Art Festival - Kopenhagen

Dänische Volks-Fest-Oper

Menschenhaar in Süßigkeiten, aufdringliche Bettler und moralische Fragen - Kopenhagen veranstaltet zum ersten Mal das Copenhagen Art Festival.

Es ist ein Kindheitstraum, der in Erfüllung geht: Ein riesiger Bonbonautomat, mehr als mannshoch und die Plexiglaskugel ist mit verlockend silbrig verpackten Keksen gefüllt. Der Preis, um an ein solches Stück zu kommen, ist dann doch alles andere als ein Kindheitstraum: 20 Dänische Kronen, gut 2,70 Euro, sollen unten eingeworfen werden.

 

Nun denn, Dänemark ist eines der teuersten Länder Europas, da ist das wohl angemessen. Außerdem handelt es sich bei "Bonus Balls" um ein Kunstwerk. Das Duo Wooloo hat den bunten Automaten mitten im Stadtzentrum Kopenhagens aufgestellt, die Maschine ist Teil des "Copenhagen Art Festivals." Nachdem der Versuch mit "U-Turn" eine Quadriennale zu etablieren, kläglich gescheitert war, findet das Festival dieses Jahr zum ersten Mal in Kopenhagen statt. Veranstalter sind fünf lokale Kunsthallen, die "fællesskaber", (Gemeinschaften), zum Thema auserkoren haben. Der staatliche Kunstrat hatte einen Wettbewerb veranstaltet, um den besten Ausrichter für das Kunstfestival zu finden. Doch nachdem es nur zwei Bewerbungen gab, zog sich dann ein Wettbewerbsteilnehmer wieder zurück und am Schluss wurde mit den fünf Kunsthallen der einzige Teilnehmer zum Sieger gekürt.

Ausgesprochen unappetitliche Bonbons

Natürlich ist die Arbeit von Wooloo mit Bedeutung aufgeladen. Die Süßigkeiten in der Silberfolie enthalten angeblich Haare, von "öffentlich bekannten dänischen Finanzleuten und Eigentumsspekulanten." Weiter heißt es: "Das Werk weist auf die komplexen Prozesse hin, die die Gemeinschaft um Milliarden beraubt hat und Privatpersonen zu den gesellschaftlichen Gewinnern gemacht hat." Da mag was dran sein, aber die komplette Verantwortung auf die bösen Reichen da oben abzuwälzen und den Rest der Bevölkerung, der doch durch Einflussnahme als Wähler, Konsument und Teilnehmer am öffentlichen Diskurs mitnichten völlig machtlos ist, als moralisch tadellos, aber ausgenommen darzustellen, ist dann doch sehr einseitig. Allerdings heißt es dann auch, hier werde auf ein kannibalistisches Ritual Bezug genommen. Das besagt nämlich, man erhalte durch das Verspeisen die Kraft des Gegners. Vielleicht geht es uns also gar nicht um Gerechtigkeit, sondern wir sind nur neidisch auf jene, die die Macht hatten und so an viel Geld gekommen sind. „Bonus Balls“ ist also doch eine nuanciertere Arbeit als es zunächst schien.


Trotz des Spektakels, das alleine schon notwendig ist, um dem Begriff Festival gerecht zu werden, zeigt sich immer wieder, dass es dieser Tage in Kopenhagen wahrlich nicht nur um reine Unterhaltung geht. Zentraler Punkt ist der unter Regie von Jeppe Hein umgestaltete Højbro Plads. Hein hat etliche Künstler eingeladen, auf dem Platz dem Publikum etwas zu bieten. "ILOVIT" wurde die Örtlichkeit getauft. Das Wort klingt wie "ich liebe es" auf Englisch und erinnert an McDonald’s Werbespruch, hat seinen Ursprung aber in einer von Kopenhagens bekanntester Touristenattraktionen: dem Tivoli. Wird der Name des Vergnügungsparks rückwärts gelesen, so kommt eben "ILOVIT" heraus. Liebe wird in einem der Holzhütten, die auf dem Platz stehen zur Schau gestellt.

Unangenehme Gemeinschaft

Fragen stellt einmal mehr Thierry Geoffroy. Der aus Frankreich stammende und schon lange in Dänemark lebende Künstler stellte drei seiner Zelte, mit denen er zuletzt bei der documenta 13 für Aufsehen sorgte, vor Ausstellungslokalen aus. "Lonelines in Denmark", "Isolation" und anderes sprayte er auf die Zelte. Am Festival missfällt ihm, dass das Thema zwar "Gemeinschaften" heißt, aber keine Künstler eingeladen worden seien, die aus dem Ausland kommen, aber in Dänemark leben und also zu dem Thema doch einiges zu sagen hätten.


Unangenehm wird es dann in der in einer Kirche untergebrachten Ausstellungshalle Nikolaj. Ein kleiner Schock wenn der Ausstellungsraum mit der Videoinstallation von Kutlug Ataman betreten wird. Großformatig gehen einen sieben Bettler an. Ataman fertigte Schwarzweißfilme von mehr oder weniger zahnlosen und ungepflegten Menschen, die stehend, sitzend oder liegend, mit ausgestreckter wackelnder Hand oder unbeweglich, nur durch ihre Präsenz, um Geld bitten. Alleine in einem Raum mit sieben dieser Projektionen stehend, kommt schnell schlechtes Gewissen auf. Denn warum fühlt sich das als Bedrängnis an? Ist es die Angst vor diesen Leuten? Oder ist es nicht viel mehr so, dass wie es ein Kollege sagte, diese Bettler ihre eigene Performance abhalten, denn natürlich setzen sie sich in Szene, spielen ihr Leid hoch.

Superflex Oper für das dänische Volk

Während im Erdgeschoss von Nikolaj diese untere Schicht der Gesellschaft zu sehen ist, widmen sich Superflex ganz oben der Oberschicht. Das dänische Künstlertrio hat von Anders Monrad eine Oper komponieren lassen. In drei Akten wird dort die Schenkung des Kopenhagener Opernhauses durch den kürzlich verstorbenen Mäzen und Reederer Möller Mærsk nacherzählt. Es geht um einen Architekten, der seine Stimme verlor – Henning Larsen musste sich bei dem Bau letztlich den wenig ästhetischen Wünschen des Geldgebers beugen. So wie Mærsk wollen auch Superflex ihre Oper an das dänische Volk übergeben. Sie haben deshalb dem Opernchef und dem Kulturminister bei einem kleinen Festakt die Partitur überreicht. Nun ist es an diesen, das Stück umzusetzen. Doch Superflex, wären nicht Superflex hätten sie nicht auf umfangreiche Urheberrechte für das Werk verzichtet. Deshalb darf es jeder zur Aufführung bringen.


Bei der Überreichung schilderte der linksliberale Kulturminister wie in seinem Büro eine gewisse Panik ausgebrochen sei als die Einladung zu dieser Veranstaltung eintraf. Schließlich ist die Oper ein Politikum. Dass der Politiker dennoch gekommen ist, muss nicht als Statement gegen Mærsk gelesen werden, sondern zeugt einfach von Offenheit. Einer Offenheit Kunst gegenüber, die fællesskab, der Gemeinschaft also, gut tut.

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