Richard Avedon - Berlin

Bilder ohne Menschen kann ich nicht

Seine Porträtfotografien von Alberto Giacometti, Janis Joplin und Twiggy sind legendär. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist jetzt die erste Retrospektive des 2004 gestorbenen amerikanischen Starfotografen Richard Avedon zu sehen.

Ob große Literaten wie Samuel Beckett oder Aldous Huxley, Avantgarde-Musiker wie John Cage, Künstler wie Marcel Duchamp, US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower und Henry Kissinger, die Stilikone Twiggy oder Popstars wie die Beatles oder Marilyn Monroe – sie alle posierten vor seinem Objektiv.

Zeit seines Lebens füllte der vor vier Jahren verstorbene amerikanische Fotograf die Seiten der weltweiten Hochglanzmagazine. Doch mitnichten ließe sich sein Schaffen auf Auftragsfotografien beschränken. Was ihm gelang, war der Spagat zwischen kommerziellem Erfolg und künstlerischer Individualität.

Bekannt wurde Avedon durch die Modefotografie, die er in den fünfziger Jahren revolutionierte. Mannequins sollten sich vor seiner Kamera alles andere als verkleiden. Vielmehr inszenierte er sie in ungewöhnlichen Posen, ließ sie barfuß am Strand herumlaufen, um diese unbeschwerte Freiheit schließlich im Bild gefangen zu nehmen. Er bezeichnete die Modefotografie als angenehme Aufgabe, mit der er sein Geld verdiente, nicht aber als seine tiefe Leidenschaft. Der schöne jugendliche Schein der Glamourwelt interessierte Avedon nicht wirklich. Schönheit sah er vielmehr in vom Leben gezeichneten Gesichtern, in denen sich Seelenlandschaften offenbaren. Seine wahre Passion war die Porträtfotografie, die weit über die bloße Abbildung der oberflächlichen Glamour-Welt hinausging.

Voyeuristischer und psychologischer Blick zugleich

Durch Geduld und Höflichkeit, gepaart mit emotionaler Intelligenz und Eloquenz, gelang es Avedon immer wieder, das Vertrauen seiner Modelle zu gewinnen. Fotografie als psychologischer Prozess, der die Menschen vor seiner Kamera dazu brachte, sich zu öffnen, ihre Eitelkeit abzulegen und ihr wahres Gesicht zu zeigen. "So eine Sitzung ist ein Austausch von Emotionen. Und ein gutes Bild entsteht in dem Moment, wo sich diese Emotionen begegnen", erklärte Avedon einst. Es war das Leben, das ihn interessierte: "Nur Stillleben, Bilder ohne Menschen, kann ich nicht".

Ganz gleich, in welchem Kontext seine Fotografien veröffentlicht wurden, sie zeugen allesamt von einer außergewöhnlichen Intimität, die Ergebnis der simplen Zurückhaltung aller kompositorischen Mittel ist. Weder eine aufwändige Lichtinszenierung, noch individuelle Kulissen finden sich in seinen Porträts. In seinem Studio zählte nur sein Gegenüber, das sich seinem voyeuristischen und zugleich psychologischen Blick aussetzte.

Ein Erkennungsmerkmal seiner Porträtfotografien ist ebenso der minimalistische weiße Hintergrund und die kontrastierende schwarze Rahmung. Diese Simplizität ist auf Avedons frühe fotografische Tätigkeit zurückzuführen. Als 19-jähriger porträtierte er seine Kameraden bei der Handelsmarine für ihre Dienstausweise, bevor er seine Rolleiflex für Produktfotografien in New York einsetzte. Doch als ihn damals der Art Director des Fashion-Magazins "Harper's Bazar", Alexej Brodovich, entdeckte und einstellte, begann seine unaufhaltsame Karriere als Modefotograf.

"In the American West" erschütterte die USA

Je bekannter er wurde, desto mehr wurde er Teil der Popkultur, ging in Andy Warhols Factory ein und aus und vergaß dennoch nie die Kehrseite des Wohlstands. Nachdem er 1976 für das Magazin "Rolling Stone" den Präsidentschaftswahlkampf fotografiert hatte, erntete er Entsetzen für das Bild eines ganz anderen Amerikas, das er nur drei Jahre später anhand ausdrucksvoller Dokumentarfotografien aufzeigte. Um Obdachlose, Landstreicher, ausgebeutete Dienstleistende oder überarbeitete Handwerker zu porträtieren, reiste er durch 17 US-Bundesstaaten. Ergebnis war ein faszinierendes Portfolio mit dem Titel "In the American West", der den heiteren Gemütszustand der Amerikaner erschütterte.

Eine Chronologie dieser und weiterer Stationen im Leben des passionierten Fotografen zeichnet die Retrospektive im Gropius-Bau nach, indem sie einen Bogen schlägt, angefangen mit Avedons Straßenfotografien der Nachkriegszeit über die glamouröse Pariser Modefotografie bis hin zu einprägsamen Porträtfotografien.

"Richard Avedon – Fotografien 1946–2004. Eine Retrospektive"

Termin: bis 19. Januar 2009, Martin-Gropius-Bau, Berlin
http://www.gropiusbau.de

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