Christopher Wool - New York

The Show Is Over

Das Guggenheim Museum zeigt mit Christopher Wool einen der großen Veteranen der achtziger Jahre in New York.

Dermaßen stilvoll wird man selten angemacht: "TRBL" als Kurzform für "Ärger" steht da kurz und wütend. "FOOL" oder "IF YOU CANT TAKE A JOKE YOU CAN GET THE THE FUCK OUT OF MY HOUSE". Und natürlich der berühmte Satz aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now": "SELL THE HOUSE, SELL THE CAR, SELL THE KIDS".

Das New Yorker Guggenheim Museum hat Christopher Wool eine Retrospektive gewidmet, die vorführt, wie sich der New Yorker Künstler seit 30 Jahren mit der Malerei anlegt. Roh, hart und ungestüm wirken die Arbeiten. Bei Wool haben selbst Blumenranken etwas Anarchisches. Gleichzeitig berühren einen die Bilder in ihrer Zartheit. Ihren Ursprung haben sie in den Straßen von New York wie die düsteren Schwarzweißfotos von Trucks, Müll, Hunden oder einem Einkaufswagen, der verloren in der Gegend herumsteht, zeigen. Es waren die Worte "SEX LUV", die auf einen weißen Laster gesprüht waren, die Wool Mitte der achtziger Jahre zu seinen Word Paintings führten. Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Eleganz die überwiegend schwarzweiß gehaltenen Werke die Rotunde füllen. Der 1955 in Chicago geborene Wool wurde von einem New York geprägt, das heute nur noch in verborgenen Winkeln existiert. Der Kunstmarkt war in den achtziger Jahren tot, die Malerei für tot erklärt und Künstler hatten keine Karrieren, sondern schlugen sich durch. Wools Ära war die des Punk-Rock, als im CBGB auf der Bowery Patti Smith, Blondie, Richard Hell and the Voidoids auftraten, in Downtown die Mieten so niedrig waren, dass Künstler tatsächlich in der Stadt leben konnten und als Graffitis anstelle von Edel-Coffee-Shops das Stadtbild bestimmten.

Wools Bilder zeichnen sich vor allem durch das aus, was sie nicht sind: Sie sind nicht figurativ, nicht farbenprächtig, sie wehren sich gegen Perfektionismus und widersetzen sich den Gesetzen der Harmonie. Die mit Schablonen aufgetragenen Großbuchstaben sträuben sich gegen ihre Anordnung, Sätze erstrecken sich so widerspenstig auf der Leinwand, dass man sie kaum lesen kann. Manchmal fehlen Buchstaben. Für seine Wörter und Sätze bediente sich Wool bei Albumcovern und Filmen. Er setzte Stempel oder Malerroller aus dem Baumarkt mit banalen Mustern wie Blumenranken ein, die damals eine preiswerte Alternative zu Tapeten waren. Er wechselte von Ölfarben auf Lackfarbe, mit der er auf weiß angemalten Aluminiumplatten arbeitete, und provozierte mit dem Prinzip der Zufälligkeit, mit dem er sich gegen die Vision des Malers auflehnte. Er arbeitet mit Siebdruck und Digitaldruck und benutzt dabei häufig Motive vorangegangener Arbeiten. Mit der Spritzpistole setzt er Schleifen von Graffiti-Linien auf die Leinwand, die er mit Lappen oder Pinseln wieder auswischt. Er sabortiert seine Arbeiten, zerstört die Harmonie einer Komposition, durchbricht Muster und lässt auf einmal Farbe eindringen, um die Herrschaft von Schwarz und Weiß in Frage zu stellen. Er hinterlässt Makel wie Farbtropfen oder lässt seine Buchstaben ausfransen.

Am Boden der Rotunde hängt ein einziger gewaltiger Farbklecks, der warnend vorzuführen scheint, wozu Wool fähig ist: Es handelt sich um den Druck eines vergrößerten Lackfarbe-Spritzers, der sich über vier Blatt Papier ausbreitet, die dann mit sichtbaren Nahtstellen auf die Leinwand geklebt wurden. "Hypnotiseur. Anarchist. Schlafloser. Söldner. Autorität. Witzbold. Komödiant. Psychotiker. Wahnsinniger. Gegner. Informant … dies sind Wörter, mit denen ich Christopher beschreiben könnte und würde. Aber er hat das bereits selbst getan", schreibt Richard Prince in dem Ausstellungskatalog und bezieht sich auf Wools Wort-Serie von 1989. Prince, der seinen Kollegen 1986 bei dessen zweiter Solo-Ausstellung in der New Yorker Cable Gallery kennenlernte, sieht in Wool einen von fünf oder sechs wirklich bedeutenden Künstlern, die jede Dekade hervorbringt. Die heutigen Kunststars verbindet eine lange Geschichte. Wool kaufte dem damals von Geldsorgen geplagten Richard Prince eines seiner Cowboy-Fotos ab – es war der erste Cowboy, den Prince überhaupt verkaufte.

"The show is over. The audience get up to leave their seats. Time to collect their coats and go home. They turn around. No more coats and no more home", steht zunächst unleserlich auf einem Werk zu Beginn der Ausstellung geschrieben, weil Wörter verschmelzen und Zeilen verkehrt umbrechen. Die Passage stammt von dem legendären Musikkritiker Greil Marcus und führt vor, worum es Wool bei seiner Arbeit schon immer gegangen ist: Ihn beschäftigt nicht, was er malt, sondern wie. Wie die damals totgesagte Malerei nicht nur am Leben, sondern störrisch, angstfrei und relevant bleibt. Und wie man es sich bei seiner Arbeit immer so unbequem gestaltet, dass man persönlich niemals stehen bleibt. Christopher Wool ist längst weitergezogen. Er arbeitet inzwischen an Bronzeskulpturen.

Christopher Wool

Guggenheim Museum, New York
bis 22. Januar
http://www.guggenheim.org/new-york/exhibitions/on-view/christopher-wool