Pawel Althamer - Kassel / Wien

Realitätsbezogen

In Wien errichtet er einen Treffpunkt für Obdachlose und in Kassel übergibt er die Räume des Fridericianum in die Hände von Kindern – zwei neue, "realitätsbezogene" Arbeiten des polnischen Künstlers Pawel Althamer.

Dass ein erfolgreicher Künstler in einem deprimierenden Plattenbauviertel wohnt, obwohl er sich doch etwas ganz anderes leisten könnte, ist ­sicherlich außergewöhnlich. Er aber braucht das, sagt Pawel Althamer, der in der Hochhaussiedlung Bródno in Warschau lebt. Die spezielle Atmosphäre dieser unwirtlichen und teilweise aggressiven Stadtlandschaft sei der Lebensnerv seiner Kunst.

"Realitätsbezogen" nennt er selbst sein Vorgehen, und das trifft zumindest auf seine zahlreichen Projekte zu, in denen er mit Personen arbeitet, die schon in der Gesellschaft, auf jeden Fall aber in der Kunst zu "Randgruppen" gehören. Althamer, 41, leitet in Warschau einen Töpferkurs von Menschen mit Multipler Sklerose, deren Arbeiten er auch in seinen Ausstellungen präsentiert. Er hat Projekte mit Gefangenen, Obdachlosen, Emigranten oder Problemkindern entwickelt, dabei aber immer darauf geachtet, niemanden nur für eine Künstleridee zu benutzen. Statt dessen initiiert Althamer Situationen, in denen sich die Fähigkeiten einer Gruppe frei von Scham und Zwängen gestalterisch oder sozial entfalten können. In Kassel und Wien setzt Althamer diesen Strang seiner Arbeit mit zwei ähnlichen Projekten fort. Außerdem macht er Skulpturen, Installation und Performances.

Die Kunsthalle Fridericianum bespielt er mit Kindern der Stadt neu, und durch den Jugendstiltempel der Secession von Joseph Maria Olbrich in Wien wird er einen Tunnel bauen, der zu einer sinnlosen Grünfläche führt. Auf der baut er mit Obdachlosen einen Treffpunkt und richtet ihn ein. Die Hemmschwelle des glamourösen Kunstorts verwandelt sich so in die Schleuse zu einer weniger ausgrenzenden Idee von Gemeinschaft. Dekoriert als Science-Fiction-Zeittunnel führt er nicht in die Utopie vom technoiden Schlaraffenland, sondern zu einer selbstverständlicheren Vorstellung von menschlicher Präsenz.

Auch in Kassel wird ein utopischer Ort gebaut. Ein Camp im Zentrum des Museums wird der Ausgangspunkt sein, von dem aus ein funktionstüchtiges Fantasieland entstehen soll, das von einer Küche bis zu einem Kinderskulpturenpark reichen kann. Da die rund 150 Kinder das Museum nach ihren Vorstellungen einrichten und gestalten können, wird vor Ende des Projektes schwer zu prognos­tizieren sein, was dieses Kollektiv erfinden wird. Denn es geht nicht um pädagogische Ziele, sondern um Experimente mit der Freiheit.

"Pawel Althamer: Frühling"

Termine: bis 21. Juni, Fridericianum Kassel; 25. April bis 21. Juni, Secession Wien. Kataloge: Kassel, nach der Schau erscheint eine Dokumentation; Wien, statt eines Katalogs erscheint im Juni eine Sonderausgabe der Obdachlosenzeitung "Augustin", 2 Euro
http://www.fridericianum-kassel.de/

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