Serpentine Gallery - London

Ein schwebender Hauch vor dem Comic Matrosen

Die Londoner Serpentine Gallerie ließ diesen Sommer ein ätherisches Bauwerk in den Hyde Park bauen und zeigt Jeff Koons grelle, großformatige Popeye-Gemälde als Kontrast zur Eleganz des anmutigen Pavillons der japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa.

"Er schwebt wie ein Atemhauch", sagte Julia Peyton-Jones, die Pressemitteilung vergleicht den Pavillon mit einer "reflektierenden Wolke" und einem "schwebenden Teich", und den Architekten selbst schwebte vor, "eine Ansammlung von Gemütszuständen" zu bauen. So übertrieben diese Beschreibungen auch klingen mögen, so akkurat sind sie: Das sanft ondulierende Metalldach auf Stelzen wirkt tatsächlich wie eine Wolke, seine Leichtigkeit wie ein Hauch, von weitem schimmert es wie Wasser, und wenn man unter ihm steht und sein Spiegelbild betrachtet, schwappen die unterschiedlichsten Gefühle über einen hinweg.

Jeden Sommer beauftragt die rührige Direktorin der Serpentine Gallery einen internationalen Architekten, für den Garten des ehemaligen Teehauses im Hyde Park einen Pavillon zu entwerfen, der tagsüber als Café und am Abend als Vortragssaal fungiert. In diesem Jahr wandte sie sich an das japanische Büro SANAA. Dessen Pavillon ist der bisher neunte, nach Bauten von unter anderem Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Frank Gehry. Er ist vielleicht der bisher schönste, denn den beiden Japanern Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa ist etwas gelungen, was Architekten selten gelingt: ein ätherisches Bauwerk zu entwerfen.

Die silbrig glänzende Wolke aus Aluminium auf dünnen Pfeilern schlängelt sich durch die Bäume des Parks, steigt von Hüfthöhe hinauf bis in die Wipfel und wieder hinunter. Das Metall ist auf Hochglanz poliert, in ihm spiegeln sich Menschen, Rasen, Bäume. Bei Regen fallen Tropfen vom Dach, ihr Spiegelbild scheint in den Himmel zurückzukehren. Der Pavillon ist nach allen Seiten offen, "eine geschützte Verlängerung des Parks", wie die Architekten sagen. Ein Halbrund aus Plexiglas dient als Auditorium für die Vorlesungen und den 24-stündigen Lyrik-Marathon, mit dem der Pavillon im Oktober schließt.

Koons, Konsumkultur und kunsthistorische Verweise

Auch im Inneren der Serpentine, in der neuen Schau der Galerie, weiß man nicht so genau, was man vor sich hat. Sind die aufblasbaren Strandtierchen wirklich aus Gummi? Wie sie federleicht von der Decke hängen und kleine Fältchen werfen, könnten sie es sein. Sind es natürlich nicht. Jeff Koons hat seine lustigen Enten, Seehunde, Hummer aus Aluminium gießen und täuschend echt bunt bemalen lassen. Man will sie anfassen und streicheln, so echt sehen sie aus, doch sofort ist ein Zerberus zur Stelle, der einen zurückpfeift.

Der New Yorker Tausendsassa zeigt den ganzen Sommer lang Arbeiten seiner 2003 begonnenen Serie "Popeye". Von den großformatigen, mit dem Computer manipulierten Gemälden blickt der Spinat essende, muskelbepackte Superprotz mit Pfeife etwas amüsiert auf die Spielzeugtiere herunter. Was soll der Comic-Matrose, der sich vor genau 80 Jahren mit übermenschlicher Kraft der Weltwirtschaftskrise entgegenstemmte, schon von einem krebsroten Hummer halten, der mit seinen Zangen auf einem Stuhl und einem umgestülpten Papierkorb balanciert? Oder von einem Seehund, der sich mühsam durch einen Maschendraht schlängelt? Da kann er vielleicht schon mehr mit den zwei ebenso großformatigen Pinup-Girls an der ihm gegenüberliegenden Wand anfangen, deren überdimensionale Brüste so aufgeblasen sind wie die die entzückenden Tierchen.

Natürlich will uns Koons mit seiner Variante der Pop Art zunächst auf die Oberflächlichkeit der Konsumkultur hinweisen und darauf, wie leicht es ist, auf sie hereinzufallen. Doch da ist mehr: Seine Arbeiten triefen nur so von kunsthistorischen Hinweisen, auf den Surrealismus und auf das Stillleben des 17. Jahrhunderts, auf Marcel Duchamp und René Magritte. Und sein Blick auf die Konsumwelt ist nicht der des Außenseiters: Er liebt sie, mitsamt ihrer Grellheit und Oberflächlichkeit. Oder ist das alles nur ein zynischer Trick? So leichtfüßig, elegant und ätherisch SANAAs Pavillon draußen daherkommt, so grell und diesseitig geht es drinnen zu. Zwei Seiten des Heute?

"Jeff Koons: Popeye Series"

Termin: bis 13. September, Serpentine Gallery, Kensington Gardens, London
http://www.serpentinegallery.org

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