John Baldessari - New York

So schön wie die Wahrheit

"Die Wahrheit ist schön. Ganz egal, wie hässlich sie ist", hat John Baldessari einmal gesagt. Mit dieser simplen Feststellung liefert der kalifornische Meister der Konzeptkunst das Motto für seine Retrospektive, die von der Tate Modern in London in das Los Angeles County Museum gereist war, um schließlich im Metropolitan Museum of Art Station zu machen und dort, so der Kritiker der New York Times, den Hippness-Quotienten gerade ungewohnt nach oben schraubt.

Gezeigt werden 120 Arbeiten aus der Zeit von 1962 bis 2010. Baldessari spielt sein trickreiches Spiel mit der Wahrheit, die er in Collagen und Montagen und mit Hilfe von Worten manifestiert, manipuliert, reproduziert oder ausradiert. Wie bei seinem ebenfalls in Kalifornien lebenden Kollegen Ed Ruscha haben das Wort und das Bild bei Baldessari die gleiche Wertigkeit. "Pure Beauty" eröffnet mit einer Arbeit von 1968, die viel über die Herangehensweise des Künstlers verrät und den humorvollen Ton für die Ausstellung vorgibt.

Seit der Entstehung von "A Painting That Is Its Own Documentation" hat Baldessari die Arbeit auf sieben grauen Wandtafeln, die professionelle Schildermaler beschrifteten, weiterleben lassen. "19. Juni 1968, um 10.25 Uhr auf die Idee gekommen", steht da geschrieben. Am 3. August war sie ausgeführt. Zwei Monate später hing die Arbeit in der Molly Barnes Gallery in L.A. Seitdem wurden all die unterschiedlichen Stationen mit Datum aufgezeichnet.

Auch die Ausstellung tastet sich chronologisch durch die Schaffensphasen des Künstlers, der 2011 seinen 80. Geburtstag feiert. Los geht es mit der Demonstration von Baldassaris Skepsis gegenüber Autoritäten, besonders wenn es um die Kunst und darum geht, wie Kunst gelehrt wird. "Wenn ich Kunst mache, stelle ich in Frage, wie man dies tut", so Baldessari, der in den 70er und 80er Jahren Schüler wie James Welling und Mike Kelley am California Institute of the Arts unterrichtete und bis 2007 an der University of California in Los Angeles lehrte. In den späten 60ern hinterfragte er in einer Arbeit die klassischen Fehler, vor denen junge Kunstschüler gewarnt werden. Er zitierte den damals einflussreichen Kritiker Clement Greenberg und lieferte Marketingstrategien wie: "Grundsätzlich verkaufen sich hellere Farben besser." Als Motive seien Madonna und Kind, Landschaftsmalerei oder Blumenbilder gefragt.

Baldessari dokumentierte lieber die triste Realität von Straßenkreuzungen und Autowaschanlagen in seiner Heimatstadt National City. Er fotografierte blind drauf los, zog seine Bilder auf die Leinwand und ließ darunter Worte vom Zeichenmaler setzten. Das Format der Arbeiten wurde dadurch bestimmt, ob die Bilder in seinen VW-Bus passten. 1966 hatte Baldessari der reinen Malerei abgeschworen, um konzeptionelle Kunst zu machen, die auf Ideen basiert. Er ließ seine malerischen Arbeiten ("The Cremation Project") 1970 in einem Krematorium in San Diego verbrennen und bewahrt einen Teil der Asche in einer Urne in Buchform als Mahnmal auf, das samt Grabstein in der Ausstellung zu sehen ist. "Was setzt man ein, was lässt man weg?", grübelte der Künstler und ließ seine Gedanken als Leuchtbuchstaben durch einen Kasten laufen. Er versuchte, Zigarrenrauch in Form von Wolken zu blasen und ließ sich anhand der Beschreibungen von Kunststudenten von einem Steckbrief-Zeichner der Polizei malen. In Anlehnung an die bekannteste Aktion des Künstlers, bei der Studenten 1971 im kanadischen Nova Scotia College of Art and Design den Satz "I will Not Make Any More Boring Art" an die Wände schrieben, wird Baldessaris Video-Version gezeigt, in der er 13 langweilige Minuten lang den Satz niederschreibt. In einer der schönsten Arbeiten (von 1972) sitzt Baldessari auf einem Stuhl und trägt Sol Le Witts zu 35 Punkten zusammengefasste Gedanken zur konzeptionellen Kunst singend als amerikanische Evergreens vor.

Weil er dem einzelnen Bild als Überbringer einer einzigen Wahrheit misstraute, setzte Baldessari seine späteren Arbeiten aus diversen Bildern zusammen, die er wie die Bauklötze aufeinander schichtete, und die durch die neue Form der Verknüpfung andere Bedeutung bekommen. Er verwendete Aufnahmen aus der Werbung oder Bilder aus B-Movies. Sein "Mountain Climber" (1988) hängt unterhalb der Galerie-Decke. Über ein Seil ist er mit einem Taucher in Bodennähe verbunden, der in einer Geburtstagstorte zu schwimmen scheint. Baldessari reißt aus dem Zusammenhang, er blockt Informationen ab, indem er Gesichter mit Farbkreisen überklebt und vermengt Bilder, Inhalte und Emotionen. Bis sich seine Bilder wie in "Hand, Ladle, Spaghetti, Pot, Plate and Chair" von 2010 schließlich auf das Wesentliche reduzieren und die Kunst des Weglassen den Weg vorgibt.

Es hatte eine Weile gebraucht, bis der kalifornische Künstler in New York Beachtung gefunden hatte und bis sich der kommerzielle Erfolg einstellte. Im Sommer 2009 war Baldessari in Venedig anlässlich der Biennale für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Eine seiner frühen Arbeiten ("Quality Material") ging 2007 bei Christie´s für 4,4 Millionen Dollar unter den Hammer. Für die Prada Foundation fertigte er neun von Alberto Giacometti inspirierte Skulpturen, die bis 26. Dezember in Mailand ausgestellt werden. Für eine Installation in Berlin arbeitet er an einer Version seiner schwebenden Gehirn-Wolke "Brain/Cloud".

Anfang 2000 hatte Baldessari an seiner "Duress"-Serie gearbeitet, die ebenfalls im Metropolitan zu sehen ist. Er fotografierte Filmausschnitte vom Fernsehbildschirm ab und fing Menschen ein, die kletterten, rannten, um sich traten und sich offensichtlich in einer stressigen Situation befanden. Wieder löschte er die Identitäten der Personen aus. Ihre Körper sind monochrome Farbflächen, die er auf Fotos von austauschbaren Stadtansichten montierte. Die Serie sei ein angemessenes Thema für harte Zeiten wie diese, meint der Künstler.

"Pure Beauty"

Termin: bis 9. Januar 2011, Metropolitan Museum of Art, New York