Pistoletto - Rom

Ein Tempel für die Lumpen-Venus

Bei der Vernissage wurden Politiker mit Buh-Rufen empfangen, denn die italienischen Kulturetats wurden drastisch gekürzt. Dennoch eröffnete die große Retrospektive von Michelangelo Pistoletto, einem Helden der Arte Povera
Trotz Sparzwang:Größte Retrospektive eines Helden der Arte Povera

Michelangelo Pistoletto: "Venus der Lumpen", 1967

Eigentlich hätte der italienische Kulturminister die Pistoletto-Ausstellung im Nationalmuseum MAXXI eröffnen sollen. Doch für Sandro Bondi, der am 3. März zurückgetreten ist, wurde noch kein Nachfolger gefunden. Bondi hatte sein Amt aufgegeben, weil er das Kabinett nicht vom “strategischen Wert der Kultur” überzeugen konnte. Er sei “entmutigt”. Der Kulturhaushalt Italiens ist in diesem Jahr um 40 Prozent gekürzt worden.

Auch für das MAXXI erhebt sich die bange Frage, wie es gelingen soll, den 150-Millionen-Bau von Zaha Hadid zu unterhalten. Auf der Pressekonferenz der Ausstellung bedauerte Unterstaatssekretär Francesco Giro die Kürzungen im Etat. Als “Buh-Rufe” laut wurden, brach er seine Rede schnell ab.

Das MAXXI ist schon auf Sparkurs gegangen und hat die Retrospektive von Michelangelo Pistoletto zusammen mit dem Philadelphia Museum of Art erarbeitet, wo die Ausstellung bereits zu sehen war. Die beiden Häuser teilen sich auch die Kosten für ihren gemeinsamen “curator at large”, Carlos Basualdo.

Trotz des Sparzwanges ist eine umfassende Ausstellung entstanden. Über hundert Werke aus den Jahren 1956 bis 1974 wurden aus amerikanischen und europäischen Sammlungen entliehen, darunter eine große Zahl von Spiegelbildern, Pistolettos Markenzeichen. Der 78-jährige Pionier der Arte Povera wird es nicht müde, den Spiegel zu preisen: ”Der Spiegel hat mich von einem existentiellen Drama erlöst, das ich in mir herumtrug. Er war für mich eine Befreiung, ein Übergang in eine andere Dimension.”

Ein langer Prozess, den man in der Ausstellung beginnend mit einem Selbstporträt aus dem Jahr 1956 bis in das Jahr 1962 verfolgen kann, in dem Pistoletto nicht weiter versucht “den Spiegel auf die Leinwand zu übertragen”, sondern die Leinwand selbst zum Spiegel wird. Ein gebräuchlicher Spiegel war dafür allerdings nicht geeignet, weil bei ihm durch den Abstand zwischen spiegelnder Schicht und gläserner Oberfläche Doppelbilder entstehen. Poliertes Stahlblech war die Lösung. Michelangelo Pistoletto appliziert darauf Siebdrucke nach lebensgroßen Fotos von Personen, die banalen Beschäftigungen nachgehen, still beieinander stehen, an einer Brüstung lehnen oder aus dem Bild fliehen, wie die “Donna che fugge” (1971), von der man nur noch ein Bein und etwas Rock sieht. Da Pistoletto die Spiegelbilder auf den Boden stellt und sie nicht durch Rahmen vom Umfeld abgrenzt, hat jeder freien Zutritt. Am Eröffnungsabend spiegelten sich zwischen den Stellwänden mehr als 2000 Besucher und sorgten für eine faszinierende Vermischung von Illusion und Realität.

Seit 50 Jahren benutzt Michelangelo Pistoletto in seiner Kunst den Spiegel als Metapher für die menschliche Erkenntnisfähigkeit. Aber ist der Spiegel nicht mittlerweile gegenüber dem Computer ein vormodernes Erkenntnismodell? “Ich sehe da auch eine enge Beziehung zwischen den Spiegelbildern und dem Internet”, sagt Pistoletto beim Gang durch seine römische Ausstellung, “beide, Spiegel und Internet, schließen niemanden aus, sind intim und universell.“ 1963 stellte Pistoletto in Turin zum ersten Mal seine Spiegelbilder aus und wurde sofort von dem amerikanischen Kunsthändler Leo Castelli entdeckt, der den Künstler zusammen mit den amerikanischen Pop Art-Künstlern auf dem Markt lancieren wollte. Pistoletto schlug das Angebot dieses großen Kunstpromotors der Nachkriegsgeschichte aus: ”Ich ahnte die Kommerzialisierung meiner Ideen.” Dieser heldenhafte Entschluss trug viel dazu bei, dass der Maler, Aktions- und Objektkünstler Pistoletto heute in Italien als wandelnder Mythos gilt.

Die Künstler der Arte Povera setzten sich in den sechziger Jahren viel mit gesellschaftlichen Problemen und dem Material auseinander. Pistoletto ist der letzte genuine Vertreter dieser Kunstrichtung. 1998 gründete er in Biella (Turin) in einer aufgegebenen Textilfabrik die einzigartige “Kunststadt” Cittadellarte. Künstler aus aller Welt sind hier eingeladen, Formen für eine “Transformation der Gesellschaft“ zu entwickeln. Diesem interdisziplinären Institut widmet das römische Nationalmuseum eine gesonderte Abteilung.

Eine Zeit lang machte Pistoletto keine Spiegelbilder mehr. Zwischen 1965 und 1966 produziert er eine Reihe von sogenannten “Oggetti in Meno “ (Minus-Objekte), die den Anstoß zur Arte Povera gaben. Rund 20 dieser Objekte aus Holz, Beton, Papier und Kunststoff sind in Rom zu sehen, darunter die große Kugel aus Zeitungspapier, mit der Pistoletto 1967 sozusagen das geballte Tagesgeschehen durch die Straßen Turins rollte und die später, vergilbt und von einem Drahtglobus umgeben, zur “Weltkugel” erklärt wurde. Pistolettos Aktions-, Theater- und Performancekunst wird in der Ausstellung ausführlich dokumentiert. Trotz allem: Pistoletto ist kein Kulturpessimist. Vor dem Museum steht ein Tempel, den der Künstler im Auftrag einer Recyclingfirma für seine berühmte “Lumpen-Venus”, eine Aphroditestatue vor einem Haufen alter Kleider, errichtet hat. Das Baumaterial stammt von ausgedienten Waschmaschinen.

"Michelangelo Pistoletto. Da Uno a Molti. 1956 – 74"

Rom, MAXXI, bis 15.6.2011

Katalog erschienen bei Electa, 55 Euro


http://www.fondazionemaxxi.it

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