Freedom of Speech - Berlin

Bitterböse Sammlerkritik, Randale-Kunst und Mohammed Karrikaturen

Was passiert, wenn Redefreiheit und demokratisches Grundverständnis kollidieren? Eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein versammelt Werke von Klaus Staeck, Hans Haacke, Christoph Schlingensief und Barbara Kruger.
Freie Kunst:Die Kollision von Redefreiheit und Demokratie

Einen einfachen Gegner knöpfte sich Klaus Staeck 1980 vor: "Wollt ihr das totale BILD", 1980

Zu den Errungenschaften der amerikanischen Demokratie zählt das
sogenannte First Amendment – der 1791 verabschiedete erste
Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten: „Der Kongress
darf kein Gesetz erlassen, das die Einrichtung einer Religion
betrifft, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder
Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich
zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu
ersuchen.“

Nur kurze Zeit zuvor, 1789, hatten auch die Franzosen das Recht auf
freie Rede als eines der kostbarsten Menschenrechte überhaupt
deklariert. Bis heute gilt: Ob sich ein Staat demokratisch nennen
darf, bestimmt sich nicht zuletzt dadurch, ob und wie sich dieses
subjektive Recht in einer Gesellschaft durchsetzen lässt.
Insofern ist „Freedom of Speech“, so wie der Kurator Marius Babias
und sein Co-Kurator Florian Waldvogel die Redefreiheit nun in der
Themenausstellung mit Arbeiten von rund zwanzig Künstlern und
Künstler-Kollektiven im Neuen Berliner Kunstverein (N.B.K.) an der
Berliner Chausseestraße aufgreifen, einerseits ein alter Topos,
andererseits jedoch etwas, das sich immer wieder mit Aktualität
aufladen lässt.

Das zeigen auch die programmatischen Fragen, die Babias und
Waldvogel, anhand der Ausstellung formulieren: Was passiert, wenn
Redefreiheit und demokratisches Grundverständnis kollidieren? Wo
liegen die Tabus in demokratischen Gesellschaften, und sind diese
gegebenenfalls sogar schutzwürdig? Welche – möglicherweise
unangenehmen – Konsequenzen zieht uneingeschränkte Redefreiheit nach
sich? Wo wird die Redefreiheit zum Instrument politischer Interessen?

Als Besucher dieser Veranstaltung freut man sich erst einmal, dass
hier jemand den Mut besitzt, dieses pochende Herz aus dem gesicherten
Korpus der politischen Bildung herauszureißen und in das spekulative
Feld der freien Kunst zu werfen. Zwar schmücken Politiker – das
zeigte vor ein paar Monaten die Ausstellung „Macht zeigen“ im
Deutschen Historischen Museum – sich gern und oft mit Kunst. Doch
politisch artikulierte Kunst, zumal als solche in einer
Themenausstellung wie dieser zusammengetragen, gerät schnell unter
Polit-Kitschverdacht, zur bloßen, mehr oder weniger gelungenen
Illustration einer politischen Haltung. Wie die Bundeszentrale für
politische Bildung das Thema in einer schultauglichen
Wanderausstellung aufbereiten würde – das kann man sich in etwa
vorstellen. Aber wie funktioniert das Ganze als Kunstausstellung?

Diesbezüglich große Risiken einzugehen – dazu scheint auch das
Kuratoren-Duo Babias und Waldvogel nicht bereit gewesen zu sein.
Stattdessen präsentieren sie in „Freedom of Speech“ ganz museal eine
Reihe von sehr guten, in der jüngeren Kunstgeschichte auch gut
durchgesetzten Werken, die man zum Themenkreis rechnen kann, unter
anderem von Sister Corita Kent, Barbara Kruger, Dan Perjovschi,
Christoph Schlingensief, Klaus Staeck, Act Up, Silke Wagner.

Exemplarisch ist die Arbeit des in New York lebenden Deutschen Hans
Haacke, der Anfang der 80er-Jahre ein bitterböses Werk über den
begeisterten Kunstsammler und Schokoladenfabrikanten Peter Ludwig
produzierte. Wie eine Folge von sorgfältig hergestellten
Wandzeitungen breitet „Der Pralinenmeister“ (1981) ein aus sieben
gerahmten Diptychen bestehendes Fakten-Dossier der unternehmerischen
Aktivitäten Ludwigs vor dem Betrachter aus: welche Firmen wann und wo
fusionierten, wie das Kölner Museum Ludwig entstand, auch wie bieder
und geschmacklos der promovierte Kunsthistoriker seine Schoko-
Produkte verpackte.

Deutlich wird vor allem: Dort wo Ludwig verkaufen oder produzieren
wollte, intensivierte er auch seine Kunst-Aktivitäten, denn
anscheinend schreckte Ludwig nie vor der strategischen Indienstnahme
der Sammlung für die Ziele und Zwecke der Vermögensmehrung zurück. So
war Ludwig eben nicht nur Sammler von Malerei aus der DDR, sondern
ließ im Osten auch günstig Schokolade produzieren. Im Westen zeigte
sich der große Mäzen gegenüber der eigenen, vorwiegend aus Frauen
bestehenden Belegschaft knausrig und weigerte sich etwa standhaft,
einen Betriebskindergarten einzurichten.
So entfaltet sich das komplexe Wechselspiel zwischen
Machtmenschentum, Profitstreben und schöngeistigem Mäzenatentum. Dass
Haacke sich die Freiheit nahm, dies alles zu recherchieren,
aufzuschreiben und zum ausstellbaren Kunstwerk zu machen, nahm ihm
der mächtige Sammler übrigens bis zu seinem Tod 1996 ziemlich übel
und verweigerte jedem Ausstellungsprojekt mit Haacke-Beteiligung
seine Unterstützung.

Erfahrung mit der Freiheit der Kunst hat auch der Bildhauer Olaf
Metzel, dessen „Randale-Denkmal“ 1987 den Berliner Kurfürstendamm
verschönerte. Anders als andere Werke des „Skulpturenboulevards“
wurde das Werk, das einem Turm aus Polizei-Absperrgittern ähnelt, auf
dessen Spitze ein Einkaufswagen thront, ziemlich schnell wieder
demontiert. Wer es heute sehen will, der muss an einen eher
entlegenen Winkel der Stadt fahren, zum Spreespeicher am Spreeufer in
Friedrichshain, wo es seiner provokativen Wucht gänzlich beraubt vor
sich hin dämmert.

Ein wenig geht es so auch der Metzel-Skulptur aus dem Jahr 2006, die
als klassischer Frauenakt durchgehen könnte, wären da nicht das
Kopftuch und der Titel „Turkish Delight“ oder „Türkischer Honig“. Als
die Skulptur im Winter 2007 auf dem Wiener Karlsplatz vor der
dortigen Kunsthalle im öffentlichen Raum aufgestellt wurde, traten
die Vandalen auf den Plan und stießen die Bronze wiederholt vom
Sockel. So weit kann es in Berlin nicht kommen, denn mit Metzels
Plastik wagen sich die Ausstellungsmacher nicht nach draußen. So
bleibt der Themenausstellung zur Redefreiheit irgendwie auch der
Realitätstest erspart.

Dafür holen Babias und Waldvogel das „Draußen“ hinein in den
Kunstraum, indem sie etwa den Zeitungsausriss mit der ästhetisch im
Grunde wenig interessanten Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard
aus der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten ausstellen, wie auch
zwei latent mit Überfremdungsängsten spielenden Spiegel-Titelbilder
oder eine Sarrazin-inspirierte, dümmliche Titelseite der Bild-
Zeitung, die sich gegen „Sprechverbote“ wendet. So aber landen die
Ausstellungsmacher doch wieder bei den rituellen Formen der
politischen Bildung, wie auch im Refugium des selbstzufriedenen
Schulterklopfens, in dem sich alle gegenseitig zu ihrer kritisch-
aufgeklärt-progressiven Position beglückwünschen. Für solch ein Thema
ist dies eine seltsam defensive Haltung.


Die Besprechung des zweiten Teils der Ausstellung im Kunstverein Hamburg lesen Sie am Montag auf art-magazin.de

Freedom of Speech

Neuer Berliner Kunstverein

Dienstag - Sonntag
Donnerstag

12 - 18 Uhr
12 - 20 Uhr
http://www.nbk.org/

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