Die Linie des Lebens - Bremen

Esoterische Aktionskunst

Zur Eröffnung der Hundertwasser-Ausstellung veranstaltete die Kunsthalle Bremen eine Neuinszenierung der 1959 in Hamburg umgesetzten Aktion "Die Linie von Hamburg" des österreichischen Künstlers. 30 Studenten zogen drei Tage lang ununterbrochen eine endlose Linie in der großen Galerie der Kunsthalle. Ein Bericht der letzten Stunden.

Es ist andächtig still in dem großen Saal mit den hohen Wänden. Gelegentlich hört man leises Metallgeklapper oder ein quietschendes Geräusch; die Nachmittagssonne scheint auf ein paar beliebig im Raum verteilte Stühle.

Zwei junge Männer schieben ein bewegliches Gerüst an der Wand entlang. Auf dem rollenden Gerüst steht eine schlanke, junge Frau und malt mit einem schwarz eingefärbten Pinsel eine Linie auf die Wand. Sammy Jobbins (25) ist Studentin der Digitalen Medien an der Hochschule für Kunst Bremen und ist gemeinsam mit ihren 30 Kommilitonen seit knapp 40 Stunden damit beschäftigt, schwarze und rote Linien zu malen. Eine Umrundung der großen Galerie dauert zwischen 30 und 45 Minuten. Wie viele schwarze und rote Linien bereits die Wand schmücken ist schwer einzuschätzen, aber auch nicht wichtig, da sie alle zusammen eine organische Masse, eine endlose Linie bilden sollen.

Die große Galerie der Kunsthalle Bremen will mit einer ungewöhnlich gewöhnlichen, spiralförmigen Wandbemalung auf Friedensreich Hundertwassers Frühwerk aufmerksam machen. Die vorsätzliche Veränderung der musealen Wände ist das Re-Enactment einer vor 53 Jahren realisierten Kunst-Aktion: "Die Linie von Hamburg". Damals war es der Raum 213 der Hamburger Hochschule für Künste, der sich durch die Initiative von Gastdozent Hundertwasser, dem Künstler und Essayisten Herbert Schuldt und dem Kunsttheoretiker Bazon Brock gemeinsam mit einigen von Hundertwassers Studenten in ein ornamentales Spirallinienkunstwerk verwandelte. Für die vom 20. Oktober bis 17. Februar 2013 laufende Ausstellung "Friedensreich Hundertwasser: Gegen den Strich" hat die Kunsthalle Bremen Bazon Brock eingeladen um das Happening von damals, unter ähnlichen Bedingungen (48 Stunden Nonstop), mit einem leicht abgeänderten Titel ("Die Linie des Lebens"), und mit einer etwas anders gearteten Belegschaft (keine Kunststudenten) erneut zu inszenieren.

Einer der älteren Studenten vor Ort ist Nils Langhorst (35). Bevor er anfing Digitale Medien zu studieren, arbeitete er 15 Jahre lang als Tischler. Ihm und den anderen Studenten ist vor allem die Digitalisierung, Bearbeitung, konzeptuelle Fortführung und mediale Verwertung der Aktion wichtig. Fast jeder Winkel der großen Galerie wird von mehreren Kameras gefilmt. Selbst oben am Gerüst ist eine kleine Kamera befestigt die jeden Pinselstrich dokumentiert.

In einem benachbarten Raum werden über einen Beamer die Aufnahmen aus dem Saal gezeigt, daneben sind ein Twitter-Kanal und ein Countdown zusehen. Es handelt sich um den Arbeitsraum der Studenten, oder besser gesagt ihr Rechenzentrum. Es sind mehrere Schnittplätze aufgebaut und es fallen Wörter wie "After Effects", "rendern" und "Zeitraffer". Es ist der letzte Tag der Aktion. Um Punkt 20.11 Uhr soll die Linie aus der Kunsthalle herausgeführt werden. Auf welche Weise dies geschehen soll, ist noch nicht klar. Eine Kamera-Drone flog bereits durch den Saal, sie sollte an der Wand entlang fliegen und ihre digitalen Informationen der Linien-Kunst nach draußen transportieren. Leider krachte sie unvermittelt auf den Boden: ein irreparabler technischer Fehler.

Bazon Brock betritt den Raum. Er trägt Anzug und Turnschuhe und ruft zum gemeinsamen Brainstorming auf. Dozent und Leiter des Projekts Joachim Hofmann trommelt drei Studenten zusammen und setzt sich mit ihnen auf das Canapé, das etwas verlassen Mitten im Saal steht. Wie wäre es mit einem rot-schwarz gefärbten Wollknäuel, das wie ein Brautstrauß vor die Pforten der Kunsthalle geworfen wird? Oder sollte man doch lieber nach einer digitalen Lösung suchen? Herr Brock ist auf einmal verschwunden, vielleicht hat er sich kurz hingelegt. Die Kunsthalle hat im Untergeschoss ihres Baus eine Lagerstätte für die Studenten eingerichtet. Ein Raum mit zehn Feldbetten, drei Bierbänken und einer Theke. Abgesehen von ein paar leeren Getränkeflaschen und einem halb leer gegessenen Ständer mit kalten Häppchen, sieht es sehr sauber dort aus. Durch einen Zeitplan und die Einteilung in Arbeitsgruppen, war es den meisten Studenten möglich zwischendurch nach Hause zu gehen und zu schlafen, zu essen, zu duschen und sogar zu jobben. Einzig Bazon Brock hat anscheinend die Feldbetten regelmäßig genutzt. Seine Supervision der Neuinszenierung der "Linie von Hamburg" bestand vor allem darin, intellektuelles Futter zu verteilen. Von orientalischen und gregorianischen Klängen, die er nachts im Saal abspielte, über rhetorisch ausgefeilte Vorträge bis hin zu verbalen Ausbrüchen gegenüber einzelnen Studenten: "Nein, nein, nein. Sie dürfen die Linie nicht führen, die Linie muss Sie führen!", war Brock der perfekte aber unliebsame Wiedergänger für das gut organisierte Spektakel.

Im Saal werden die ersten Erinnerungsfotos gemacht – es sind nur noch wenige Stunden bis zum Finale. Plötzlich entsteht Aufregung: der rote Farbtopf ist vom Gerüst gefallen. Ob Nils das wohl mit Absicht gemacht hat? Vielleicht hat er sogar auf Anweisungen des selbst ernannten Schamanen Brock reagiert. Schnell wird der Fleck weg gewischt. Das rötlich eingefärbte Putzwasser soll nun als Fortführung der Linie draußen vor dem Museum ausgekippt werden. Einer der Studenten bemerkt, dass dies nicht gerade dem ökologischen Geiste Hundertwassers entspreche. Als es 20.11 Uhr ist, sind alle froh, dass es endlich vorbei ist. Das Ergebnis ist nicht kitschig, wie so vieles aus Hundertwassers Œu­v­re, sondern beeindruckend. Erschöpft waschen sich die Studenten die Hände, die sie kurz vorher absichtlich rot eingefärbt hatten. Denn die Linie wird nun über das Abwasser aus der Kunsthalle rausgeführt. Ein passender Abschluss – entsprang doch die ursprüngliche Linie 1959 aus dem Abflussrohr eines Waschbeckens.

Die Linie des Lebens

Bis zum 17. Februar 2013 zu sehen in der Ausstellung "Friedensreich Hundertwasser: Gegen den Strich. Werke 1949 bis 1970" in der Kunsthalle Bremen.
http://www.kunsthalle-bremen.de/ausstellungen/friedensreich-hundertwasser/die-linie-des-lebens/

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