6. Berlin Biennale - Kathrin Rhomberg

Kreuzberg ungeschminkt

Ein großer Teil der 6. Berlin-Biennale findet diesmal in einem leerstehenden Warenhaus am Oranienplatz statt. Im Interview erklärt Kuratorin Kathrin Rhomberg, Expertin für osteuropäische Gegenwartskunst, was sie an der flüchtigen Geschichte des Viertels fasziniert.
Kreuzberg ungeschminkt:Kathrin Rhomberg über ihre 6. Berlin Biennale

Kuratorin Kathrin Rhomberg in den Räumen eines ehemaligen Warenhauses am Oranienplatz 17, einem Schauplatz der 6. Berlin-Biennale

Frau Rhomberg, das Haus am Oranienplatz 17 wird gerade für Ihre Ausstellung her­gerichtet. Dennoch klebt am Fenster ein Zettel mit der Warnung: "Bitte nicht putzen!" Warum dürfen die Fenster an diesem Biennale-Ort nicht geputzt werden?

Kathrin Rhomberg: Weil es Teil der Ausstellungskon­zeption ist, einige Fenster zu putzen, andere nicht; einige Wände werden gestrichen, andere nicht. Wir möchten das Haus in seiner Eigenheit für die Ausstellung erhalten.

Das Gebäude war ursprünglich ein Warenhaus. Was gefiel Ihnen an der Architektur?

Es besitzt eine besondere Großzügigkeit, ist Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut wor­den, hat ideale Proportionen. Und es wirkt wie in die Realität Kreuzbergs hineingeschoben. Das Gebäude öffnet sich mit seinen Fensterfronten an zwei Seiten zum ur­banen Alltag. Die Architektur gibt den Blick nach außen vor. Ein Blick, der auch mit den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten zu tun hat. Kreuzberg ist für mich ein Stadtteil, der die Zukunft unserer europäischen Gesellschaften spiegelt, die noch stärker als heute von Mobilitätsstrukturen geprägt sein wird.

Ein Vorwurf, der Berlin-Biennalen mitunter gemacht wurde, ging dahin, dass die Kunst sich mit der Atmosphäre des Ruinösen der Räumlichkeiten auflädt.

Das Ruinöse hatte bei vergangenen Berlin-Biennalen natürlich auch mit der Stadt zu tun, weil sie im Umbruch, im Aufbau, im Wandel war. Ich würde sagen, dass Berlin, über 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, nun in einer Phase der Normalisierung angelangt ist. Das Gebäude am Oranienplatz 17 hat gar nichts Ruinöses, es stand nur sehr lange leer. Wir wollen aber die Spuren, die sich hier in den Jahren angesammelt haben, als Teil der Ausstellung verstehen. Ausgehend von den künstlerischen Arbeiten reagieren wir auf die Räume: Manche erscheinen fast als White Cube, in andere wird sich die Atmosphäre des Gebäudes einschreiben.

Einer der ersten Künstler, dessen Namen sie preisgegeben haben, ist Roman Ondák. Er hat letztes Jahr auf der Biennale von Venedig den tschechischen und slowakischen Pavillon mit Gebüsch bepflanzt und mit dem Gelände der Giardini verbunden. Wie geht er mit der Situation hier um?

Roman Ondák hat eine neue Arbeit mit dem Titel "Zone" entwickelt. Es handelt sich um eine überdimensionierte Garderobe, die den Ausstellungsraum aus dem Lot geraten lässt. Die Größe der Garderobe spielt auf die Architektur und Ausstattung früherer Kulturpaläste an, deren schiere Größe politi­sche Bedeutung und Wirklichkeiten generierte. Die Besucher können ihre Mäntel und Taschen an der Garderobe abgeben, und zugleich drückt sich in ihrer aufgrund des Sommers wahrscheinlich spärlichen Nut­zung ein Sehnsuchtsmotiv aus. Bereits in Venedig trat der Besucher in Interaktion mit Ondáks Arbeit, da er den Pavillon zu ei­nem Durchgangsort gemacht hatte.

Sie wollten der Biennale keinen Titel geben. Einmal sagten sie: Sowohl atmosphärisch als auch strukturell versuche ich ein Moment zu entwickeln, das die Arbeiten der KünstlerInnen im gemeinsamen Kontext trägt." Was heißt das in Hinblick auf die Schau?

Ein Kontext ist natürlich der spezifische Fo­kus, den diese Berlin-Biennale zu schärfen versucht. Es ist die Frage nach dem Verhältnis der Kunst zur Gegenwart: Wie stellt sich die künstlerische Situation heute dar, wenn man die letzten zehn Jahre Revue passieren lässt? Das waren restaurative Jahre, die durch Krisen geprägt waren, die markiert sind durch 9/11 und den Zusammenbruch des Finanzmarkts 2008. Unsere Realität hat sich im Zuge dessen stark verändert und da­mit auch das Verhältnis der Kunst zu ihr.

Ihre Künstlerliste war lange nicht abgeschlossen. Sie lassen Veränderungen zu, be­tonen das Flüchtige.

Das Flüchtige ist auch ein Moment, das sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun hat. Wir leben in einer Zeit, die auf diffuse Weise fragmentiert erscheint. An diesem Punkt ist Berlin als kosmopolitische Stadt, in die innerhalb kurzer Zeit viele Menschen aus ver­schiedenen Städten und Ländern gezogen sind, wieder sehr interessant. Viele von ihnen wohnen in Berlin, arbeiten aber nicht hier, sondern anderswo. Das schafft eine gro­ße Beweglichkeit und Mobilität, gleichzeitig aber auch fragmentierte und zersplitterte Lebensumstände.

Der älteste Künstler der Berlin-Biennale wur­de 1815 geboren, der jüngste 1986 – eine un­gewöhnlich weite Altersspanne für die Biennale. Als historischen Rahmen lassen Sie eine Schau mit Werken von Adolph Menzel in der Alten Nationalgalerie kuratieren.

Die Ausstellung mit Zeichnungen und Gouachen von Adolph Menzel wird von dem ame­rikanischen Kunsthistoriker Michael Fried kuratiert. Menzel hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Hauptwerke geschaffen. Eine Zeit, die von ähnlich tiefgreifenden Veränderungen geprägt war, wie wir sie in den letzten zehn Jahren erlebt haben. Für das Verständnis unserer Gegenwart kann es sehr aufschlussreich sein, wenn man sich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einmal genauer ansieht. Als eines der Charakteristika der Arbeiten von Menzel beschreibt Fried, dass er die Welt nicht einfach abgebildet, sondern über das Körperliche und die Möglichkeit der Einfühlung eine Verbindung zur Welt hergestellt hat. In diesem Zusammenhang ist auch der Begriff der "Entfremdung" interessant, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommen ist, um damit eine Wirklichkeit zu beschreiben, die unter den sichtba­ren Oberflächen liegt.

Manche werden Ihren Realismusbegriff miss­verstehen, nämlich in figürlichem oder dokumentarischem Sinn.

Mir geht es weder um Realismus noch um die Abbildung von Wirklichkeit. Wie bei Adolph Menzel geht es um eine künstlerische Haltung, die sich nicht der Gegenwart und ihren Wirklichkeiten entzieht. Aber anders als bei Menzel eignen sich viele Arbeiten in der Ausstellung die Wirklichkeit an beziehungsweise produzieren sie.

Wo aber scheint der Perspektivwechsel in der Biennale visuell auf? Vielleicht bei dem Künstler Marcus Geiger, der ein Unbehagen in der Gegenwart formuliert.

Marcus Geiger ist in dem Zusammenhang sicher interessant, weil er seine Arbeiten prä­zise auf die äußeren Realitäten hin zuspitzt und die Frage nach dem Sinn und den Möglichkeiten von Kunst unter den heutigen Bedingungen eines ständig expandierenden und zunehmend überhitzten Kunstbetriebs herausfordert.

Könnte es sein, dass die Biennale ein neues Körperverständnis zum Vorschein bringt?

Das menschliche Maß ist sicher ein Thema bei der Biennale. Es spiegelt sich beispielsweise in der Fotoserie von Michael Schmidt. Wir zeigen seine Arbeiten nicht in den Ausstellungsräumen, sondern ausschließlich im öffentlichen und medialen Raum, auf Plakaten, in Zeitungsinseraten und in allen Publikationen der Biennale. Seine Serie von Frauenporträts zeigt junge, selbstbewusste Frauen, unheroisch und jedem medialen Blick auf Frauen zuwiderlaufend. Die Bilder agieren im öffentlichen und medialen Raum als Unterbrechung eines von Massenme-dien geprägten Alltags. Überhaupt steht der Mensch in einigen Arbeiten im Mittelpunkt: Er ist immer in Bewegung, so als ob er nicht genau wüsste, wie es weitergehen wird. Aber er scheint sich darüber bewusst zu sein, dass er als aktives und handelndes Individuum die Möglichkeit hat, gestaltend an einer Zukunft zu arbeiten.

Welche Künstler zeigen diesen dynamischen Zugriff auf die Welt?

Es trifft vielleicht auf alle zu. Aber nehmen wir Petrit Halilaj, einen ganz jungen kosovarischen Künstler. Er baut mit seiner Familie ein neues Haus in Priština, da sich die Familie entschieden hat, aus dem zerstörten und mit Erinnerungen und Bildern vom Krieg besetzten Haus in der Nähe der Stadt auszuziehen. Die beim Bau verwendeten Holzverschalungen lässt Halilaj nach Berlin transportieren, um damit ein Abbild des Hau­ses, oder besser die skulpturale Hohlform davon, in den White Cube der KW Ins­titute for Contemporary Art zu stellen.

Auffallend ist, dass viele Ihrer Künstler in den vierziger Jahren geboren sind.

Ja, einige! Im Kontext der letzten zehn Jahre wurde nochmals deutlich, wie unglaublich radikal und gegenwärtig diese Generation im Denken ist. Bewusst werden auch hier nur in den letzten Jahren entstandene Arbeiten präsentiert. Ion Grigorescu ist eine zentrale Figur in der Ausstellung. 1945 in Rumänien geboren, entwickelte er während des Ceaus¸escu-Regimes unter unglaublich komplizierten Bedingungen seine Werke. Derselben Generation gehört auch die Experimentalfilmerin und Fotografin Friedl vom Gröller (Kubelka) an. Sie zeigt einen neu­en dreiminütigen Film, der auf berührende Art das Altern thematisiert. Beides Künstler, die sich eingehend auch mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt haben. Und beide Künstler kreisen um ganz existenzielle Momente des Daseins.

Was, glauben Sie, wird von Ihrer Biennale in fünf Jahren noch im Gedächtnis sein, wenn es um so flüchtige Dinge geht? Die letzte Biennale ist im Nebulösen verpufft.

Für mich ist eine Ausstellung immer ein Experiment, mit dem ich mich nicht absiche­re. Es geht mir aber nie um die Illustration einer These, sondern um die einzelne künstlerische Position, von der ich überzeugt bin, dass sie eine große Zukunft vor sich hat. Ich empfinde das auch als Verantwortung ge­­gen­über den Künstlerinnen und Künstlern.

"Berlin-Biennale"

Termin: 11. Juni bis 8. August. Öffnungszeiten: Di–So, 10–19 Uhr, Do 10–22 Uhr. Eintritt: Ticket (alle Orte) 14 Euro (regulär),7 Euro (ermäßigt), Gruppen ab 10 Personen pro Person 10 Euro (regulär), 5 Euro (ermäßigt), Familienkarte (2 Erwachsene mit Kindern unter 18 Jahren) 25 Euro. Veranstaltungsorte: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69; ehemaliges Kaufhaus, Oranienplatz 17; Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1–3. Katalog: Reader, 25 Euro; Katalog (Kurzführer), 14,95 Euro; beide Deutsch/Englisch im DuMont Buchverlag
http://www.berlinbiennale.de/