Peter Weibel - Wien

Charmant verschwurbelt

Das Ausstellungshaus warnt sogar vor ihm, denn dieser Typ ist nicht zu fassen: Konzeptkünstler Peter Weibel. Markenzeichen: produktive Raserei, kunsttheoretischer Nuschelsingsang und aktionistische Skandale. Am Freitag eröffnete die große Weibel-Schau im Wiener 21er Haus.

Er ist Österreichs schillerndste lebende Kunstexistenz: Peter Weibel, der Mensch gewordene Wettlauf von Zunge und Gehirn. Echte Weibelianer preisen diesen zwischen allen Höhen der Wahrnehmungs-, Sprach- und Kunsttheorien wabernden Nuschel-Singsang interdisziplinärer Hybris als einzig gültigen. Im 21er Haus des Belvedere findet er diesen Herbst und Winter ein würdiges Gehäuse.

Der Vizedirektor des Museums, Alfred Weidinger, kuratiert hier die erste große Retrospektive von Weibel in der Hauptstadt. Untertitel: "Warnung! Diese Ausstellung kann Ihr Leben verändern". Am historischen Ort des ersten Wiener Moderne-Museums, wo Weibel einst, in den achtziger Jahren, mit seiner Straßen-Punk-Band "Hotel Morphilia Orchestra" noch herrlich Unverständliches über "Sex in der Stadt" brüllte.

Doch kann man diesen Typ überhaupt fassen, der schon in einer Zeit so vieles vereinte, in der das Wort Künstler-Kurator weder angedacht noch schick war – Medientheoretiker (Leiter des ZKM Karlsruhe), Kurator, Künstler? Das will Weidinger immerhin gar nicht, Beschränkung auf
die Kunst und Auswahl des "bis ins 21. Jahrhundert Einflussreichen" sind sein Ziel. Ja, aber darf er denn das auch? Kann man Weibel kuratieren, ohne dabei selbst von ihm kuratiert zu werden? "Das haben wir von Anfang an geklärt, ich habe freie Hand", versichert Weidinger. Und setzt nach:
"Er gibt wirklich Ruh." Was wohl das erste Mal in diesem Leben sein dürfte, das eher von produktiver Raserei geprägt ist.

Schon beim Ur-Skandal des Wiener Aktionismus im Uni-Hörsaal 1968 taucht der 1944 in Odessa geborene Konzeptkünstler mit Logikstudium auf: Mit brennendem Handschuh beschimpfte er damals die Regierung. Gemeinsam mit VALIE EXPORT schaffte er wesentliche Werke des "Expanded Cinema" und einige Aktionen, die ikonisch wurden in der österreichischen Kunstgeschichte. Etwa als EXPORT ihn an der Hundeleine durch die Innenstadt führte. Der Streit der beiden über die Autorenschaft glüht bis heute. Und wird auch Thema in Ausstellung und Katalog sein, so Weidinger.

Was nicht die einzige Überraschung wird, versichert er, der dem Künstlerarchiv noch nie Gezeigtes wie einen Weibel-Film über eine Otto-Muehl-Aktion entriss. Einer von 50, 60 Kurzfilmen, die gemeinsam mit Installationen und Objekten Weibels in 13 "Seh-Containern" gezeigt werden, die an ein langes Regalsystem andocken, das chronologisch durch den Weibel'schen Werkwust führen soll. Klingt nach Arbeit. Könnte trotzdem auch Spaß machen. Etwa beim Kurzfilm "Nivea", in dem Weibel 1967 eine Minute lang den Werbewasserball einer Kosmetikfirma in die Luft hielt – "Ein aufblasbarer, direkter Werbefilm, Abbild-Objekt-Problem", formuliert Weibel es knapp. Alles klar. Hier liegen sie,
die Wurzeln der postaktionistischen Wiener Konzeptkunst – und zwar im charmant verschwurbelten Urzustand zwischen Rebellion, Psychoanalyse und Zentralfriedhofsmelancholie.

Peter Weibel – Medienrebell

bis 11. Januar, 21er Haus, Wien

Der Katalog zur Ausstellung kostet 39 Euro.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.
http://www.21erhaus.at/de/ausstellungen/ausstellungsvorschau/peter-weibel---medienrebell-e153715