Rohkunstbau - Villa Kellermann

Brüderlichkeit am Heiligen See

Unter dem Titel "Drei Farben – Rot" hat in Potsdam die diesjährige Ausstellung der Reihe Rohkunstbau eröffnet. Maroder Charme trifft auf subtile Collagen – eine Kritik
Blut, Liebe, Revolution:Die diesjährige Ausstellung der Reihe Rohkunstbau

Brigitte Waldachs Rauminstallation "Gudrun und Christiane" (2008). Sie zitiert dabei Gefängnisbriefe der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin

Am Ende fallen Katastrophe und Happy End in Krzysztof Kieslowskis drittem Teil seiner großartigen Triologie "Drei Farben" zusammen: In "Rot" (1994) sinkt eine Fähre, aber wie durch ein Wunder gehören die Hauptfiguren zu den wenigen Überlebenden. Ganz Ähnliches mussten der Rohkunstbau-Initiator Arvid Boellert und sein Kurator Mark Gisbourne erfahren, als sich Anfang des Jahres herausstellte, dass ihnen das sicher geglaubte Schloss Sacrow im Brandenburgischen in diesem Jahr nicht erneut als Austragungsort für den fünfzehnten Durchgang ihrer traditionsreichen Sommerausstellung zur Verfügung stehen würde.

Doch mit der Potsdamer Villa Kellermann am Heiligen See wurde in letzter Minute ein attraktives Ausweichquartier für "Rot", dem Finale der von Kieslowski inspirierten Ausstellungstrilogie, gefunden. Das renovierungsbedürftige Haus bietet neben Uferblick und Berlinnähe sogar jenen Charme des Maroden, den bislang noch jede Rohkunstbau-Ausstellung neben der Kunst auf Museumsniveau zu einer besonderen Veranstaltung machte. Zu Zeiten der DDR war die Immobilie Sitz des staatlichen Kulturbundes, nach der Wende lieferten sich Treuhand, Bundesvermögensamt und Spekulanten jahrelang juristische Gefechte um das Grundstück. Während sich die Umgebung zum exklusiven Rückzugsort für hauptstadtmüde Prominenz mauserte, fristete die ehemalige Kulturbundsvilla ein eher trauriges Dasein.

Bevor das bis auf ein italienisches Restaurant im Erdgeschoss leer stehende Gebäude demnächst durch seine neuen Eigentümer einer grundlegenden Sanierung unterzogen wird, beziehen sich nun ein knappes Dutzend internationale Künstlerinnen und Künstler in ihren Ausstellungsbeiträgen sowohl auf den Ort wie auch auf das Thema "Brüderlichkeit". Wie auch in den letzten beiden Jahren wird dabei auf Illustration des Themas verzichtet, sondern "Brüderlichkeit" im Sinne eines assoziativen Rahmens genutzt.

Das Ideal der permanenten Revolution ist die Sphäre der Wissenschaften

Das macht schon die Videoprojektion "Ocularis"(1999/2008) der in Berlin lebenden Bettina Pousttchi zu Beginn des Ausstellungsrundgangs deutlich, in der sich eine Kamera langsam aus einem organisch-monochromen Farbfeld herauszoomt, um schließlich den Blick auf ein Mikroskop freizugeben. Der äußere Anblick des Geräts wirkt vertrauter als die Vergrößerungen, die es selbst produziert – ein Hinweis darauf, dass der Bereich, in dem sich das Ideal der permanenten Revolution tatsächlich durchgesetzt hat, die Sphäre der Wissenschaften ist.

Es bleibt jedoch der Arbeit der jungen Russin Alexandra Khlestkina vorbehalten, parallel dazu Töne und Bilder zur Trauer über das Scheitern der großen gesellschaftlichen Utopien zu liefern: der Videoclip "Wolodja" (2005/08) zitiert noch einmal die politische Ikonografie um den sowjetrussischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, um sie in der Manier eines Popvideos zu einer Anrufung des verschwundenen Erlösers zu verdichten: "Du bist nicht unter uns, nirgendwo zu sehen." Das Motiv der Geisterbeschwörung findet sich auch in Brigitte Waldachs Rauminstallation "Gudrun und Christiane" (2008), für welche die Künstlerin Briefe der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis zitiert.

Trotz jener feinen Verbindungen, die sich zwischen diesen und weiteren Werken herstellen lassen, entspricht das Verhältnis der Ausstellung zu ihrem kuratorischen Anspruch in etwa jenem Bild, das Jonathan Monk mit seiner Installation "The Odd Couple (German Version)" (2008) liefert: zwei alte Standuhren die sehr nahe bei
einander stehen, die Ziffernblätter einander zugewandt. Ihre Takt- und Stundenschläge sind beinahe synchron, aber eben nur beinahe. Es ist die Unwucht, mit der sich das diesjährige Rohkunstbau am besten beschreiben lässt: Es braucht mehr Präzision und Durchschlagskraft.

"XV. Rohkunstbau: Drei Farben – Rot"

Termin: 17. Juli bis 5. Oktober, Villa Kellermann, Potsdam. Infotelefon: (0 30) 48 62 08 00. Katalog: Verlag Hans Schiler, Berlin, 20 Euro
http://www.rohkunstbau.de/