Internationales Sommerfestival - Hamburg

Ausgesetzt auf einer Insel

Ein Ponton auf der Alster, ein Fluss auf der Bühne, Meeresrauschen in den Gängen: Das Internationale Sommerfestival in Hamburg löst nicht das globale Wasserproblem, es geht ihm jedoch auf den Grund.
Ausgesetzt auf einer Insel:Internationales Sommerfestival in Hamburg

Die Tänzerin Sophiatou Kossoko in "...although I live inside...my hair will always reach towards the sun..." von der Choreografin Robyn Orlin

Die braune Afromähne von Sophiatou Kossoko wippt, während sie bunt gestreifte Plastik-Kannen in einer Reihe aufstellt und zehn rosafarbene Kinderplanschbecken auf die Bühne wuchtet. Kokett grinsend stöckelt die in Benin geborene und in Paris lebende Tänzerin auf goldenen High Heels vor den ausverkauften Publikumsreihen des Internationalen Sommerfestivals in Hamburg entlang.

"Ich bin eine zeitgenössische Künstlerin. Ich erkunde alles in mir und außerhalb von mir", ruft Kossoko dem Publikum in der Halle 2 des ehemaligen Geländes der Kranfabrik Kampnagel zu. In ihrer kraftvollen One-Woman-Show tanzt sie das Stück "...although I live inside...my hair will always reach towards the sun..." von der Choreografin Robin Orlyn. Mit lasziven Tanzeinlagen, französisch-englischem Gezeter über Debatten mit der Choreografin sowie Verhandlungen über Postkolonialismus und das Thema Wasser provoziert sie das Publikum, das noch brav auf seinen Plätzen sitzt. Draußen, in den Gängen und auf dem Außengelände, plätschert und tropft es: Aus Lautsprechern ertönen Geräusche, die an eine sanft rauschende Brandung, hallende Tropfsteinhöhlen oder gluckernde Bäche erinnern und damit den Festivalorten eine vollkommen andere Aura geben. Doch spielen die Gruppe "office for subversive architecture" und Frank Rückert in ihrer Klanginstallation "Rausch" nur geschickt mit den automatischen Assoziationen an Naturklänge, denn für ihre Aufnahmen verwendeten sie alltägliche Geräusche aus Wasserhähnen, Duschen und WCs.

Wasser ist der Schwerpunkt des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals in Hamburg – Wasser als lebensspendende, immer knapper werdende Ressource, aber auch als zerstörerische Kraft, wie derzeit bei den Überschwemmungen in Pakistan. Matthias von Hartz, der das Festival seit 2008 leitet, will in den drei Wochen mit Tanz, Theater und Konzerten dem Publikum nicht nur leichte Sommerunterhaltung bieten, sondern einen Ort für Begegnungen, Konfrontationen und Diskussionen schaffen: "Kunst ist in der Lage, Themen für Menschen zugänglich zu machen", erklärt von Hartz. Auch Wissenschaftler diskutieren in Vorträgen auf dem Kampnagel das Thema Wasser. So erläuterte beispielsweise Tony Allan, warum eine einzige Tasse Kaffee 140 Liter Wasser verbraucht; Stefan Rahmsdorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, spricht über den Klimawandel.

Zur Stimme gewordene Gedanken

In diesem Jahr hat das Festival, das etwas außerhalb des Zentrums stattfindet, seine Fühler Richtung Mitte ausgestreckt: Eröffnet wurde Kampnagel mit dem "White Bouncy Castle" von William Forsythe, Dana Caspersen und Joel Ryan in den Hamburger Deichtorhallen. Dort steht die 30 Meter lange und elf Meter hohe Hüpfburg, dessen künstlerischer Anspruch vor allem darin besteht, Aufmerksamkeit zu erregen und ein Erlebnis zu offerieren – das aber durchaus mit Erfolg. Auch die Alster hat das Festival mit einer kleinen, künstlichen Insel als Außenspielort besetzt.

In der Vorstellung "Eiland" von der Performancegruppe Ligna wird der Besucher per Ruderboot, ausgerüstet mit einem Hörspiel auf einem MP3-Player, für eine halbe Stunde auf einem Ponton auf der Alster ausgesetzt. Eine Stimme aus dem Player weist ihn an, die Augen zu schließen oder sich auf den Pontonboden zu legen. Ob die Alster in diesem Winter wohl wieder zufriert? Ist das Wasser nicht schon älter als Gott? Wie zur Stimme gewordene Gedanken werden Fragen gestellt, als würde es dem Besucher nicht zugetraut, die Situation selbst zu reflektieren. Der Text kommt mit einer Reise zum Mittelpunkt der Erde und der Erkenntnis, dass der Mensch zu 65 Prozent aus Wasser besteht, eher platitüdenhaft daher. Nur zwischendurch blitzen außergewöhnliche Assoziationen und spannende Bilder auf, wie das des Solitons, einer grundlos stehenden Welle.

Wie der Ketschup aus der Flasche kommt

Doch führt "Eiland" treffend einen anderen Aspekt des Schwerpunktes Wasser vor: Das Privileg des einsamen Insel-Genusses thematisiert ironisch die zunehmende Privatisierung von öffentlichen Zugängen zum Wasser – das Wasser als Ware. Oder als physikalischer Stoff – wie bei der an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft arbeitenden Perfomancekünstlerin Zoe Laughlin. In "The Performativity of Matter" erklärt die Britin anschaulich mit Charme und Wortwitz, wie man den Ketschup aus der Flasche bekommt, warum es erst ein Jahr nach der Aschewolke gefährlich wird zu fliegen und wie Handwärmer funktionieren. Klingt nach einer gut gemachten Knoff-Hoff-Show, doch steckt hinter ihrer Darbietung mehr als nur pädagogisch wertvolle Unterhaltung. Ihr Performance- und Bühnenbildstudium sowie ihre Arbeit an einer Promotion in Ingenieurswissenschaften ermöglicht es ihr, mit künstlerischem Blick an komplizierte physikalische Vorgänge heranzugehen und so neue Denkmuster zu fördern.

Den Umweg über die Wissenschaft nimmt der amerikanische Künstler Bill Viola nicht. Sehr direkt und eingehend zeigt er die Kraft und Schönheit der Elemente in seiner überwältigenden Videoinstallation "The Crossing": In Zeitlupe schreitet ein Mann auf den Zuschauer zu, bis er als Riese vor ihm steht. Auf der einen Seite der Leinwand züngeln die Flammen vor seinen Füßen auf und enden in einem tosenden Inferno, auf der anderen tropft es dem Mann auf dem Kopf, bis ihn eine tosende Flut umspült. Am Ende bleibt nur toter Raum und das erschöpfende Gefühl, das die allmächtigen Naturgewalten hinterlassen.

Die letzten zehn Minuten des Tanzes von Sophia Kossoko hingegen entfachen Energie, und sogar die bunten Plastik-Kannen kommen zum Einsatz. Forsch fordert sie das Publikum auf, sich das Wasser aus den Kannen und den inzwischen gefüllten Schwimmbecken über die Füße zu kippen: "Zieht die Schuhe aus, wascht eure Füße und tanzt am Fluss!" Zunächst traut sich erst eine, dann noch eine Frau und schließlich tanzen mehr als 50 Menschen barfuß um die muskulöse Tänzerin im goldenen Body. Eine Euphorie hat das Publikum erfasst. Als wäre das Problem mit dem Wasser mit diesem Tanz nun gelöst, zumindest an diesem Abend.

Internationales Sommerfestival Hamburg 2010

Termin: bis 28. August, Kampnagel, Hamburg
http://www.kampnagel.de/sommerfestival/