Lebbeus Woods - Berlin

Futurist und Fantast

Mehr kritischer Kontext hätte den visionären Entwürfen im Museum für Architekturzeichnung gut getan

Unter den Architekten der Gegenwart galt er als Fantast. Als Lebbeus Woods 2012 in New York starb, hinterließ er kaum Gebäude, dafür aber viele unrealisierte Projekte.

Theorie, Experiment und Imagination waren dem Architekten, Künstler und Theoretiker stets wichtiger als das Bauen selbst. Hollywood suchte die Nähe zum Gestalter, der auch schon mal Science-Fiction-Filmsets entwarf (Alien 3) oder dreist kopiert wurde (im Film 12 Monkeys). In seiner theoretischen Arbeit beschäftigte sich der 1940 geborene Woods mit der Frage, was Architektur in extremen Krisen-situationen (Revolutionen, Kriege, Naturkatastrophen) zu leisten vermag. Seine Entwürfe scherten sich nicht um konventionelle Architekturbegriffe, sondern erinnern an futuristische Fluggeräte oder Schlachtschiffe.

Woods’ bedrohliche, dystopisch-düstere Zeichnungen sind nun in Berlin gelandet, im relativ jungen Museum für Architekturzeichnung. Gegründet wurde die privat finanzierte Institution im Jahr 2009 vom russisch-deutschen Architekten und Sammler Sergei Tchoban, dessen architekturgrafische Sammlung vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Im vergangenen Jahr bezog die Stiftung einen Neubau in Berlin-Prenzlauer Berg – auf der Rückseite des Pfefferberg-Geländes. So bekräftigt sie den künstlerisch-architektonischen Schwerpunkt, der sich hier seit der Ansiedlung der ebenfalls
privat betriebenen Aedes-Architekturgalerie 2006 oder dem Atelierhaus von Ólafur Elíasson etabliert hat.

Ästhetisch kann der Neubau von Gründer Sergei Tchoban und seinem russischen Partner Sergey Kuznetsov (Speech) allerdings mit vergleichbaren Bauten – wie etwa dem eleganten Galeriehaus von David Chipperfield am Kupfergraben – nicht mithalten: Das Gebäude wirkt im Vergleich verschlossen und schwer-fällig (bis in die Details wie klobig-scharfkantige Türklinken). Und auch die Woods-Ausstellung demonstriert – bei aller Sympathie für dieses Unternehmen – ein weiteres Mal die Limitationen kleiner Privatmuseen. Denn bei der ausschließlichen Betonung der zeichnerischen Meisterschaft, die sich etwa in der Ausstellungsgliederung (unter Überschriften wie "Geschmeidige Linien", "Verflochtene Linie" oder "Unsichtbare Linien") niederschlägt, bleibt der kritische Kontext unvermittelt. Der Zusammenhang von Fiktion und Inhaltlichkeit dieser Entwürfe bleibt gänzlich unbeleuchtet.

Lebbeus Woods. ON-Line

Berlin, Tchoban Foundation, bis 03. Oktober
http://www.tchoban-foundation.de/10-0-Ausstellungen.html