Bühnen am Bauhaus - Dessau

Kein Platz zum Atmen

Mensch – kein Raum – Maschine: Eine Ausstellung zu Bühnenexperimenten am Bauhaus erstickt in Platznot. In dem Gedränge bleibt kein Reflektionsraum, was die im Theater laborhaft durchgespielte Philosophie in ihren widersprüchlichen Facetten ausmachte.

Als Walter Gropius das Dessauer Bauhaus entwarf, wies er der Aula eine symbolische Scharnierfunktion zu.

Gleich vom Vestibül aus gelangt man zu dem via Ziehharmonikafaltwänden verwandelbaren Raum. Die Bauhaus-Bühne geriet immer wieder mit ihren Aufführungen, Vorträgen, Experimentalstudien, Performances und Festen zum heiß diskutierten Attraktionspunkt der wegweisenden Schule. In Oskar Schlemmer fand das Bauhaus von 1925 bis 1929 einen kühnen Impresario auf der Suche nach dem geometrischen wie leib-seelischen Konstrukt des Menschen.

Nun widmet sich erstmals eine Ausstellung im Bauhaus Dessau ausschließlich der Theaterarbeit. Man kann in den polarisierenden Strängen des Humanistischen und Maschinellen das kreative Reibungspotenzial der Bauhaus-Bühne ausmachen. Die um kostbare Leihgaben aus der Theaterwissenschaftlichen Sammlung in Köln bereicherte Schau streicht diesen Dualismus deutlich heraus. Warum aber musste man all die singulären Blätter und anschaulichen Entwürfe, Bühnenbilder, Hefte, Fotografien und Choreografien wie Dutzendware behandeln und in beklemmender Dichte in einem tristen Ausstellungsschlauch plakatieren? Links finden sich historische Exponate zur Bühnenautonomie des rein Maschinellen wie Schmetterlinge aufgespießt, rechts unzählige dokumentarische Bewegungsstudien des Akteurs im Koordinatenkreuz von Rhythmik und Abstraktion. In diesem Gedränge bleibt kein Reflektionsraum, was die im Theater laborhaft durchgespielte Philosophie in ihren widersprüchlichen Facetten ausmachte.

Der Spagat zwischen Mechanischem, Seriellem, Rationalistischem und der Utopie von einer ganzheitlich reformierten Gesellschaft ist über die mittleren Bauhaus-Jahre hinweg ein Dauerzwiespalt. So vermittelte Oskar Schlemmer 1925 im vierten Bauhaus-Buch mit seiner Vorstellung des "Tänzermenschen": "Er folgt sowohl dem Gesetz des Körpers als dem Gesetz des Raums; er folgt sowohl dem Gefühl seiner selbst wie dem Gefühl vom Raum." Mehr noch als mit dem bereits 1922 in Stuttgart uraufgeführten "Triadischen Ballett" lotete Schlemmer bei den Dessauer "Bauhaustänzen" das Potenzial der bewegten Körperarchitektur aus, überführte das Individuelle mittels wattierter Kostüme zum Typologischen.

László Moholy-Nagy spitzte diesen Ansatz in seinem "Theater der Totalität" zu, wo er die Bühnenapparatur zum alleinigen Darstellungsmittel erhob. Anstelle nun aber aus Platznot die Originale in einem Raum zusammenzupferchen, hätte man sich die lächerliche "Mirror Touch Maschine" von Daria Martin sparen sollen. In der spießigen Heimeligkeit eines Wohnzimmers findet sich ein begeh- und berührbares synästhetisches Kabinett aus Materialien und Spiegeln. Synästhesie-Verständnis aus dem Nähkästchen der Pädagogik! Kandinsky & Co würden die Glaswände hochgehen!
Im Vorfeld sorgten 18 Figurinen, die brasilianische Studenten triadischen Kostümen nachempfunden hatten, für Streit: Schlemmer-Enkel Raman wollte gerichtlich erwirken, dass sie als eindeutige Kopien gekennzeichnet werden. Das Bauhaus hielt "Studienrekonstruktionen"-Schilder für ausreichend. Das Gericht folgte der Bauhaus-Argumentation, Schlemmer legte Revision ein. Die Ausstellung läuft damit ungestört weiter.

"Mensch – Raum – Maschine"

Dessau, Bauhaus, bis 21.4.

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Katalog: Spector Books, 36 Euro. Zeitschrift: "Bauhaus 6", 8 Euro
http://www.bauhaus-dessau.de/mensch-raum-maschine-2.html