Marsden Hartley - Berlin

Im Sturm der Farben

Eine kreative Explosion und die Liaison mit einem deutschen Offizier – für den amerikanischen Maler war das Vorkriegsjahr ein Glücksfall.

Berlin 1913, ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs: Während Kaiser Wilhelm II. den europäischen Hochadel zur Trauung seiner Tochter Viktoria Luise geladen hat und gleichzeitig das Heer aufrüstet, während in den Bars und Cabarets der Reichshauptstadt gefeiert wird, als gäbe es kein Morgen, wuchert die Inflation, 50 Prozent der Bevölkerung leben in bitterster Armut.

In diese aufgeheizte, bizarre Atmosphäre tauchte 1913 ein junger Amerikaner ein. In den anderthalb Jahren, die er in der brodelnden Metropole verbrachte, erlebte er eine kreative Explosion, die ihn in rasender Geschwindigkeit vom Maler gegenständlicher Gebirgslandschaften zum Avantgardisten einer halbabstrakten, expressiven, sehr eigenständigen Malerei beförderte: In starken, kontrastierenden Farben ließ er Flächen aufeinanderprallen, gespickt mit Symbolen wie Flaggen, militärischen Insignien, etwa Eisernen Kreuzen. Flammende Farben rufen Visionen von Explosionen hervor, Zahlen und geometrische Kürzel nehmen die Pop Art der siebziger Jahre vorweg – etwa die "Flags" und "Targets" von Jasper Johns oder die frühen Collagen von Robert Rauschenberg. Die "deutschen Bilder 1913–1915" sind nun in der Neuen Nationalgalerie in Berlin im Rahmen des Themenjahrs "1914. Aufbruch. Weltbruch" zu sehen. Quasi eine Premiere – Hartley ist hierzulande kaum bekannt.

Der Maler hatte nach Studien an verschiedenen Kunstschulen und -akademien 1909 eine erste Ausstellung bei Alfred Stieglitz in der New Yorker Avantgardegalerie "291". Stieglitz schickte ihn 1912 zu einem Studienaufenthalt nach Paris, wo Hartley durch den deutschen Kollegen Arnold Rönnebeck von den Künstlern des "Blauen Reiters" erfuhr. Er sehnte sich nun danach, Wassily Kandinsky, Franz Marc und andere Expressionisten kennenzulernen. Das geschah 1913, als er, inzwischen in Berlin, gemeinsam mit den großen Vorbildern in der Galerie "Der Sturm" von Herwarth Walden und beim Herbstsalon ausstellte. Die Begegnung mit den Künstlern gab seiner Kunst die entscheidende Initialzündung.

Aber auch menschlich war der Aufenthalt in Berlin für Hartley eine Bereicherung. Zwar galten im Kaiserreich selbst so unverfängliche Dinge wie Tangotanzen als unsittlich. Im Untergrund aber herrschte fröhliche Libertinage. Im Pariser Sommer, den er als "froh und ausgelassen" bezeichnet hatte, traf Hartley den deutschen Offizier Karl von Freyburg und ging mit ihm eine Liaison ein. In Berlin konnten sie ungestört leben. Das Glück war freilich von kurzer Dauer: Schon im ersten Kriegsjahr fiel Karl von Freyburg in einer Schlacht im Departement Pas-de-Calais. Hartley stürzte in eine tiefe Depression und begann, seinen Kummer in Bilder zu fassen. Von November 1914 bis Herbst 1915 entstand eine Serie von symbolbefrachteten, halb abstrakten, halb figurativen "Kriegsbildern". Darunter auch Porträts des schneidigen Offiziers, dessen Identität hinter militärischen Attributen verschwindet und die nur durch die Initialen "K.v.F." verraten wird. Sie gelten heute als die besten in Hartleys Gesamtwerk.

Wegen der zunehmenden Spannungen zwischen Deutschland und den USA sah sich Hartley 1915 gezwungen, in die USA zurückzukehren. Er kehrte zur figurativen Malerei seiner Anfänge zurück und starb 1943 im Alter von 66 Jahren.

Marsden Hartley: Die deutschen Bilder 1913–1915

Berlin, Neue Nationalgalerie
5.4.–29.6.
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http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/neue-nationalgalerie/ausstellungen/ausstellung-detail.html?tx_smb_pi1[exhibitionUid]=1026&cHash=deaa2a96832b6b10d61b0398c585eb46