MS Dockville Kunstcamp - Hamburg

Immer in Bewegung

Fast einen Monat lang verwandelt sich ein kleines Stück Natur Hamburgs jedes Jahr in eine Ausstellungsfläche. Das Kunstcamp des MS Dockville Festivals lockt nun schon zum dritten Mal in einem ganz eigenen Rahmen Kunst- und Elektrofreunde nach Wilhelmsburg. Unter dem Metathema "Unkraut" finden sie hier Installationen, Skulpturen, Malerei, Tanz, Musik, Fotografie und mehr.
Kunst im Wald:Kunstcamp des Dockville-Festivals spielt mit Unkraut

Der "Igel" ist ein vom Architektenkollektiv Umschichten und den Stararchitekten erfundenes Hotel für 80 Personen. Hier schlafen die Crew-Mitglieder des MS Dockville Kunstcamps 2013

Eine Brombeerheckenwand weist den Weg zum Hintereingang. Kleine Wirtschaftsgebäude stehen hier, Wohn- und Bauwagen, Toilettenhäuschen.

Der Himmel ist wolkenverhangen und verkündet einen ungemütlichen Nieselregen. Junge Typen und Mädels in lässig-hippen Outfits kreuzen hier und da geschäftig den Weg, scheinen in Gedanken versunken. Das ist das MS Dockville Kunstcamp, versteckt hinter romantischer Hafenindustrie, an der Küste der Wilhelmsburger Flussinsel. "Ein anderes Universum", nennt es der polnische Artist Piotr Kotlicki.

Hunde huschen über die kleinen Wiesen rund um die "Küche" – ein versteckter Ort, an dem Künstler und Crew zusammen kommen, inoffiziell diskutieren, an Projekten feilen. Die Künstler, das sind über 50 Performer, Bastler und Tüftler, Musiker, Maler, Fotografen, Bildhauer und mehr. Sie werden von der Crew betreut, die nicht nur die Kuratorinnen und PR-Mitarbeiter umfasst, sondern auch eine Vielzahl an freiwilligen Helfern und Assistenten. Und die stehen nicht nur zur Seite, sondern entwickeln selbst, nehmen an dem Prozess Kunstcamp aktiv teil. Und sie sind Bestandteil ganzer Kunstwerke, wie im Fall von Piotr Kotlickis "Suitcreature", einer Performance, die nur mithilfe der Besucher und Helfer entstehen kann: Erst zwei, dann immer mehr Menschen stapeln sich, klettern aufeinander, umarmen die anderen, hängen sich an. Wie Unkraut entsteht die menschliche Skulptur irgendwo im Wald oder auf der Wiese des Kunstcamps, sprießt und wuchert, je nach Interesse und Anzahl der Teilnehmer.

Wuchernde Kunst

"Unkraut" – das ist das große Metathema, das über allem steht. "Ich verstehe Unkraut als Etwas, das sich festsetzt, vielleicht auch besetzt, okkupiert", erklärt Susanne Schick, die zweite Kuratorin des Camps neben Gründerin Dorothee Halbrock. Sie sagt: "Hinter dem Kunstcamp wuchert noch viel mehr, ein ganzer Lebensraum." Und Pressesprecherin Anika Väth ergänzt, dass Unkraut Kunst sei, "die zunächst belächelt wird. Aber mit den Jahren gewinnt sie Fans und ist überall zu sehen. Wie Rucola". Der sei auch erst unbekannt, sogar Unkraut, gewesen, nun ist er in beinahe jeder Gastronomie vertreten. Vor allem aber wächst und gedeiht Unkraut, ist immer in Bewegung. Das gilt auch für die Kunstwerke auf dem Campgelände, die zum Teil hier erst begonnen wurden, wie Alban Mujas Installation "Artist Moves". Ursprünglich wollte der Künstler aus dem Kosovo anhand einer Zeichnung aufzeigen, in welchen Bahnen sich die Menschen im Kunstcamp bewegen. Weil die Open-Air-Ausstellungsfläche sich aber nicht eignete, verwirklichte er seine Idee in einer wind- und wetterfesten Skulptur.

Windschief hingegen wirken die vielen Holzkonstruktionen im Kunstwald: allen voran die Bühnen für den Vogelball und andere Festivalpartys, an Bäume genagelte Bretter und eine Schnapsdestillation mit individueller Kräutermischung der Künstlerin Móka Farkas auf einem Holzturm hoch über der Tanzfläche. Überhaupt tauchen überall Bretter in allen Farben und Formen auf, bilden kleine Treppen, Sitzbänke und Baumhäuschen. Wie der erträumte Zauberwald der Kindheit wirkt das kleine Künstleruniversum, besonders auf dem Weg zum "Lakkiville". Der Weg hierher führt über dicke Baumstämme, durch dichtes Buschwerk und immer wieder muss sich der Abenteurer unter tiefhängenden Ästen hindurchducken. Endlich angekommen wartet ein frisch eingeschenkter Lakritzlikör, begleitet von einem munteren Pläuschchen – wer suchet, der findet.

Riesenigel und andere Überraschungen

Weniger versteckt stehen die meisten Kunstwerke da. So zum Beispiel der Igel vom Architektenkollektiv Umschichten ft. Stararchitekten, der mit seinen im Kreis aufgestellten Schlafkammern als Hotel für die Crew dient. Durch die wild angeordneten Stacheln, die "wie Unkraut überall hin wuchern", wie Susanne Schick betont, ist er kaum zu übersehen. Kleine Tafeln der Kräuterkunde an den Kojen verweisen noch einmal auf das Metathema.
Eine ganz andere Interpretation von Unkraut setzten die beiden Künstler Julien Fargetton und Matthias Hübner um. Mit einer Installation, die überraschen soll, verweisen sie auf "ungezogene Kinder, die wie Unkraut einfach in anderer Leute Gärten rumrennen, beispielsweise um verlorene Bälle wieder einzusammeln", erklärt Fargetton… Mehr sei hier jedoch noch nicht verraten.

Unkraut wächst auch an und um Sebastián Muhrs "Wheel Machine". In Form eines Baumes bewegen sich beim Näherkommen Fahrradreifen auf und nieder, drehen sich um sich selbst und bringen eine Kette in Gang. Auch diese Skulptur wuchs vor Ort und erhielt mit jedem Tag mehr und mehr Räder. "Nachts sieht sie am schönsten aus", sagt der Künstler selbst, "denn da wird der 'Räder-Baum' angestrahlt und der Schatten bewegt sich auf den umliegenden Bäumen". Gegenüber steht Krautzungens "Galerie des Tages". In einem kleinen White Cube wechseln mindestens ein Mal am Tag die Ausstellungen, in denen das Künstlerkollektiv Fotografien, Malerei, Musik, Literatur und Film miteinander verbindet. Hier sieht man Kunst, die "so abwegig ist, dass sie im normalen Hamburger Kunstraum zwar besteht, jedoch nicht wahrgenommen wird", sagt Fynn Steiner, Autor, Maler, Sänger und Mitglied bei Krautzungen. Wie Unkraut eben.

Im Dickicht der Kreativität

Abwegig ist im Kunstcamp alles und doch wieder nichts. Wer hier eintaucht und sich auf die unterschiedlichsten Interpretationen des Themas Unkraut einlässt, der verstrickt sich in einem Dickicht, das Kunst auf Augenhöhe erklärt, oft mit einem Augenzwinkern, immer ohne Verbote und Gesetze. Verständlich wird, was man verstehen will. Das hat auch schon ein ganz unterschiedliches Publikum erkannt: "Pärchen mit grauen Haaren, Familien mit Kinderwagen und junge Anhänger elektronischer Musik treffen hier aufeinander", erzählt Susanne Schick. Mit leuchtenden Augen, denn genau das ist das Anliegen der beiden Kuratorinnen des einzigartigen Kunstcamps – Menschen zusammenzubringen.

Bevor am Sonntag erstmal Schluss ist mit dem öffentlichen Camp, wird der Samstag noch zum Feiertag ernannt. Dann startet der legendäre Vogelball, mit gefiederten Masken, schrägen Typen und einer Musik, die verbinden soll. Das funktioniert zum Beispiel mit Mykki Blanco, der Queen des Queer-Rap. Pressesprecherin Anika Väth erklärt, dass "auf dieser Basis alle auf Augenhöhe kommunizieren" können, weil der Partyrahmen den "Einstieg erleichtert". Ob damit nun die Musik selbst, die Kunst oder die tanzwütigen Besucher gemeint sind, ist dabei ganz egal. Wichtig ist das Miteinander, und das gilt auch fürs Camp.

Das MS Dockville Kunstcamp

Das Kunstcamp ist noch bis zum 11. August für die Öffentlichkeit zugänglich.
Danach öffnet es wieder im Rahmen des Dockville-Musikfestivals vom 16. bis zum 18. August. Dann werden auch Spaziergänge durch Wald und Wiese angeboten.
Die Zeiten hierfür: Freitag um 18:30, 20:30 und 22 Uhr, Samstag und Sonntag um 14:30 (Kinder sind besonders willkommen), 16:30, 18:30, 20:30 und 22 Uhr.

Am Samstag, den 10. August, findet der beliebte "Vogelball" statt, ein Maskenball mit elktronischer Musik, Rap und mehr.
http://msdockville.de/kunst