sich zu einem verschachtelten Wohnkomplex auf. Hier steht die Architektur im Vordergrund und nicht der Mensch. Durch das aneinander Montieren der einzelnen Bilder entsteht ein abgehackter Filmfluss. Mal schneller, mal langsamer, ist die Fotoanimation losgelöst von der Echtzeit. Oft laufen Videoarbeiten nur nebenbei, hier soll das nicht so sein. Der Ausstellungsbesucher wird gezwungen sich auf den Film zu konzentrieren. Schade nur, dass dadurch die Fotografien in den Hintergrund geraten.

"Story / No Story"

Termin: bis 4. Juli, Kunstverein Hamburg
http://www.kunstverein.de/ausstellungen/aktuell/20100605-zielony.php

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