Beltracchi-Film - Kritik

Beltracchi sehen und die Abgründe des Kunstmarkts verstehen

Heute läuft der Dokumentarfilm "Beltracchi – die Kunst der Fälschung" im Kino an. Die "FAZ" hat ihn verrissen – dabei ist der Film ein wichtiges Dokument des größten Kunstfälscherskandals der Moderne. art-Redakteur Daniel Boese nennt die sechs Gründe, warum man den Film unbedingt sehen muss.
Ab ins Kino!:6 Gründe, warum jeder den Beltracchi-Film sehen sollte

Wolfgang Beltracchi experimentiert mit Farbpigmenten und einem Laubstaubsauger

An schlechter Presse im Voraus mangelt es nicht: Die "FAZ" verriss "Die Kunst der Fälschung" als "langweilig" und "langatmig" unter der knalligen Headline: "Die unerträgliche Seichtigkeit der Leinwand".

Rose-Maria Gropp, Feuilleton-Redakteurin und verantwortlich für den Kunstmarkt, wirft dem Film mangelnden Aufklärungswillen vor: "Ein solcher Film – wenn überhaupt angebracht – hätte knallhart jene Hintergründe bloßlegen müssen, die im durch einen 'Deal' zwischen Staatsanwalt und Angeklagten abgekürzten Prozess vor nun zwei Jahren im Dunkeln geblieben sind."

Das ist ein merkwürdiges Missverständnis: Warum soll ein Film das tun, was die Richter nicht getan haben? Was die Journalisten Stefan Koldehoff und Tobias Timm in ihrem preisgekrönten Buch "Falsche Bilder. Echtes Geld" schon getan haben? Und was das "FAZ"-Feuilleton für das Rose-Maria Gropp schreibt, auch jetzt, über zwei Jahre nach Urteilsverkündung, sieben Tage die Woche veröffentlichen könnte. Denn natürlich gibt es da noch Dinge aufzuklären. Die "FAZ" selbst ist ja auf problematische Weise in den Fall verwickelt: Durch den verkürzten Prozess wurde eben gerade nicht geklärt, wie genau Werner Spies, Max-Ernst-Experte und seit 40 Jahren Autor der "FAZ", in den Betrug verwickelt war.

Der Kern des Missverständnisses ist es, vom Film eine Aufklärung oder eine explizite Verurteilung zu erwarten. Als ob Beltracchi nicht schon von einem Richter zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden wäre. Oder man von einen Kinofilm einen aburteilenden Kommentar im Voice-Over erwarten würde wie von einem Redakteur bei einer Doku der Öffentlich-Rechtlichen.

Arne Birkenstock hatte gute Gründe, den Film so zu machen, wie er ist. Und wer sich für Kunst interessiert, hat Gründe, sich den Film unbedingt anzusehen.

1. Weil die Geschichte so irre und so spannend ist

Es geht immer noch um "den mutmaßlich größten Kunstfälscherskandal der abendländischen Geschichte". So schrieb art-Korrespondent Michael Kohler, der den Prozess im Gerichtssaal begleitet hat. Und das "mutmaßlich" sollte man streichen. So eine Geschichte ist nicht zu killen und trägt die 90 Minuten leicht.

2. Weil Wolfgang Beltracchi anderthalb Stunden tobte, als er den Film das erste Mal sah

Ja, Regisseur Arne Birkenstock ist der Sohn des Anwalts, der Beltracchi verteidigt hat. Das ist kurios. Aber Arne Birkenstock ist 46 Jahre alt, er ist mit dem Deutschen Filmpreis und dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet worden und ein Vollprofi: Natürlich hat er vor Beginn der Dreharbeiten einen Vertrag mit Beltracchi geschlossen und sich garantieren lassen, dass es keine Abnahme durch das Ehepaar Beltracchi gibt. Und deswegen explodierte Beltracchi, weil er eben nicht verhindern konnte, dass der Film seine Pose als sympathisches Schlitzohr auseinandernimmt. Und das erklärt auch, warum der Film öffentliche Fördergelder wert war – er ist ein überzeugendes Dokument eines großen Skandals.

3. Weil Film das richtige Medium für die Geschichte ist

Wie konnte ein Mann die größten Auktionshäuser Europas und einige der angeblich besten Kunstexperten der Welt in die Irre führen? Wer bei dieser Frage neugierig wird, will sich dem Thema auch visuell nähern. Die Geschichte schreit nach sinnlicher Erfahrung. Und nichts wäre dafür besser geeignet als die große Kinoleinwand. Beltracchi beim Malen und Fälschen zuzusehen ist unbezahlbar.

4. Weil Arne Birkenstock seinem Publikum mehr zutraut als die "FAZ"

"Die Kunst der Fälschung" will nicht besser aufklären, als der Strafprozess. Sondern der Film will den Skandal für ein breites Publikum erfahrbar machen. Dafür räumt er dem Großmaul und Betrüger Wolfgang Beltracchi viel Platz auf großer Bühne ein. Aber hier muss man genau hinsehen: Beltracchi hätte gerne, dass man ihn als Schelmenfigur, Till Eulenspiegel oder eine Art modernen Robin-Hood versteht. Das ist er aber nicht. Er hat nur für sein eigenes Leben in Saus und Braus unter Palmen und auf Yachten betrogen.

Arne Birkenstock traut dem Publikum zu, diese Schlüsse selbst zu ziehen, ohne sie per Kommentar vorzubuchstabieren. Seine Zurückhaltung ist an eigenen Stellen auch eine Schwäche, weil man zum Beispiel nicht erfährt, wann die Sequenzen im Haus in Freiburg und im Anwesen in Südfrankreich gedreht wurden. Die Szenen in Frankreich und Freiburg sind nach Urteilsverkündung und vor Haftantritt aufgenommen. Szenen, die im Atelier in der Nähe von Köln spielen sind während der Haft als "Freigänger" entstanden. Diese Info geht unter, und man bleibt an einigen Stellen etwas orientierungslos. So ist auch die Slowmotion Szene, in der Beltracchi seinen Computer in einem See versenkt, nachgestellt worden – es befanden sich keine Daten auf dem Computer. Aber abgesehen von diesen Unklarheiten sieht man im Gesamtbild den gierigen Kunstfälscher Beltracchi mit der großen Klappe.

Ob Birkenstock damit richtig liegt, dem Publikum so viel zuzutrauen, steht auf einem anderen Blatt. In ihrem Verriss stolpert auch Rose-Maria Gropp über die Szenen in Südfrankreich: "Dazu wäre immerhin eine Klärung angebracht gewesen: Wieso kann das Paar, das zu Haftstrafen von sechs und vier Jahren, wenngleich mit Freigang, verurteilt ist, überhaupt so ungehindert zum Drehen ausgedehnter Szenen dorthin zurückkehren? Jeder andere Freigänger fände solche Optionen bestimmt auch ganz großartig." Wenn selbst eine "FAZ"-Redakteurin, die eine Kritik schreibt, die Mühe scheut, beim Verleih nachzufragen, wann die Szenen gedreht wurden, was soll dann erst Lieschen Müller tun?

5. Weil der Film den Unterschied zwischen einem wahren Künstler und Beltracchi zeigt

Birkenstock integriert in den Film Archivaufnahmen von Max Ernst. Man sieht und hört den Maler, wie er die Entdeckung seiner Frottage-Technik beschreibt. Danach sieht man Beltracchi, wie auch er auf Holzdielen die Leinwand schraffiert. Aber das ist eben der Unterschied zwischen dem Entdecker und dem Imitator. Zwischen wahrem Künstler und Fälscher.

6. Weil Wolfgang Beltracchi danach vergessen werden kann

Natürlich nervt Wolfgang Beltracchi. Er ist überpräsent mit Talkshowauftritten bei Markus Lanz und Giovanni di Lorenzo unter wohlwollendem Applaus. Die zwei dicken Bücher, dazu Vorabdruck und Interview auf einigen Seiten in der "Zeit" und dazu jetzt auch noch der Film. Beltracchi wäre es sicherlich nicht unrecht, wenn er als Meisterfälscher durch die Hintertür doch noch zum großen Künstler würde. Aber gerade weil ihm "Kunst der Fälschung" so viel Raum einräumt, entlarvt er sich selbst. Als jemand, der zwar gut im Handwerk ist. Aber im Grunde nur Verachtung für die Kunst übrig hat. Und wenn man das verstanden hat, verliert die Person Wolfgang Beltracchi auch ihre Faszination. Die Strafe dürfte für einen Narziss so groß sein, wie das Gefängnis.

Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Dokumentarfilm mit Wolfgang Beltracchi und Helene Beltracchi

Regie: Arne Birkenstock

Ab 6.3.2014 im Kino
http://senator.de/movie/beltracchi-die-kunst-der-faelschung