Hans-Christian Schink - Cottbus

Die Spuren der Sonne

Das Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk zeigt verschiedene Werkgruppen des Fotokünstlers Hans-Christian Schink seit Mitte der 1990er Jahre. Seine Aufnahmen dokumentieren menschliche Eingriffe in die Natur und Umgebung und zeigen radikale Veränderungen auf. Mit seinem jüngsten Projekt "1 h" geht er neue Wege und erschafft Schwarzweiße Sonnenportraits.

Das breite Kunstpublikum kennt Hans-Christian Schink als Chronisten der Wiedervereinigung und ihrer baulichen Folgen. Von 1995 bis 2003 entstand seine Serie "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit", in der er Straßen- und Autobahnbauten als monumentale Symptome des deutsch-deutschen Zusammenwachsens dokumentierte.

In der Werkschau, die das Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk jetzt zeigt, dürfen diese Aufnahmen nicht fehlen – zumal sich das Haus Themen wie Landschaft, Natur und Umwelt in zeitgenössischer Lesart verschrieben hat. Doch seit gut zehn Jahren hat der Fotokünstler, der von 1986 bis 1993 in Leipzig studierte und nach wie vor dort lebt, seinen Aktionsradius erheblich vergrößert. Fernreisen sind ihm zum Programm geworden. Betrachtet man Schinks Impressionen aus Peru, etwa die Terrassenmauern von Machu Picchu, so findet man auch dort jenen sachlichen Respekt von menschlichen Kulturleistungen, den er auch einer Brücke im Schwarzbachtal oder dem Verlauf der A 14 bei Halle zollte.

Die größte Überraschung allerdings dürfte sein jüngstes Langzeitvorhaben namens "1 h" bieten, nicht nur weil es ausschließlich in Schwarzweiß gehalten ist. Über tiefen Horizonten und über Landschaften, die wie Schattenrisse wirken, steht ein merkwürdiges Objekt am Himmel: ein schwarzer Stab, manchmal in Punkte zerlegt, stets von einer strahlenden Aura umgeben. So fotografiert Hans-Christian Schink die Sonne. Angeregt von dem Bild "Black Sun" (1955)
des amerikanischen Kollegen Minor White, bedient er sich des Verfahrens der "echten Solarisation". Das Objektiv bleibt mit offener Blende eine Stunde lang auf den Stern gerichtet, die Erde dreht sich weiter. Durch einen fotochemischen Umkehrprozess erscheint das Resultat dann in Schwarz.

In diesem faszinierenden Moment, so Schink, wird "eine spezielle Art von Wirklichkeit erschaffen, die nur die Fotografie sehen kann". Knapp 40 solcher Sonnenporträts fing er ein, systematisch je zur Hälfte über die nördliche und südliche Erdhalbkugel verteilt. Google Earth half ihm beim Finden der idealen Standorte, die er im Bildtitel nur mit ihren Koordinaten angibt. Doch diese Strategie ist der einzige digitale Aspekt von "1 h". Hans-Christian Schink bleibt sich selbst und der analogen Fotografie ansonsten treu. Wie ein Alchimist des 21. Jahrhunderts führt er die chemischen und physikalischen Prozesse der Fotografie zu einer neuen, poetischen Qualität.

Hans-Christian Schink – Fotografie

Im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus bis zum 27.März
Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet 58 Euro
http://www.museum-dkw.de/ausstellungen.htm

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