Marcel Mettelsiefen - Afghanistan-Porträts

Der Eine war dann plötzlich nicht mehr tot, sondern nur verletzt

Marcel Mettelsiefens Porträts aus Afghanistan gewähren Zugang zu einem Land, das wir in Deutschland meist nur als innerpolitischen Streitfall oder als Kriegsgebiet aus den Nachrichten kennen. Im Kunstraum Potsdam ist derzeit seine Ausstellung zu sehen, die fotografisch und dokumentarisch der Frage nachgeht, wie viele Menschen in Kunduz durch das Bombardement der Bundeswehr ums Leben kamen.
"Der eine war dann plötzlich nicht mehr tot, sondern nur verletzt":Afghanistan

Marcel Mettelsiefen: "Abdul Daian, Vater des Toten Rahmatullah"

Herr Mettelsiefen, in Ihrem in Zusammenarbeit mit Christoph Reuter entstandenen Fotoprojekt "Kunduz, 4. September 2009" lösen Sie den Krieg in Afghanistan aus der Anonymität heraus, die er für uns in Deutschland hat. Sie geben dem Krieg und auch den Toten ein Gesicht, machen ihn greifbar.

Das war Ziel unseres Projektes. Es ging immer um die Frage: Wer ist da gestorben? Wer waren die Menschen, und wie viele sind bei dem Bombardement durch die Bundeswehr ums Leben gekommen? Wir wollten die ungenaue Zahl - zwischen 17 und 142 Toten – konkret machen.

Denn eine Gesellschaft, die sich im Krieg befindet, sollte nicht wegschauen. Wir wollten jedem einzelnen dieser Toten seine Würde wiedergeben. Andererseits ist es natürlich auch ungewöhnlich, dass ein Land im Krieg sich für die Gegenseite interessiert.

Wie wurden Ihre Recherchearbeiten von den Dorfbewohnern aufgenommen? Brachte man Ihnen Wohlwollen oder Skepsis entgegen?

Am Anfang waren sie sehr skeptisch, denn es waren schon vor uns einige Organisationen da, die jeweils für einen halben Tag einen Mitarbeiter runtergeschickt hatten, um zu sehen, wer gestorben sei. Da wir aber nicht nur einen halben Tag, sondern mehrere Wochen blieben, konnten wir langsam ihr Vertrauen gewinnen. Wir mussten ihnen klar machen, dass wir kein Geld, keine Entschädigung zahlen, sondern einzig ihre Geschichte erzählen und dafür sorgen können, dass diese nicht vergessen wird. Durch das Festhalten ihrer Geschichte könne vielleicht der nötige Druck aufgebaut werden, so dass Deutschland am Ende doch Entschädigungsleistungen zahlt. Diese eventuell zu erwartenden Leistungen waren für die Menschen auch das Hauptinteresse, sich an unserem Projekt zu beteiligen.
Um sie sich nicht zu verscherzen, fingen sie an, uns die Wahrheit zu erzählen. Der eine war dann plötzlich nicht mehr tot, sondern nur verletzt, ein anderer war tot, ist aber schon fünf Jahre vor dem Bombardement gestorben.

Inwiefern ist Ihr Projekt politisch motiviert gewesen? Wollten Sie die Debatte in Deutschland in eine andere Richtung lenken und einen neuen Diskursraum öffnen?

Als wir sahen, wie mit dem Thema Kunduz in Deutschland umgegangen wurde, dass man nämlich sehr schnell versuchte, die Auseinandersetzung auf einen Untersuchungsausschuss zu reduzieren und damit auf die Fragen, wer wann was wusste und wann was getan hatte, kam bei uns schnell das Gefühl auf, dass man hier an der eigentlichen Problematik vorbeiredete. Selbstverständlich ist es wichtig zu wissen, wer für den Fall die politische Verantwortung trägt, aber viel wichtiger ist doch die Frage, wie es überhaupt zu solch einer Eskalation kommen konnte. Warum geriet die Bundeswehr so unter Druck? Deutschland tut sich, und das ist auch richtig so, schwer, dort einen Krieg zu führen und ihn als solchen zu benennen. Aber die Realität ist leider Gottes eine andere. Die Soldaten stecken dort immens in Schwierigkeiten. Glücklicherweise hat sich hier die öffentliche Debatte ja auch weiterentwickelt. Man spricht mittlerweile von Krieg, und man fragt sich, was Deutschland dort eigentlich zu suchen hat.
Uns ging es vor allem darum, den Fokus zurück auf Afghanistan zu lenken. Wir wollten zeigen, was in einem Konflikt, in dem scheinheilig versucht wird, die Dinge anders zu deuten, als sie letztendlich sind, alles passieren kann. Und zwar nur, weil man in die Enge getrieben wird und sich nicht anders zu helfen weiß. Die Leittragenden waren in diesem Falle hauptsächlich Zivilisten. Und die letzten Anschläge auf die Bundeswehr, bei denen zunächst zwei und dann vier Soldaten gestorben sind, muss man natürlich als Konsequenz des deutschen Bombardements verstehen.

Die Bundeswehr hat das Feuer eröffnet in der Annahme, es handle sich bei den Menschen rund um die steckengebliebenen Tanklaster um Taliban. Allerdings ist die Bezeichnung Taliban im seltensten Fall eindeutig und es ist unmöglich zu wissen, wer Taliban, wer Zivilist ist. Wie sind Sie selbst mit dieser Ungewissheit umgegangen?

Zwischen gut und böse zu unterscheiden, ist in Afghanistan komplett unmöglich. Die Tatsache, dass man keine klare Trennlinie zwischen Zivilisten und Kombattanten ziehen kann, macht auch die Schwierigkeit dieses asymmetrischen Krieges aus. Wir stecken da in einer riesigen Definitionslücke, die uns völker- und kriegsrechtlich vor enorme Aufgaben stellt. Die Frage "Taliban" oder "Zivilist", muss man sich dort bei jeder Begegnung immer wieder stellen. "Taliban" ist eine unglaublich schwammige Bezeichnung von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen – aus Opportunismus, Angst oder wegen ihrer Ideologie – radikal geworden sind. In dem Moment nun, als ich sie vor mir sitzen hatte und fotografierte, habe ich erst einmal nur Menschen gesehen, die jemanden verloren hatten.

Ist Ihr Projekt auch als Medienkritik zu verstehen? Etwa als Unmut darüber, dass es überhaupt gewagt wurde, mit solch vagen Zahlen zu operieren, und dass davon ausgegangen wurde, mit der Angabe "zwischen 17 und 142 Toten" durchzukommen?

Es ist eher eine Kritik auf politischer Ebene. Wenn Medienkritik, dann vielleicht insofern, als es einfach viel zu wenig Journalisten gibt, die nach Afghanistan fahren. Es gibt kaum jemanden, der wirklich recherchiert. Wir mussten letztendlich zweieinhalb Monate Arbeit investieren, die wir nicht bezahlt bekommen haben.

Es ging vorhin darum, dass ihr Projekt neue Diskursräume in der Debatte um Afghanistan geöffnet hat. Würden Sie ihre Arbeit selbst als Kunst definieren und sagen, Kunst kann, in bestimmter Hinsicht, die Politik und auch die gesellschaftliche Debatte beeinflussen?

Ich finde den Begriff Kunst schwierig. Ich war gerade beim Gallery Weekend in Berlin, und ich vermisse den politischen Diskurs in der Kunst. Mir fehlen da klare Aussagen, klare Standpunkte. In vielen schwierigen Umbruchszeiten war Kunst immer politisch. Das ist sie momentan nicht. Zu meiner Arbeit: wenn eine politische Botschaft im Kunstbereich möglich ist, ja, dann sind meine Bilder Kunst.

"Kunduz, 4. September 2009"

Termin: bis 13. Juni, Kunstraum Potsdam
http://www.kunstraumpotsdam.de/