Jeff Koons - New York

Strahlende Leere

Die Fraktion der Leute, die Koons nicht ausstehen können oder die der Künstler mit seinen perfektionistischen Fetischobjekten kalt lässt, wird auch diese Ausstellung nicht vom Gegenteil überzeugen. Koons-Fans hingegen werden an der großen, lauten und schrillen Schau im New Yorker Whitney Museum ihre wahre Freude haben.

Der New Yorker Künstler, der Anfang nächsten Jahres seinen 60. Geburtstag feiern wird, eröffnete im Whitney Museum of Modern Art seine große Retrospektive, die sich über 35 Schaffensjahre erstreckt.

Koons übernahm nicht nur fast das komplette Whitney-Gebäude. Es handelt sich obendrein um eine symbolträchtige Ausstellung. Die letzte im von den New Yorkern und von so vielen Künstlern geliebten Gebäude von Marcel Breuer. Ein dunkles, charakterstarkes Gemäuer Uptown an der Madison Avenue. 2015 wird das Whitney in seinen neuen Glaskasten nach Downtown Manhattan am High-Line-Park ziehen und das Breuer-Haus vorerst dem Metropolitan Museum überlassen.

Der Künstler ließ Museumsdirektor Adam Weinberg bei der äußerst gut besuchten Pressekonferenz ein wenig warten. Um dann im eleganten, perfekt sitzenden Anzug und mit Dauer-Strahlen im braungebrannten Gesicht aufzulaufen. "Ich glaube an die Kunst", verkündete Koons, der sich anlässlich der Ausstellung in "Vanity Fair" wie eine seiner geliebten antiken Heldenskulpturen splitternackt beim Training in seinem verspiegelten Fitnessstudio inszeniert hatte. "Die Kunst hat mir beigebracht, Gefühle zu verstehen und mir geholfen, ein besserer Mensch zu werden." Dann philosophierte er kurz über seinen Glauben an die Zukunft, wobei er das Schicksal der Menschheit zu meinen schien, über große Begriffe wie Freiheit und über seine ganz persönliche Zukunft, in der er als Künstler mit Picasso als übergroßem Vorbild noch große Pläne hat.

Los geht es bei der von Scott Rothkopf kuratierten Ausstellung im zweiten Stock mit den Anfängen des Künstlers. Scott Rothkopf hat Superstar Koons bereits vor zwölf Jahren kennengelernt, als der junge Kurator noch Student war. Den Künstler behandelt er mit entsprechendem Respekt. Rothkopf lieferte eine chronologisch angeordnete, sparsam ausgewählte und überraschend bescheiden daherkommende Show, die in Koons egozentrischen Kosmos führt und zeigt, dass der Künstler bereits in frühen Jahren an Themen arbeitete, die er später wieder aufgreifen sollte. Koons Hoover-Staubsauger strahlen in ihren Glasvitrinen im Neonlicht. Mit den Glaskästen erhob Koons die Sauger, seine Reaktion auf Warhols Pop-Art und Duchamps Readymades, zu Heiligtümern und Konsum-Trophäen. Schon damals in den achtziger Jahren hatten viele seiner Objekte eine faszinierende optische Kraft, die gleichzeitig etwas Kaltes, Leeres ausstrahlte.

Zu Skulpturen geadelte Kitschfiguren

Wie sein Kollege Richard Prince experimentierte Koons mit Appropriation Art und hängte Werbeanzeigen mit schlüpfrigen oder auf Familienwerte setzenden Botschaften an die Wände. Er arrangierte bunte Putzschwämme vor Spiegeln oder verkündete eisig kalt "The New" in einem Leuchtkasten. Der spannendste Part ist ein kleiner Raum mit Arbeiten aus den späten siebziger und achtziger Jahren mit aufblasbaren Blumen, Hasen, Spiegeln und klassischen Skulpturen der Antike. Was auch immer Koons später ausarbeiten sollte, war damals bereits an Ideen vorhanden.

Im nächsten Stockwerk werden die Besucher von Koons' unverschämtem Hasen aus poliertem Edelstahl empfangen. Koons "Made in Heaven"-Serie über seine sexuellen Abenteuer mit Exfrau Cicciolina, gepaart mit einer Büste, mit der er sich selbst zelebriert, lassen sich schnell als bizarrer Ego-Fetisch abhaken. Aufblasbares Kinderspielzeug, die Actionfigur des Unglaublichen Hulk oder Popeye berühren einen in ihrer technisch aufwendigen, perfekten Ausführung so kurzfristig wie der Besuch des amerikanischen Spielzeugparadieses FAO Schwarz. Unweigerlich muss man an Sammler wie Steve Wynn denken, der sich für 28,2 Millionen Dollar passend zur geschmacklosen Vegas-Show einen glatt polierten, sich in jedem Muskel spiegelden Popeye für sein Kasino zugelegt hat. Koons' zu Skulpturen geadelte Kitschfiguren aus der Banality-Serie wie sein Michael Jackson aus Porzellan oder Buster Keaton aus Holz, mit denen er Kitsch und hohe Kunst, Pop-Kultur, Religion, Sex und Konsum vereint und als kostspielige Kunst wieder zu Konsumobjekten werden lässt, stellte Kurator Rothkopf wunderbar wie im Einkaufsladen in einer langen Reihe auf. Koons' fotorealistische Collage-Malereien, die er nach dem Malen-nach-Zahlen-Prinzip von einem Heer von Assistenten ausführen lässt, dienen als Hintergrund für seine Skulpturen. Doch sie wirken seelenlos, banal und kalkuliert.

Das Finale der Ausstellung steigt im vierten Stock mit der Celebration-Serie und einem Exemplar von Koons' Ballon Dogs, dessen polierter Magie sich kaum jemand entziehen kann. Die Ballonhunde stehen exemplarisch für Koons und seine Kunst: In den neunziger Jahren führte ihn die Serie beinahe wegen der aufwendigen Produktion in den finanziellen Ruin, um in Zeiten des Turbo-Kapitalismus aus ihm den teuersten lebenden Künstler unserer Zeit zu machen. Wobei teuer heute mit bedeutend gleichgesetzt wird. Im Vorjahr wurde eines der Exemplare für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Und bei H&M werden anlässlich der Ausstellung Handtaschen in limitierter Auflage mit dem Hunde-Motiv für 49,50 Dollar verkauft. All der bombastische, frivole Kitsch und Glanz, in dem man sich in Form von Herzen oder Ballons so schön spiegeln kann, wird jedoch von einem gewaltigen Haufen Knetgummi aus Aluminium ("Play-Doh") aufgesogen. Ein genialer bunter Klumpen Kunst, der so aussieht, als ob ein unbeholfener Riese mit dem Abstrakten Expressionismus gespielt hat. 20 Jahre arbeitete Koons an der Skulptur, zu der ihn Sohn Ludwig in sündigen Cicciolina-Zeiten angeregt hatte.

Leute, die Koons von früher kennen, bescheinigen, dass er sich bereits in jungen Jahren als Genie und seine Kunst als eine Art göttliche Kreation empfunden hat. Er will die Welt bereichern. Es geht ihm um menschliche Erfahrungen, wie er immer wieder betont. Darum, die Kunst von ihrem Sockel zu heben. Eine schöne Idee. Doch das Ergebnis sind sündhaft teure Luxusgüter, die sich schnell konsumieren lassen und die gern in einer glänzenden Schale stecken, die im Inneren erschreckend leer erscheint. Was Koons zu einem bedeutenden Künstler macht. Denn er ist ein trauriger Botschafter für die Zeit, in der wir leben.

"Jeff Koons: A Retrospective"

New York, Whitney Museum of American Art, bis 19. Oktober 2014
http://whitney.org/Exhibitions/JeffKoons

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