Vincent van Gogh - Amsterdam

Nachts sind die Katzen alles – nur nicht grau

Zwei große Ausstellungen feiern den Maler Vincent van Gogh. art brachte drei Spezialisten zur Deutung seiner in Amsterdam gezeigten Nachtbilder zusammen.

Künstlich beleuchtete Stadt­ca­­fés, ein aufgewühlter Sternenhim­­mel, der Sämann im Dämmer­licht: Die Nacht nimmt bei Vincent van Gogh (1853 bis 1890) im Laufe seines Lebens vielfältige Formen, Farben und Stimmungen an. Axel Rüger, Direktor des Amsterdamer Van Gogh Museums, und Elisabeth Bronfen, die kürzlich eine "Kulturgeschichte der Nacht" veröffentlicht hat, trafen sich in Zürich zum art-Gespräch. Stefan Koldehoff moderierte.

Stefan Koldehoff: Herr Rüger, van Gogh wird wie wahrscheinlich kein zweiter Künstler der Moderne als der Maler der Farbe und des Lichts gesehen. Nun zeigen Sie in einer großen Ausstellung ausgerechnet seine Nachtbilder und nehmen ihm beides. Was bleibt dann noch?

Axel Rüger: Ich bin nicht sicher, dass wir ihm beides tatsächlich nehmen. Wir zeigen gerade einen Aspekt des Künstlers, der in seinem Werk sehr prominent vertreten ist, bei dem man aber, wenn man sich seine Bilder ansieht, oft gar nicht wirklich bemerkt, dass es überhaupt um Abend- und Nachtszenen geht. Van Gogh schreibt in einem seiner Briefe selbst, und das ist so etwas wie das Leitmotiv der Ausstellung, dass er die Nacht farbenfroher findet als den Tag.

Koldehoff: Wie begründet er das?

Rüger: In der Nacht verdichtet sich für ihn das Leben, und die Nacht hat so viele Facetten – auch im übertragen­den Sinn –, dass sie für ihn farbig wird.

Koldehoff: Was fasziniert denn seit Jahrhunderten ausgerechnet die Maler an der Nacht?

Elisabeth Bronfen: Es ist wohl genau dieser merkwürdige Widerspruch, auf den Hegel in seiner "Logik des Seins" hinweist, dass reines Licht und reine Dunkelheit dasselbe sind, nämlich nichts. Reines Licht kann man nicht sehen und reine Dunkelheit auch nicht. Sehen kann man nur, wenn Dunkelheit erhellt oder reines Licht abgedunkelt wird. Das ist in der west­li­chen Kunst seit dem 12., 13. Jahrhun­dert ein Thema. Da wird die Flucht nach Ägypten gemalt, mit kleinen Feuern, dem Mond, den Sternen und Spiegelungen auf dem Wasser. All das gab den Künstlern die Möglichkeit, zu studieren, wie Licht entsteht und wie dann aus dem Licht Formen werden. Genau das ist ja ein Bild: Man braucht einen Hintergrund, der beleuchtet wird, damit sich davon Figuren abset­zen können. Die Nacht erlaubt das viel deutlicher als ein Tagbild, auf dem man ohnehin alles genauer sieht.

Rüger: Und da spielt noch etwas anderes eine Rolle, wenn Sie zum Beispiel "Die Flucht nach Ägypten" von Adam Elsheimer nehmen. Man konnte unterschiedliche Qualitäten von Licht zeigen: das fahle Mondlicht, die kräftige Feuerstelle, die funkelnden Sterne. Die unterschiedlichen Tempe­raturen dieser verschiedenen Lichtquellen und die unterschiedli­chen Effekte, die sie hervorrufen, waren schon in der Renaissance eine Herausforderung für die Künstler, mit der man Meisterschaft zeigen konnte.

Koldehoff: Van Gogh gab dem Licht auch eine wertende Bedeutung. Er schrieb seinem Bruder Theo über sein Bild vom "Nachtcafé" in Arles, dass er mit Hilfe des künstlichen Lichts der Lampen dort einen Ort ma­len wollte, an dem man verrückt oder zum Verbrecher werden könne.

Bronfen: Licht und Nacht sind immer auch kulturell codiert. Das geht von der biblischen Geschichte aus. Mit Licht schafft Gott die Welt. Dann wird am vierten Tag der Unterschied zwischen Sonnen- und Mondlicht definiert. Und natürlich spielt in der Bibel die Lichtgestalt Christus die zentrale Rolle. Er wird nachts geboren und soll das Licht in die Dunkelheit bringen. Luzifer, der Teufel, war ja eigentlich der gefallene Morgenstern, und mit ihm kam eine moralische Nacht über die Menschen. Christus ist die Gegengestalt. Nehmen Sie nur die Christus-Bilder von Rembrandt, auf denen der Gekreuzigte in einem völlig anderen als dem natürlichen Licht strahlt. In dieser Tradition unterschei­det auch van Gogh das Licht: Das eine ist schreck­lich, das andere erbau­end, ein drittes wieder nur praktisch.

Rüger: Er setzt das in Farben um, die schon nicht mehr die traditionellen Nachtfarben sind. Ein Nachtweg in der Provence, über dem der Mond scheint, ist in hellen Blautönen gemalt, eine Caféterrasse leuchtet in Gelb. Das ist seine Auffassung vom Farbenreichtum der Nacht.

Bronfen: Man sieht nachts ja die Dinge auch ganz anders, und man sieht Dinge, die gar nicht da sind. Dadurch ist die Nacht viel näher an den Räumen unserer Fantasie. Am Tag sieht man viel nüchterner, weil man direkter sieht. Nachts sieht man mehr, weil man weniger sieht. Nachts sind die Katzen alles, nur nicht grau.

Koldehoff: Van Gogh hat in seinen frühen Jahren, beim Malen der "Kartoffelesser" 1885 im holländischen Nuenen, mit dem natürlichen Licht des Feuers begonnen. In Arles kommt dann drei Jahre später das künstliche Licht der Gaslaternen auf den Straßen und der Lampen in Innenräumen hinzu. War da überhaupt noch Spielraum für Interpretation, oder hat er einfach nur wiedergegeben, was er tatsächlich sah?

Rüger: Er hat schon gemalt, was er sah. Aber er hat es auch so interpretiert, dass es in seine Ästhetik passte. Das war ja bereits bei den "Kartoffel­essern" so, einem für ihn ganz zentra­len Werk, mit dem er beweisen wollte, dass seine Lehrzeit zu Ende war.

Koldehoff: Stimmt es, dass er sich Kerzen an der Hutkrempe befestigt hat, um nachts malen zu können?

Rüger: Irgendwie musste er sicher sehen können, was er vor sich auf die Leinwand malte. Ob er das Problem aber auf diese Weise löste, das weiß ich nicht.

Bronfen: Ab Ende des 16. Jahrhunderts begann man in Europa ja auch damit, die Straßen zu beleuchten, und damit war es nicht mehr nur noch ganz dunkel. Zwar wurden bis weit ins 18. Jahrhundert hinein nachts noch die Dörfer abgesperrt, die Stadt­tore verschlossen. Aber es gab Licht, es gab nächtliche Feste. Da wurde schon der Tag in die Nacht und die Nacht in den Tag eingeführt. Und die Entwick­lung einer säkularen Welt jenseits der rein religiös geprägten Gesellschaft spielte sicher auch eine Rolle. Das ist der Anfang des bürgerlichen Subjekts und der Individualität: Ich habe meinen Blick auf die Welt und kann sie mir damit aneignen. Das quälte allerdings schon Sha­kes­peare-Figuren unendlich, dass sie zwar die Macht haben, sich die Welt über ihren Blick anzueig­nen, und nicht mehr einem starren religiösen Deutungsmuster wie im Mittelalter unterworfen sind. Gleichzeitig ist aber jede Aneignung eine sub­jektive: Kann man seinem Blick trauen, kann man sicher sein? Es gibt keine allgemeinen Wahrheiten mehr. Auch van Gogh malte ja nur seine Eindrücke.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie das gesamte Interview in der kommenden art-Ausgabe 3/2009.

"Van Gogh und die Farben der Nacht"

Termin: bis 7. Juni, Van Gogh Museum, Amsterdam. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 24,95 Euro, im Buchhan­del 29,80 Euro.
http://www.vangoghmuseum.nl