Matthew Barney - München

Wo Limousinen miteinander kopulieren

Die Sammlung Goetz vereint Werkserien des amerikanischen Künstlers Matthew Barney

Fast sieben Stunden verschlingt der komplette „Cremaster"-Zyklus. Wer sich Matthew Barneys fünfteiliges Filmopus am Stück ansieht, durchlebt nicht nur zeitlich eine Odyssee von epischem Ausmaß. Hinweise auf unzählige Parallelgeschichten gibt es in dem Dickicht an wundersamen, schauerlichen, bizarren Begebenheiten zuhauf. Mit seinen opernhaft choreografierten Passagen zog Barney sein Publikum - trotz verzögerter Spannung - in Bann: Um Footballstars, Entfesselungskünstler, Transvestiten, Baumeister, Motorräder, Mormonen oder Automobile kreist sein in sich versponnener Bildkosmos. Bei den nicht chronologisch produzierten Kapiteln des „Cremaster"-Zyklus (1994/2002, art 5/2002) musste das Publikum sich allerdings einen Reim auf den Kontext weitestgehend selbst machen.

Als der Superstar der Kunst letztes Jahr mit seinem auf Kinoformat angewachsenen Film „Drawing Restraint 9" für Furore sorgte, zeichnete sich erstmals deutlich ein roter Faden im Erzählten ab: Barney und die Popsängerin Björk, die auch im echten Leben ein Paar sind, setzten sich auf einem japanischen Walfangschiff ihrer Amour fou aus.
Wie aber hängen Barneys komplexe Werke zusammen? Was hat der auf Hochglanz getrimmte Ausstellungszyklus „Cremaster" mit der bereits 1987 als Selbstversuch im Atelier initiierten „Drawing Restraint"-Reihe zu tun? Oder die Zeichnungen mit den aus den Filmen ausgekoppelten Fotos, Kunststoffskulpturen und surrealen Prothesen? Die Münchner Sammlung Goetz, die mit die meisten Arbeiten des 1967 in San Francisco geborenen Künstlers besitzt, macht sich nun an einen Zusammenklang der verschiedenen Teile. Zeremonienmeister Barney hat das Ausstellungskonzept höchstpersönlich entwickelt. Während die Walfang-Love-Story im unterirdischen Dunkelraum des Privatmuseums als cineastisches Ereignis aufbereitet ist, sind oben die „Cremaster"-Filme samt zugehöriger Requisiten als Raumklangskulptur zusammengefasst. Barney hat immer wieder betont, dass gerade seine Filme als in sich funktionierendes, biologisches Modell zu begreifen sind: „Bei vielen Gesichtspunkten, die im Hinblick auf Dauer und Gleichgewicht getroffen werden, geht es um den Versuch, einen Organismus zu beschreiben, der seine eigene Vitalität und sein eigenes Verhalten hat."

Körperversiert durch seine frühe Karriere als Footballspieler und Model, lotet Barney auch in seinen Arbeiten die physische Elastizität bis zum Extrem aus. „Restraint" heißt auch „Beherrschung" und meint in Barneys Bildsprache, dass die Form wie beim Bodybuilding erst durch Widerstand passable Gestalt annehmen kann. Barney geht es darum, einen fulminanten Verwandlungsprozess des Körperlichen hin zum Überirdischen aufzuschlüsseln. Ob Menschen oder Limousinen miteinander kopulieren oder sich Revuegirls auf künstlichem Weg fortpflanzen, ist letztlich einerlei. Mit zeitgemäß filmischen Mitteln wird Ovids antike Vorstellung der „Metamorphosen" geradezu glamourös heraufbeschworen. In „Drawing Restraint 9" schnitten sich Barney und Björk gegenseitig ihre hinderlichen Beine ab, um sich am Ende als Wale dem silbrigen Ozean übergeben zu können. Ein furchterregend schönes Happy-End von dennoch mythischer Vorstellungskraft.

Matthew Barney

Sammlung Goetz: 5. November bis 29. März 2008. Katalog: deutsch/englisch, 35 Euro

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