Turner-Preis 2009 - London

Originalität und die Schönheit

Der 49-jährige Maler Richard Wright, der bis zuletzt als Außenseiter galt, gewinnt den diesjährigen Turner-Preis.

Damit hatte niemand gerechnet, dass der krasse Außenseiter gewinnen würde. Als Carol Ann Duffy, die gegenwärtige Hofdichterin, den Umschlag öffnete und Richard Wright, 49, seinen Scheck über 25 000 Pfund (27 000 Euro) überreichte, herrschte den Bruchteil einer Sekunde lang erstauntes Schweigen, ehe der Beifall losbrach. Bis zuletzt hatten die Buchmacher Roger Hiorns, 34, als klaren Favoriten gehandelt. Doch das Kunstpublikum, das in Scharen in die Ausstellung der vier nominierten Künstler in der Tate Britain strömte, schlug sich eindeutig auf Wrights Seite.

Mit dem aus Glasgow stammenden Wright hat wieder einmal ein Maler den Preis gewonnen. Er bemalt Wände und Decken mit filigranen, abstrakten Mustern, und seine Kunst ist äußerst kurzlebig. Seit er Anfang der neunziger Jahre das Malen auf Leinwand an den Nagel hängte, haben fast keine seiner Kunstwerke überlebt. Sie werden nach Beendigung der jeweiligen Schau übermalt. "Das ist das wichtigste an meiner Kunst", sagt er, "ich mache Kunst für heute, nicht für morgen." Trotzdem gesteht er, manchmal ein Gefühl des Verlustes zu verspüren. Aber das gehöre wohl zu seiner Kunst.

Wrights Wandgemälde für die Schau in der Tate ist ein symmetrisches, abstraktes Muster, dem Tintenfleck bei einem Rorschachtest nicht unähnlich. Er arbeitet wie ein Altmeister. Er zeichnet sein Design zunächst auf Papier und überträgt es dann mithilfe von winzigen Löchern und Kreidestaub auf die Wand, trägt dann verdünnten Leim auf und malt die letzte Schicht mit kleinen, in Blattgold getauchten Pinseln. "Eine mittelalterliche Technik", sagt er. Vier Wochen lang arbeitete er mit vier Assistenten in einem "intensiven Arbeitsprozess" an dem Wandgemälde, das wie eine Fata Morgana leuchtet, die jeden Augenblick verschwinden kann.

5000 Pfund als Trostpflaster

Die Jury lobte bei der Verleihung in der Tate Britain die "Originalität und die Schönheit" von Wrights Werk. Dass die Wahl auf den Künstler fiel, der in Glasgow lebt, deutet auch auf einen Richtungswechsel der Jury hin. Dem Turner-Preis warf zuletzt die Kritik vor, dass die Werke zu unverständlich und kompliziert seien. Die Endrunde ging in diesem Jahr, ungewöhnlich für den Turner-Preis, ohne Kontroverse über die Bühne. Kein ungemachtes Bett, kein eingelegter Hai. Traditionalisten waren glücklich, dass sich keine Video- oder Filmkünstler durchsetzen konnten. Und dass schließlich ein Maler gewann, wird sie ebenfalls freuen. Leer ausgegangen, bis auf jeweils 5000 Pfund als Trostpflaster, sind neben Roger Hiorns auch der aus Italien stammende Enrico David und Lucy Skaer, die einzige Frau unter den Nominierten.

Der Turner-Preis ist nach dem britischen Landschaftsmaler William Turner (1775 bis 1851) benannt. Er wird seit 1984 jährlich an einen in Großbritannien lebenden Künstler im Alter unter 50 Jahren verliehen. Zu den Preisträgern gehören Gilbert and George, Damien Hirst oder der deutsche Fotograf Wolfgang Tillmans.

"Turner-Preis 2009"

Termin: bis 16. Januar 2010, Tate Britain, London
http://www.tate.org.uk/

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