Lofoten-Festival - Norwegen

Müll statt Romantik

Alle zwei Jahre findet auf der norwegischen Inselgruppe Lofoten ein Kunstfestival statt. Aber kann ein internationales Festival in einer Stadt, in der selbst kaum mehr als 4000 Menschen leben, funktionieren? Unser Korrespondent hat sich in Svolvær einmal umgesehen – und wirklich überraschende Arbeiten entdeckt.
Müll statt Romantik:Kunstfestival auf der norwegischen Inselgruppe

Yang Zhen Zhong, "Still Untitled", 2008

"Real Lofoten Art" steht in blauer Schrift auf dem weißen Neonleuchtenschild. An der Hauswand daneben ein großflächiges Gemälde einer felsigen Insellandschaft mit fliegender Möwe im Vordergrund, in großen Lettern prangt "Galleri Stig Tobiassen" drauf.

Es ist eine jener Adressen, um die die Mitarbeiterin in der Touristinformation mit dem Kuli einen blauen Kringel gemacht hat, um die Galerien in Svolvær einzuzeichnen. Sie hat viele blaue Kringel gemacht. In der Kategorie Anzahl Galerien pro Kopf dürfte das nur etwas mehr als 4000 Einwohner zählende Svolvær, Hauptstadt der nördlich des Polarkreises gelegenen norwegischen Inselgruppe Lofoten, international weit oben mitspielen. Ausgestellt werden häufig Ölbilder, deren Motive von der Umgebung ein Bild zeichnen, als gäbe es hier weder Motorboote noch Häuser, die nicht aus Holz gebaut sind.

Aus dem weiß verkleideten Anbau einer Lagerhalle ein paar Ecken weiter schallen wieder und wieder die Worte "I will die". Asiaten, Westeuropäer, Amerikaner – sie alle sprechen, flüstern und rufen diese drei Worte, ganz so, als wollten sie mit dieser unumstößlichen Wahrheit gegen die Verklärung der romantisierenden Bilder ankämpfen. Yang Zhen Zhongs Videoarbeit "I will die" ist in Svolvær besonders gut aufgehoben. Die Lagerhalle von Lorentzen, in der die Arbeit gezeigt wird, ist einer der zwei Hauptausstellungsorte des "Lofoten International Art Festival" (LIAF).

Rickard Borgström ist der hauptamtliche Direktor

Seit 1991 findet auf der norwegischen Inselgruppe Lofoten ein Kunstfestival statt, nunmehr im Zweijahresrhythmus. Seit dieser Ausgabe hat LIAF mit Rickard Borgström einen hauptamtlichen Direktor. Für das Jahr 2008 wählte er zu den knapp 30 Künstlern auch ein Videoprogramm aus. An fünf Orten auf den Lofoten werden noch bis in den September hinein die Arbeiten gezeigt. Bis dahin rechnet Borgström mit gut 5000 Besuchern. Eine gute Zahl, wie er findet, bedenkt man, dass auf der ganzen Inselgruppe keine 25 000 Menschen leben.

Die Hauptsaison für Touristen ist gerade zu Ende gegangen. Dennoch ist die erstmalige Vorführung von Jun Yangs in diesem Sommer auf den Lofoten produzierten Film "Norwegian Wood" so gut besucht, dass etliche der zumeist um die 20 Jahre alten Zuschauer auf später vertröstet werden müssen. Der Film zeigt, was viele von ihnen vielleicht ähnlich später selber erleben werden: Eine junge Frau kehrt in den auf den Lofoten gelegenen Ort ihrer Kindheit zurück, wo ihre Schwester noch immer wohnt. Dort sieht sie sich mit den Realitäten ihrer Vergangenheit im Norden konfrontiert und muss den Abschied von den Eltern vollziehen.

Elin Wikström hat sich mit den alten Eltern beschäftigt, die sich von den Kindern verlassen sehen und womöglich Nutzlosigkeit fürchten. Sie bot ihren eigenen Vater und einige andere ältere Menschen der Lokalbevölkerung als billige Arbeitskräfte an. Im zweiten Hauptort der Ausstellung, dem alten Gebäude einer Fischfabrik, dokumentiert sie mit Fotos und einem auf die Wand geschriebenen Tagebuch die Erfolge des ins (Arbeits-)Leben zurück integrierten Vaters. "30. Mai Arbeitgeber 1: Kirsten Job 1: Moos aus der Wiese reißen" und ähnliche Sätze über die Aktivitäten ihres 73-jährigen Vaters stehen an der Wand.

LIAF hat noch sehr viel Potenzial

Borgström meint, LIAF habe noch einiges an Potenzial. Zukünftig sollen Künstler stärker während des Festivals arbeiten, eigene Werke erstellen, Performances abhalten oder Workshops anbieten. Wenn in zwei Jahren die nächste Ausgabe stattfindet, wird LIAF Räumlichkeiten im dann eröffneten örtlichen Kulturhaus am Hafen von Svolvær haben. Statt in alten Lagerräumen wird dann in neuen Galerieräumen ausgestellt. Es bleibt abzuwarten, ob dem Festival dadurch Charme verloren geht. Die Besucherzahl, so Borgström, jedenfalls solle steigen.

Das Festival trägt zwar die Lofoten im Namen, doch obwohl hier oben unglaublich viel Platz für Kunst im öffentlichen Raum oder vielmehr in der öffentlichen Natur ist, kommt dieser Aspekt beim diesjährigen Festival viel zu kurz. Lediglich eine Handvoll Arbeiten sind außerhalb von Ausstellungsräumen zu sehen, und nur Sami Rintala und Dagur Eggertsson haben sich ein Werk ausgedacht, das mitten in der Natur ist. Das Haus "Common Place" der beiden soll weitab vom nächsten Ort im Südwesten der Lofoten entstehen. Ein Haus, dass jedem offensteht, wenn er es denn schafft, zu dem abgelegenen Platz zu kommen.

Borgström will, dass beim nächsten Festival mehr mit der einmaligen Landschaft der Lofoten gearbeitet wird. Jener Landschaft, die aussieht wie auf den Bildern, die in den lokalen Galerien verkauft werden und wegen derer die Inselgruppe so bekannt ist und so viele Touristen anzieht.

"Lofoten International Art Festival"

Termin: bis 7. September, Svolvær, Norwegen.
http://www.liaf.no/

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