Cheyenne Westphal - Interview

Die Bildjägerin

Cheyenne Westphal ist eine der mächtigsten Frauen der internationalen Kunstszene. Bei Sotheby's leitet die 43-Jährige die Sparte Zeitgenössische Kunst für Europa. Jetzt gewann sie die Sammlung Dürckheim, laut Sotheby’s „eine der spektakulärsten Sammlungen zeitgenössischer deutscher Kunst der 1960er und 1970er Jahre, die je versteigert wurde“. Ein Interview über den Grafen Dürckheim, kauflustige Taiwanesen und die Erholung nach der Krise

art: Nach der New Yorker Abendauktion im November 2007 knallten bei Sotheby’s die Champagnerkorken. Grund war der Rekorderlös von 316 Millionen Dollar, dem höchsten in der 267-jährigen Geschichte des Hauses. Dann drückte die Krise die Preise. In der Februar-Auktion 2009 nahm Sotheby‘s London nur knapp 18 Millionen Pfund ein. Seit wann sind Sammler wieder investitionsfreudig?

2009 war das Jahr der Unsicherheit. Dann waren alle perplex, wie schnell sich der Kunstmarkt erholt hat. Schon im Februar 2010 hatten wir bei der klassischen Moderne die erfolgreichste Auktion aller Zeiten, als der Giacometti für über 100 Millionen Dollar verkauft wurde.

Was war die „Wendepunkt-Auktion“ bei den Zeitgenossen?

Definitiv die Sammlung Lenz (Zero Kunst) kurz darauf, die zehn Millionen Pfund über Schätzwert erbrachte. Das hatte niemand erwartet, noch dazu für so ein spezielles Gebiet. Wenn jemand 2009 prophezeit hätte, die erste Auktion des Jahres wird ein Riesenerfolg, hätten ihn alle für verrückt erklärt. Es gab etwa 19 Weltrekorde in einer Auktion und es war das erste Mal für viele Zero-Künstler, dass sie international beachtet wurden.

Wie war Ihr Eindruck auf der Art Basel? Was ist mit den Russen, den Hedgefonds-Managern, die den Kunstrausch angefacht haben?

Die Amerikaner kaufen wieder mehr. Ansonsten sind es nicht nur Russen, sondern auch Käufer aus China, Indonesien, den Philippinen und Taiwan. Das spüren wir seit drei Jahren, und es werden immer mehr statt weniger. Vor allem der Mittlere Osten kommt. Das hat man gerade in Venedig erlebt: gerade aus diesen Regionen kamen die meisten neuen Pavillons und zahlreiche Ausstellungen.

Jetzt starten Sie die Zeitgenossen-Auktion mit der Sammlung des Graf Christian Dürckheim-Ketelhodt, ein Industrieller, der u.a. im Aufsichtsrat der Haniel-Gruppe (Metro-Gruppe), der Kölner Dom-Brauerei und der Biotech-Firma Axiogenesis sitzt. Was ist das Besondere der Sammlung?

Er begann 1970 deutsche Kunst von Baselitz, Richter, Immendorf und anderen zu erwerben, immer mit der Maxime, die Werke so nah wie möglich an ihrem Entstehungsdatum zu sammeln. Die Sammlung ist eine fantastische Neuentdeckung, nicht nur weil Sie Tiefe hat, sondern mit Imi Knoebel, Markus Lüpertz, Eugen Schönebeck und Konrad Lueg repräsentiert sie auch eine große Bandbreite. Lueg und Schönebeck werden erstmals über Sotheby's verkauft.

Für Sie als Bildjägerin also die besten Kriterien: 59 frühe, kaum bekannte Arbeiten mit außergewöhnlicher Provinienz. Ein Highlight ist Polkes "Dschungel" von 1967, das größte der legendären Rasterbilder, das je öffentlich angeboten wurde. Sotheby’s hofft insgesammt auf rund 37 Millionen Euro. Wie lange mussten sie Überzeugungsarbeit leisten?

Gar nicht. Graf Dürckheim rief mich an, sein Entschluss zu Verkaufen stand fest. Am wichtigsten war ihm, dass seine Arbeiten in einem repräsentativen Katalog zusammengefasst werden, eine Art Weißbuch zu der Kunst dieser Generation.

Aufgerufen werden allein neun Werke von Baselitz – die wichtigste Gruppe seiner Gemälde aus den 60er-Jahren aus privater Hand. Top-Los ist "Die große Nacht" mit der jungenhaften Gestalt in offener Hose. Warum wird es als "Schwesternstück" des berühmten Werks "Die große Nacht im Eimer" bezeichnet?

"Die große Nacht im Eimer" hängt im Ludwig Museum, es wurde 1963 konfiziert, als es bei Michael Werner und Benjamin Katz in Berlin ausgestellt war. Was kaum jemand wußte ist, dass dieses Bild direkt nach "Die große Nacht" gemalt wurde. Die dritte Version, die von diesem Bild existiert, ist als Leihgabe im Van Abbemuseum in Eindhoven. "Die große Nacht" kannte eigentlich niemand!

Auch Gerhard Richter ist neun Mal vertreten, von den frühen fotorealistische Gemälden in schwarz-weiß bis zur Farbtafel von 1974. Ist es nicht riskant, derart viele Werke eines Künstlers an einem Abend anzubieten?

Nein, denn wenn man sich die einzelnen Arbeiten anschaut, sieht man, dass jedes Bild anders gemalt ist. Mittlerweile ist der Markt so global, da kann es auch von Vorteil sein, einen Künstler so zentriert zu präsentieren, insbesondere wenn die Arbeiten alle marktfrisch sind und noch nie gezeigt wurden.

Wie hoch ist der Anteil der angeboteten Werke im Vergleich zum Rest der Sammlung?

Soweit ich weiß, ist es der Großteil der Sammlung.

Warum trennt sich der Graf von der Sammlung?

Weil sie für ihn, so wie sie jetzt besteht, seit 1985 abgeschlossen ist. Mittlerweile sei er schon ganz woanders in seinem Kopf. Er ist ein passionierter Sammler und schon seit vielen Jahren dabei, andere Sammlungen aufzubauen. Im Katalog haben wir ein paar Hinweise geben dürfen, was ihn jetzt interessiert.

Nämlich?

Als er in London lebte, hat er die YBA (Young British Artists) gesammelt. Mittlerweile interessieren ihn Film, Video und Fotos.

Warum wurde so intelligent gesammelt, die Sammlung aber nie ausgestellt?

Weil er nicht wollte. Er lieh seine Arbeiten auch nicht aus, mit Ausnahme einiger Baselitz-Werke. Ich war die erste Person außerhalb der Familie, die die ganze Sammlung gesehen hat.

Welche Käufer erwarten Sie in London?

Es wird absolut international. Wir haben die Dürckheim-Kollektion ja schon in New York ausgestellt, ebenso in Hong Kong. In Deutschland gab es eine Reihe von Abendessen und in London sind die Sotheby’s Galerien seit über einer Woche offen: Wir sind "on view" und ich telefoniere täglich mit Interessenten.

Was ist Ihre Strategie, um den Kunstmarkt langfristig wieder anzufachen?

Wir versuchen, die Schätzpreise attraktiv zu halten. Das ist uns bei Dürckheim glaube ich sehr gut gelungen. Manchmal wird man durch die Vorgespräche mit den Besitzern aber auch mutiger und beschließt: das Werk ist so gut, wir strecken den Hals mal weiter vor und versuchen es für den höheren Preis anzubieten. Aber bei den Taxen im Juni müsste noch ausreichend Platz nach oben sein.

Gleich im Anschluss an die Dürckheim-Auktion legen Sie mit einer Blue Chip-Künstler gespickten Auktion nach, darunter Francis Bacons Monumentalwerk "Crouching Nude" von 1961, inspiriert von Michelangelos auf ein Weinfaß gelehnte Nackte in der Sixtinischen Kapelle, mit einer oberen Taxe von rund 10 Millionen Euro.

Ja, das Bild wird erstmals versteigert. Außergewöhnlich sind auch Jean-Michel Basquiat's "Untitled" von 1981 und Andy Warhols „Campbell's Soup Can“ von 1962 sowie sein Portrait des Blondie-Stars Debbie Harry und Murakamis Vier-Meter-Leinwand "Superflat Jellyfish Eyes 1". Es ist fantastisch in diesen zwei Tagen so viel unterschiedliche Kunst anbieten zu dürfen.

Da ist ja auch noch die "Collection of Dave Stewart", einem Musiker, dessen Zuhause eine Art Mini- Factory wurde. Er zog mit Damian Hirst um die Häuser, machte Hausboottouren mit Gilbert & George und Musik mit Brian Ferry, feierte mit Jeff Koons und Richard Prince.

Durch sein Netzwerk besitzt er die frühen dot paintings von Damien Hirst, sehr gute Werke von Basquiat, aber auch Christopher Wool and Koons.

Und warum verkauft er seine Schätze?

Er zieht um. Eines seiner Häuser gibt er auf.

Schlussakt ist eine Auktion von 40 Werken, deren Erlöse an die neue "Serpentine Sackler Gallery" in den Kensington Gardens fließen soll. Es sind Arbeitsspenden u.a. von Cecily Brown, John Currin, Ed Ruscha, Bharti Kher, Andreas Gursky, Chris Ofili und Cindy Sherman, die zum Teil für die Auktion gefertigt wurden.

Genau, Zaha Hadid hat gerade die Baugenehmigung für den Umbau einer Villa im Stil Palladios nahe der Serpentine Gallery mitsamt einem spacig-wellenförmigen Anbau erhalten. Eröffnet wird wohl im Sommer 2012.

Sie selbst haben sich diszipliniert: nur ein Kunstwerk pro Jahr ist erlaubt. Was war Ihr letzter Kauf?

Eine Wandskulptur aus silbernem Klebeband von Tara Donovan. Von Gerhard Richter habe ich nur Kleinigkeiten, kein richtiges Bild – das wird wohl auch nicht mehr kommen.