Rosemarie Trockel - Bonn

Mit Forscherblick

Ihr Stilmittel ist die Nicht-Festlegung auf Stile und Medien – eine Ausstellung im Kunstmuseum Bonn präsentiert rund 200 Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe der renommierten Künstlerin Rosemarie Trockel

So lapidar der Ausstellungstitel, so beeindruckend ist die Schau, die sich dahinter verbirgt. Die Konzentration auf "Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe" aus dem gesamten Schaffen Rosemarie Trockels fördert einen Eigensinn zu Tage, der das grafische Konvolut vom herausgerissenen Notizblatt bis zum niemals einer tatsächlichen Realisierung zugedachten Buchentwurf mühelos in den Rang eines eigenständigen Werkes erhebt. Dabei hilft die stringente Inszenierung, die jede einzelne Arbeit in ein Geflecht vielfältiger Beziehungen einbindet, so dass zusammenhängende Ordnungen in der Art von Gattungen oder Familien erkennbar werden.

Tatsächlich bieten sich die Naturwissenschaften als Vergleichsebene zur Beschreibung der künstlerischen Vorgehensweise an. Gilt doch die überwiegende Mehrzahl der insgesamt etwa 200 Exponate der Auseinandersetzung mit der eigenen Spezies, die mit der Distanz des Forschers vorgeführt wird in all ihrer wunderlichen Vielgestalt der Erscheinungsformen und Befindlichkeiten. Nur gelegentlich findet auf einem einzelnen Blatt eine Interaktion zwischen Paaren oder mehreren Personen statt. Meist handelt es sich um Einzelfiguren: Die Schläfer oder Träumer, die langnasigen Larvengesichter, feinmodulierten Porträtköpfe, zwitterhaften Tiermenschen; starr von Titelseiten lächelnde Prominenz, Stars und Politiker; kopflose Körper und in sich selbst versunkenen Akte – sie alle wirken wie isolierte Studienobjekte. Tritt der Mensch in der Masse auf, entstehen ornamentale Strukturen als Metaphern kollektiven Verhaltens. In diese Ambivalenz zwischen Schutz und Reglement passen auch die kleinteiligen Rapporte auf Millimeterpapier, die Vorliebe für Stoffe und Muster, das Maschenwerk aus Strick.

Dass die 1952 in Schwerte geborene Rosemarie Trockel inzwischen zu einer der einflussreichsten und bedeutendsten Künstlerinnen zählt, hat nicht zuletzt mit ihrem traumwandlerisch sicheren formalen Gespür zu tun. Ihr Stilmittel der Nicht-Festlegung auf Stile und Medien schützt sie vor einer sich selbst genügenden Virtuosität. In jedem ihrer Werke ringt die Form mit dem Inhalt um eine Aussage, die genausoviel zeigt wie sie verbirgt. Gelegentlich wird ein Thema in verschiedenen Techniken durchgespielt. Auf die knappste Erkennbarkeit reduzierte Köpfe scheinen ihren Charakter vor unseren Augen dramatisch zu wechseln je nachdem, ob sie in Kreide, Tusche oder Wasserfarbe ausgeführt werden. Andererseits bringen technische Errungenschaften wie beispielsweide das Kopiergerät neue Inhalte hervor, wie etwa wenn mehrfaches Übereinanderkopieren derselben Vorlage statt Verdeutlichung im Gegenteil Verunklärung bewirkt, weil die Vorlagen zwischen den Kopiervorgängen ganz leicht verrutscht sind.

Mit den erst in den letzten Jahren entwickelten Collagen wagt die Künstlerin modellhafte Zuordnungen im abgeschlossenen Geviert großer, flacher Holzkästen. Ältere und neue Zeichnungen werden mit heterogenen Elementen wie Stoff, Fotografie, Malerei, Reproduktionen oder Buchumschlägen kombiniert, auf die Fläche getackert, geklebt oder genäht. In den Collagen fließen die unterschiedlichen Transformationslinien zusammen. Freilich in einer Form, die das Offene und Fragmentarische zum Prinzip erklärt.

"Rosemarie Trockel – Zeichnungen, Collagen und Buchentwürfe"

Daten: bis 4. September, im Kunstmuseum Bonn, der Katalog erscheint im Verlag Hatje Cantz und kostet 39,80 Euro
http://www.kunstmuseum-bonn.de/information/aktuell/

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