Transmediale 2014 - Berlin

Digital-Monstrum außer Kontrolle

Elektroschrott, Frankenstein-Cyborgs, Überwachung – die goldene Ära des digitalen Zeitalters ist längst vorbei. Was bleibt, ist eine Utopie und ein Nachspiel voller Gefahren. Die diesjährige Berliner Transmediale, das wichtigste Festival für Kunst und Medien, analysiert die Krise und zeigt Perspektiven auf.

Seit ein paar Tagen schillert auf der Berliner Warschauer Brücke die Projektion eines Trailers. "How do you feel today?", fragt das Video, umspielt von sanften Fotografien eines Sonnenuntergangs an einem tropischen Strand und weißen Wüstensands vor einem glühenden Horizont.

Ebenso geschmeidig wie dieser Trailer mit seiner Wellness-Ästhetik in die Aufmerksamkeit des Betrachters gleitet, betört auch der dazugehörige Titel: "afterglow", zu deutsch "Abendrot". So heißt die diesjährige Berliner Transmediale. Doch die Geschmeidigkeit, mit der sich das fünftägige Medienfestival in der Öffentlichkeit präsentiert, ist nur Schein: "Die digitale Welt hat sich von einem Schatz in Dreck umgewandelt", statuiert der künstlerische Direktor der Transmediale, Kristoffer Gansinger. "Afterglow" bezeichnet nicht einen Moment der Tiefenentspannung, wie es der Yoga-Trailer suggeriert, sondern das digitale Nachleben, das kulturelle, ökonomische und politische Flimmern nach dem technischen Rausch.

Die zentrale Spielstätte des Medienfestivals ist das satt gefüllte Haus der Kulturen der Welt. Hier haben die Künstler Jamie Allen und David Gauthier eine weiträumige Technologie-Skulptur im Foyer installiert. Sie ist eine vernetzte Landschaft aus Stativen, Vermessungsgeräten und Infobildschirmen – ein Verweis auf die Hoheit der Daten in unserer Informationskultur und ihrer sinnlosen Überfülle zugleich. Allens und Gauthiers "critical infrastructure" bildet das Top-Thema der diesjährigen Transmediale ab, das angesichts der NSA-Affäre wohl weit über das klassische Nerd-Publikum auf Interesse stoßen wird: die Mutation der digitalen Globalisierung zu einem überstaatlichen Bewachungssystem. Ein Höhepunkt wird das Symposium "Art As Evidence" sein. Dann wird die Snowden-Vertraute und investigative Dokumentarfilmerin Laura Poitras in einer Diskussion mit den beiden Aktivisten Jacob Appelbaum und Trevor Paglen über Wege aus der geopolitischen Überwachung debattieren.

Nicht nur Gefahren, auch Perspektiven dämmern am post-digitalen Horizont. Ästhetisch wird dies der Musiker und Performer Robert Henke vorführen, wenn er sich mit seiner langsamen Licht- und Bühnenperformance von der zuckenden, technoiden Formsprache des Digitalen abwendet. Noch radikaler ist der Videokünstler Luther Price, der zu den analogen Ursprüngen des Films zurückkehrt und die Besucheraugen mit psychedelischen Bildern, generiert aus Super-8-Spuren, Dias und einer chemikalischen Tinktur, strapazieren wird. Eine Lebenskultur nach dem globalen Mainstream, in dem orthodoxe Techniken und lokale Traditionen wieder hervortreten, dieser Komplex spiegelt sich auch in einem recht exotischem Thema wider, das immer wieder aus der Fülle der Programmbeiträge hervorsticht: das Phänomen eines Neo-Spiritismus. Urbanes Shamanentum in Brasilien wird die Psychologin Fabiane Borges bei einem Panel thematisieren, und Louis Handerson verquickt in seinem Film "Lettre du Voyant" den absurden Kreislauf von Edelmetallen aus Ghana – von ihrer Gewinnung in den Minen bis hin zur Rückkehr als Elektroschrott – mit Voodoo-Zeremonien.

"From treasure to trash" – vom Hochglanzprodukt zum Elektromüll, von der natürlichen Ressource zum giftigen Chemieprodukt. Wie die komplexen Verstrickungen von Globalisierung und Hochtechnologie in Umwelt und Kultur nachschwingen, ist das eigentliche Herzstück des Festivals. Im Haus der Kulturen der Welt hat eine internationale Community von Hacker-Künstlern ihr Lager aufgeschlagen. In einer ephemeren Gerüstarchitektur leben und werkeln die 80 Teilnehmer des Art Hack Day für 48 Stunden, bauen Hybridautomaten und programmieren künstliche Intelligenzen aus Schrott. Toni Tonnagel seziert einen Toaster und bringt ihn zum Atmen. Dany Ploeger plant, sich eine Drahtspule in den Darm zu legen und die Utopie des Cyborg in eine Frankenstein-Dystopie umzukehren. Mit dem Art Hack Day wendet sich die Transmediale ihrer klassischen Nerd-Kultur zu und beweist aufs Neue ihre Tradition, alternative soziale und ökonomische Modelle durchzuspielen. Der Black Internet Market am Sonntag ist auch so ein Fall. Auf diesem "illegalen" Technikflohmarkt kann man sich mit Second-Hand-Ware für die digitale Welt ausstatten. Man kauft die Produkte aber weit entfernt von Internethandel und "transnational shipping" auf einem tatsächlichen Basar. Je nach Interpretationslaune also auf einem post-digitalen oder prä-digitalen Handelsweg.

Transmediale 2014

Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 29. Januar bis 2. Februar 2014
http://www.transmediale.de/