Radar - Anne-Marie Bonnet

Anne-Marie Bonnet über Goran Petercol

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Anne-Marie Bonnet, Professorin am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn für "Mittlere und Neuere Kunstgeschichte", über den kroatischen Künstler Goran Petercol.
Radar: Goran Petercol:Anne-Marie Bonnet über ihren Lieblingskünstler

Goran Petercol: "After Reflections (2)", 2007, Keramikplatte, 7 x 33 x 31 cm

Goran Petercols Wandarbeit "Symmetries", die seit April 2010 in Köln zu sehen ist, gibt Gelegenheit, sich mit dem Werk des in Mitteleuropa viel zu wenig bekannten Künstlers vertraut zu machen. Die Arbeit befindet sich im "SelectedArtModels" (SAM), einem Raum, der zwar privat, aber doch nach Anmeldung öffentlich zugänglich ist und Kunsterfahrungen abseits der üblichen musealen oder marktorientierten Orte ermöglicht. Jede hier geschaffene Wandarbeit bleibt ein Jahr lang erlebbar und wird dann für immer gelöscht.

Genau dies reizte Goran Petercol, als er um einen Beitrag gebeten wurde. Seine lichte, in weißen und grauen Tönen gehaltene Arbeit, die einer Wolke gleich auf der Wand schwebt, setzt sich mit dem hellen Raum auseinander. Im strahlenden Weiß streckt sich eine waagerechte Form aus, die an einen Klecks aus einem Rorschach-Test erinnert und deren obere Abgrenzung ein scharfer gerader Grat ist; nach den Seiten und nach unten dehnt sie sich unregelmäßig mäandernd aus, und man glaubt darin Figuren zu erkennen, wie wenn man dem Spiel der Wolken folgt. Durch scharf gezogene Bleistiftlinien wird dieses Gebilde in einem Rechteck gleichsam im Zaum gehalten. Die Linien dieser geometrischen Einzäunung erkennt man als Spiegelungsachsen symmetrischer Gebilde, die sich zwischen der unregelmäßigen Binnenform und dem geometrischen Umriss ergeben. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die äußeren Spiegelungen aus collagierten hellblau gemusterten Tapetenstücken bestehen, die "weiße Farbe" aus Licht besteht und alles Weitere nur die bloße Wand ist. Die Form des Lichtflecks erinnert an die "Geschichte" des Raumes, zeichnet sie doch die Umrisse der voran gegangenen Arbeit von Rolf Rose (SAM 2009) nach.

Als Petercol sich mit der Aufgabe auseinander setzte, ging es ihm darum, Vergangenes, Ausgelöschtes in die wieder jungfräuliche Wand palimpsestartig einzuschreiben. Rätselhaft daran ist, dass der zu Licht gewordene Schatten die Anwesenheit des Abwesenden markiert. Die leuchtende Absenz wirft Schatten, die jedoch aus nichts anderem als der realen Farbe der weißen Wand und den Collagen bestehen, als sei der Raum eine schattige Höhle – eine Umkehrung von Platos Höhlengleichnis. Dies Arbeiten mit Licht, die Thematisierung von Erinnerung, die Auseinandersetzung mit der Geschichte eines Raumes, die analytische Reduktion der Mittel in einem palimpsestartigen Vorgehen, das zugleich malerisch, plastisch und installativ ist, charakterisieren Petercols künstlerische Position.

Schon lange faszinierte mich dieser Künstler, den ich nur von der "Art Basel" und aus Katalogen kannte. Seine Kölner Arbeit "Symmetries" ist Teil eines größeren Werkkomplexes, arbeitet Petercol doch oft in Serien/Ensembles ("Negatives", "Landschaften", "Reflektionen"). Sein Werk besteht aus Zeichnungen, Installationen, Objekten, Lichtprojektionen und ist stets raumbezogen. Als er in den 1970er Jahren zu arbeiten begann, waren Fluxus und Minimal Art, Konzept-Kunst und Performance an der Tagesordnung. Obwohl Petercol damals hinter dem Eisernen Vorhang lebte, entwickelte er konsequent seine eigene ebenso konzeptuelle wie sinnliche Arbeit. Es ist faszinierend, wie er durch analytisches Vorgehen, das die Mittel fundamental reduziert, solche zugleich asketischen wie sinnlichen Werke zu schaffen vermag. Im Mittelpunkt steht intuitiv-emotionales Erfassen, und man erfährt unmittelbar, dass Denken sinnlich, ja erotisch sein kann, dass Kunst die Empfindung des Hier und Jetzt intensiviert: Ganz und gar unspektakuläre Mittel machen einem die eigenen raum-zeitlichen Koordinaten bewusst – ganz im Gegensatz zu den meisten heutigen künstlerischen Strategien.

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