Bill Viola - Interview

Unsere Aufgabe ist es, Schönheit zu finden

Der amerikanische Videokunst-Pionier Bill Viola zeigt in seiner aktuellen Ausstellung in der Berliner Filiale von Haunch of Venison eine neue Version von "Hatsu Yume" – und macht sich Sorgen über die Risiken und Nebenwirkungen der modernen Welt. Im exklusiven art-Interview spricht er über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, die Probleme mit Prometheus und die Schönheit des Universums.
"Unsere Aufgabe ist es, Schönheit zu finden":Interview mit Bill Viola

Bill Viola: "Hatsu-Yume (First Dream). For Daien Tanaka", 1981 – Videostill

Herr Viola, oft geht es in Ihrer Arbeit um Leben und Tod. Nun wurde für Ihre Ausstellung in Berlin einer Ihrer Filme, "Hatsu Yume", wiedergeboren. Was wurde verändert und wie war die Erfahrung, noch einmal das Material zu sichten?

Bill Viola: Die gegenwärtig stattfindende digitale Revolution basiert auf der Biologie lebender Systeme. Meiner Einschätzung nach ist es kein Zufall, dass heute, im 21. Jahrhundert, die dominierende digitale Technonlogie auf Code basiert. Der Code, in der Biologie die DNA, in der digitalen Welt der Binärcode, enthält die Vorlage zur Reproduktion des Originals.

Die digitale Technologie ist die bisher effektivste Methode um annähernd perfekte Reproduktionen des Originals herzustellen. Wie in den experimentellen Biowissenschaften, die sie nachahmt, gestattet uns die digitale Technologie aus einem toten Wesen den Code zu extrahieren und es wieder zum Leben zu erwecken. Und genau das ist es, was wir mit der Restauration meines Videofilms "Hatsu-Yume (First Dream)" gemacht haben.

Wie entstand diese Arbeit?

"Hatsu-Yume" entstand im Jahr 1981, als ich mit meiner Frau und Arbeitspartnerin Kira Perov in Japan lebte. Wir haben mit analogen Dreiviertelzoll-Bändern gearbeitet. 2006 entschlossen wir uns zu einer digitalen Restauration im Rahmen einer Ausstellung im Mori Art Museum in Tokio. Mein Assistent Brian Pete griff auf die mit einer Kamera aufgenommenen Originale zurück und überspielten sie auf HD um das Stück neu zusammenzusetzen. Abgesehen von offensichtlichen Verbesserungen wie der Reparatur von Bandschäden des Originalmaterials stellten wir dramatische Verbesserungen fest, was die Auflösung und Detailschärfe der Bilder betrifft. Es scheint als hätten die alten Maschinen mehr Bildinformationen aufgenommen, als ihre Schaltkreise wiedergeben konnten. Das war mehr als bloße Kosmetik – es fühlte sich an, als hätten wir den Patienten nicht nur wiederbelebt, sondern ihm auch noch seine Jugend zurückgegeben. Ich war erstaunt und erfreut, die Lebendigkeit der Bilder so zu sehen, wie sie in der Erinnerung waren.

Als Pionier der Videokunst träumten Sie gemeinsam mit Ihrer Generation von den fortschrittlichen Energien, die die freie Verfügbarkeit der medialen Produktionsmittel freisetzen würde. Jetzt gibt es Youtube, und jeder ist sein eigener Sender. Doch die Gesellschaft scheint sich nicht groß geändert zu haben. Woran liegt das?

Ich glaube, dass die Medienwelt, wie wir sie uns vorgestellt hatten, Wirklichkeit geworden ist. In den frühen siebziger Jahren sagte der amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari über das damals neue und fremdartig anmutende Medium Video, es müsse "zum Bleistift werden" – also ein ganz gewöhnliches Medium. Heute sind elektronische beziehungsweise digitale Medien dermaßen Bestandteil des Alltagslebens, dass ein Leben ohne sie schwierig vorzustellen ist. Schon vor langer Zeit hat es die Grenzen von Fernsehen, Kunst und Kino überschritten und ergießt sich nun in fast jeden Bereich menschlichen Daseins. Wir sahen eine offene Landschaft voller Kreativität, Chancen und Innovation mit einem unendlichen Horizont – allerdings gab es auch Konsequenzen, die wir nicht bedacht hatten.

Was meinen Sie damit?

In der griechischen Mythologie stahl Prometheus, ein gewitzter Trickser, das Feuer vom Olymp und brachte es zur Erde, um es den Menschen zu geben. Seine Feuergabe wurde "techne" genannt, der Ursprung unseres Wortes "Technologie". Auf Altgriechisch: "Trick". Mit der "techne" des Feuers konnte man heizen, kochen und Licht in die Dunkelheit bringen – doch unausweichlich würde man sich auch die Finger verbrennen, das Haus abbrennen und jemanden damit töten. Damals wie heute erkannten die Menschen schnell, dass die Technologie ein zweischneidiges Schwert ist. In den frühen Siebzigern war es unvorstellbar, dass die Medien und die Kamera so destruktive Waffen werden könnten, die uns nun auf dem heimischen Schirm einlullen und auf tausend Kanälen zu Tode amüsieren: Sound-Bites, Einkaufs-Kanäle, "Reality"-TV, Talk Radio, "Talking Heads", Polit-PR, Info-Mercials, Spam, Desinformation, Photo-Ops, inszenierte News, gekaufte "Experten," Cyber-Kriminalität, Identiätsdiebstahl. Viele der Arbeits- und Darstellungsweisen die in der Vergangenheit von Künstlern genutzt wurden und werden sind von der Sprache der Massenmedien und politischen Propaganda aufgesogen worden. Und trotz alledem bleibe ich dem Glauben an das Potential dieses Mediums verbunden, als Agent des Wandels, des unabhängigen Denkens und der Aufklärung – insbesondere in der Hand einzelner Künstler.

Als Student haben Sie um der größeren Freiheit willen die Fächer gewechselt – von der Werbung in die Kunst. Heutzutage werden in vielen Werbefilmen viele visuelle Konzepte verwendet, die von Videokünstern wie Ihnen entwickelt wurden. Wie finden Sie das?

Damit habe ich kein Problem. Auch mich haben oft andere Künstler, Musiker, Literaten – gegenwärtige wie vergangene – beeinflusst. Dazu lebe ich in Los Angeles im Schatten Hollywoods, wo Artdirektoren, Setdesigner und Regisseure immer auf der Suche nach Inspirationen die kreativen Ströme abfischen. Sie besuchen Kunstausstellungen, studieren Kataloge, und ich habe Spiegelungen meiner Arbeit und der meiner Kollegen über die Jahre in verschiedenen Kontexten entdeckt. So etwas kann manchmal nerven, aber eigentlich betrachte ich es als Kompliment, wenn andere Künstler meine Arbeit bedeutsam genug empfinden und sie zitieren oder imitieren – so lange die Grenze zum dreisten Plagiat nicht überschritten wird. Menschen haben immer durch Nachahmung gelernt. Wir lernten zu tanzen, indem wie die Bewegung der Tiere nachahmten, wir lernten Netze zu knüpfen, indem wir die Spinnen beobachteten, und wir lernten zu jagen, indem wir den Großkatzen folgten – und ich habe viel über die Produktion von Kunst gelernt, indem ich den Kunsthistoriker und Philosophen Ananda K. Coomaraswamy studierte.

Bill Viola über den Sinn des Lebens

Und was haben Sie selbst für sich und Ihre Arbeit gelernt?

Ich glaube, dass einer der wichtigsten Gründe für unser irdisches Dasein ist, sich einander zu inspirieren. Typischerweise entsteht ein kreativer Geistesblitz in einem einzelnen Individuum, doch so lange er sich nicht mitteilt und Teil der kollektiven Energie einer Gemeinschaft wird, entsteht nichts daraus. In den Hadithen steht geschrieben, dass Gott Schönheit in alle Dinge eingeschrieben hat. Was für eine kraftvolle Aussage! Bilder von Proben aus dem Weltraum und Aufnahmen des Hubble-Teleskops bestätigen diese Tatsache permanent – dass Schönheit in ihrem tieferen Sinn ein kosmisches Gesetz ist und nicht von der subjektiven Wahrnehmung einzelner Personen oder kultureller Institutionen abhängt. In der kurzen Zeit unseres irdischen Daseins ist es unsere Aufgabe, diese Schönheit zu finden, sie zu beschreiben und sie mit anderen zu teilen. Wir reden hier nicht von hübschen Bildern, sondern von Wissen und Offenbarung, die sich in den tieferen, unsichtbaren Dimensionen der Schönheit vermitteln.

Ihre Berliner Ausstellung findet teilweise parallel zur Berlinale statt. Welche Arbeiten anderer Regisseure beeindrucken Sie zur Zeit?

Leider verfolge ich das Kino der Gegenwart nicht gut genug, um darauf wirklich antworten zu können. Ich zeige in Berlin zwei jeweils 55-minütige Werke in der Galerie Haunch of Venison. Einer davon ist der bereits erwähnte "Hatsu-Yume", der im Rahmen einer Residency in den Forschungslaboren von Sony in Atsugi entstand – das Kamerauge beschreibt eine Reise durch die japanische Landschaft zwischen Morgen und Abend, vom ländlichen Norden in die Straßenschluchten Tokios, von der Quelle des Lichts und des Lebens in die eintretende Nacht und den Tod. Die zweite Arbeit ist "The Passing" aus dem Jahr 1991. Dieser in schwarzweiß aufgenommene Film ist eine persönliche Antwort auf den Tod meiner Mutter uind die Geburt unseres ersten Kindes. Ein großer Teil des Materials wurde mit Nachtsicht-Kameras aufgenommen, um eine Welt entstehen zu lassen, in der Traum und Realität, Wahrnehmung und Erinnerung ineinander verschmelzen und im Bewusstsein eines Mannes kreisen, der dem Tod begegnet ist.

Ihre Arbeit wurde sowohl von christlicher Kunst der Renaissance als auch von der asiatischen Zen-Philosophie aus dem siebten Jahrhundert und dem indischen Buddhismus beeinflusst. Was können wir für unser Zeitalter daraus lernen?

Das Christentum lehrt uns, dass alle menschlichen Erfahrungen – geboren zu werden, erwachsen zu werden, ein Mahl einzunehmen, Wissen zu teilen, anderen zu helfen, für die Schwachen zu sorgen und dem Mysterium des Todes zu begegnen – heilig sind. Obwohl sie individuell und nur von Menschen erfahren werden, sind sie universell und lehren uns, dass alles was wir tun, eine Bedeutung in Ewigkeit hat. Auf der anderen Seite zeigt uns der Buddhismus, dass wir letztendlich für unsere Handlungen verantwortlich sind und dass wir durch Mitgefühl und ein Bewusstein unserer Selbst uns und anderen helfen können, die Mächte der Ignoranz und des Leids zu überwinden, die so viel Elend in der Welt versursachen. Die neue Ära der Globalisierung verlangt von uns, dass wir die universellen Prinzipien und gemeinsamen Grundlagen betrachten und nicht die Eigenarten und Differenzen. So gesehen liegen die Traditionen des Ostens und Westens nicht so weit von einander entfernt, wie Geografie und Geschichte nahe legen. Wie der Dalai Lama sagte: "Leiden wird nicht überwunden, indem man den Schmerz hinter sich lässt. Leiden wird überwunden, indem man den Schmerz anderer auf sich nimmt."

Was bedeutet dies für die Kunst?

Diese Aussage zeigt auch die mögliche Rolle des Künstlers im kommenden globalen Jahrhundert auf. Formen von Kunst existieren in jeder Kultur. Als Wächter einer der wichtigsten Weltsprachen werden die Künstler eine immer wichtigere Rolle zu spielen haben, da die digitale Technologie immer mehr an Einfluss gewinnt und es immer mehr Bedarf gibt, auf die "Stimme des Herzens" zu hören. Die Fähigkeit großer Künstler, die Tiefen des Lebens und der Seele zu berühren, ist ein Geschenk an die Menschheit, und in diesen schwierigen und konfliktreichen Zeiten benötigen wir sie mehr denn je.

"Bill Viola: Installations"

Termin: bis 21. Februar, Haunch of Venison, Berlin
http://www.haunchofvenison.com/en/#page=berlin

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