Veit Loers - Interview

Der grosse Unbekannte

Der Maler Kurt Kocherscheidt war lange vergessen, jetzt entdeckt ihn das Essl–Museum in Klosterneuburg neu. art sprach mit Kurator Veit Loers über den legendären Einzelgänger.

Kurt Kocherscheidt war lange vergessen. Dabei nahm der gebürtige Kärntener zu Lebzeiten sogar an der documenta IX (1992) teil und fand einzelne Sammler, die ihm ein Leben zwischen Burgenland und Mittelmeer ermöglichten.

Trotzdem: Seine halbabstrakten Motive, inspiriert von Naturbeobachtungen und archaischen Ritualen, und seine hermetische, dunkle Malweise fanden nie ganz den Weg in den Markt und den Mainstream. 1992 starb er im Alter von 49 Jahren an seinem dritten Herzinfarkt. Nun widmet das Museum Essl in Klosterneuburg bei Wien dem großen Unbekannten eine Retrospektive. art sprach mit dem Kurator, dem Museumsveteran Veit Loers, über die Wiederentdeckung eines Sonderlings.

art: Herr Loers, was hat Sie daran gereizt, eine Ausstellung mit Kurt Kocherscheidt zu kuratieren – einem weitgehend vergessenen Einzelgänger, der viel zu früh starb?

Veit Loers: Der Blick in den Œuvre–Katalog überraschte mich total, obwohl man Kocherscheidts wirkliche Qualität erst vor den Originalen erfährt. Emotional kam hinzu, dass auch ich, zur gleichen Generation gehörig, das Jahr 1972 in Südamerika verbrachte, zum Teil in den gleichen Städten und Gegenden. Seine Reise dorthin war sehr wichtig für sein gesamtes Werk.

Die Kunstszene setzt ja derzeit auf Wiederentdeckungen alter Helden. Warum geriet Kocherscheidt überhaupt in Vergessenheit?

Bei seinem Tod stand die Kunstszene im Zeichen einer internationalen Neo- oder Postabstraktion, hinzu kam die junge konzeptuelle Kontextbewegung. Kocherscheidt hatte mit beiden Richtungen kaum etwas zu tun. Seine Bilder sind nicht wirklich abstrakt, sondern metaphorisch dunkel, durchdrungen von expressiver Räumlichkeit.

Angefangen hat er ja mit der Künstlergruppe "Wirklichkeiten", die auch niemand mehr kennt. Was hat es damit auf sich?

Das war die Wiener Tradition des phantastischen Realismus. Im Gewande von Pop und Op im Gegensatz zu den postaktionistischen und abstrakten Aktivitäten. Es waren gute Maler, unter anderem. Robert Zeppel-Sperl, Franz Ringel und die heute wieder mehr beachtete Martha Jungwirth. Aber Kocherscheidt ging ziemlich bald nach London, wo er sich Kappa nannte und startete nach der Südamerikareise neu im Jahre 1975 mit hintergründigen Genrebildern.

Kocherscheidts Reise nach Südamerika hatte großen Einfluss auf den spirituellen, mystischen Charakter seines Werks, in dessen Verlauf immer wieder Werkgruppen entstanden, bei denen organische Formen, Naturstrukturen, Masken oder Scheiben auftauchen. Gibt es Geschwister im Geiste, die an diesen dunklen Werkansatz heranreichen?

Das Reisen spielt ja normalerweise künstlerisch nicht mehr eine Rolle in dieser Zeit. Höchstens noch Alighiero Boetti in Afghanistan vielleicht... Kocherscheidt reist als Romantiker auf den Spuren der großen Naturforscher wie Alexander von Humboldt. Auch Reiseerzählungen von Schriftstellern wie Joseph Konrad, Blaise Cendrars und Henri Michaux spielen bei ihm eine Rolle.

Wie muss man sich das Leben Kocherscheidts vorstellen? War er eher ein Eremit, so wie seine hermetischen Motive und sein Atelier auf einem bäuerlichen Anwesen im südlichen Burgenland vermuten lassen? Er hat immerhin bei Rudi Fuchs in Eindhoven und bei Jan Hoet in Gent sowie im MAK und auf der documenta ausgestellt und war mit der Fotografin Elfie Semotan verheiratet...

Er liebte sicher die Naturverbundenheit und Einsamkeit in seinem umgebauten Bauernhof in Grieselstein, aber er malte ja auch in seinem Wiener Atelier. Frühling und Sommer verbrachte er viele Jahre in der mediterranen Atmosphäre von Boissano an der Ligurischen Küste.

Wie wichtig war er zu Lebzeiten? Hatte er viele Künstlerkontakte, wer orientierte sich an ihm – und hatte er selbst Vorbilder?

Die, die ihn kannten, sprechen von ihm mit Hochachtung. Im Burgenland war Walter Pichler sein Nachbar. In Wien traf er sich mit Ludwig Attersee und anderen Wiener Malern. Auch der damals bekannte schottische Maler Ian McKeever war ein Freund. Nicht zuletzt hatte er einen regen geistigen Austausch mit dem Komponisten Wolfgang Rihm.

Wie kam Karlheinz Essl dazu, 26 Werke zu erwerben – das erste Bild schon 1979? Woher kommen die Leihgaben der Ausstellung?

Der Tipp kam vom Wiener Maler und Zeichner Kurt Moldovan, übrigens auch für den damals jungen Freiburger Sammler Franz Armin Morat, der heute die größte Sammlung von Kocherscheidt-Bildern besitzt. Er hat die meisten Leihgaben für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Wie ist Kocherscheidt kunsthistorisch einzuordnen – gibt es ähnliche Künstlerfiguren, die sich mit ihm in eine Linie mit ihm stellen lassen?

Kurt Kocherscheidt begann mit seiner Malerei zu einem Zeitpunkt, als diese für obsolet erklärt wurde. Er geriet dann sozusagen in ein Malerei-Jahrzehnt, mit dem er nicht viel gemein hatte. Seine Vorbilder liegen eher in der Vergangenheit: spanische Stilllebenmaler des frühen Barock, Manet, Monet, Rothko, aber auch Klimt. Man könnte auch Philipp Gustons informelles Frühwerk vermuten, aber das kannte damals noch niemand in Europa.

Wie beurteilen Sie seinen Einfluss auf jüngere Generationen?

Die außerordentliche Bedeutung Kocherscheidts für die Nachwelt können wir bisher nur vermuten. Es war ja so gut wie nichts zu sehen bisher. Mit einem Malereibegriff, der auch die Outsider-Bewegung einschließt, kommen wir dieser Option näher. Wenn Malerei keine Angst mehr hat, die Signifikate alter Epochen mit aufzunehmen, dann kann man Kurt Kocherscheidt nicht übersehen.

Kurt Kocherscheidt

Termin: Essl Museum, bis 17. November.

Danach ist die Ausstellung vom 14. Dezember 2013 bis 5. Februar 2014 in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) zu sehen.
http://www.essl.museum/jart/prj3/essl/main.jart?content-id=1366790541558&rel=de&article_id=1367496239854&event_id=1367496241261&reserve-mode=active

Mehr zum Thema im Internet