Veto - Deichtorhallen Hamburg

Perspektivenwechsel

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen in ihrer aktuellen Ausstellung "Veto" acht Positionen der deutschen Gegenwartsfotografie. Die Künstler vereinen in ihren Werken digitale Bildbearbeitung genauso wie traditionelle Analogfotografie und stellen Bezüge zur Malerei und Zeichnung her. Der Anspruch der Ausstellung ist es, ein Veto für die Weiterentwicklung des Mediums der Fotografie als ästhetisches Kunstwerk einzulegen.

"Jetzt müssen Sie mir aber verraten, wie sie die Stäbe dort hoch bekommen haben", fordert eine ältere Besucherin der Ausstellung "Veto – Zeitgenössische Positionen in der Deutschen Fotografie" den anwesenden Künstler auf. "Das ist die Sonne. Langzeitbelichtung", antwortet Hans-Christian Schink knapp.

Die beiden stehen vor der Fotografieserie "1 h", die Landschaften mit einem schwebenden, schwarzen Stab zeigt, der wie durch eine Hintergrundbeleuchtung zu scheinen vermag. Der Stab ist das Ergebnis einer Langzeitaufnahme der Sonne, deren Verlauf durch die Solarisation bei einer Überbelichtung von einer Stunde zu einem schwarzen fremdartig wirkenden Stab wird. Dieser hängt in unterschiedlichen Winkeln, abhängig vom Breitengrad, am Himmel. Schinks Analogfotografien entstehen an Orten ohne Bedeutung, ohne Wiedererkennungswert. Sie stehen still, die einzige Bewegung ist die Sonne, die je nach Wetterlage und Sichtmöglichkeit an einigen Stellen durch helle Lichtsequenzen durchbrochen ist.

Die Deichtorhallen zeigen vom 4. September bis 15. November "Veto". Ausgestellt werden acht "subjektiv ausgewählte Künstler, die einen Querschnitt der deutschen Gegenwartsfotografie repräsentieren", sagt Kurator Ingo Taubhorn. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Wesensbestimmung einer Fotografie mit den Fragen nach der Bedeutung der Digitalisierung und deren Wahrnehmung sowie die Frage nach der Materialität. Der politisch besetzte Begriff "Veto" stellt in diesem Zusammenhang "das Interesse an einer Kontextverschiebung in die Aura des Künstlerischen" dar, ergänzt Taubhorn, und kann als Einspruch an die Fotografie selbst aufgefasst werden. Ein Eingriff in die Wirklichkeit ist die Gemeinsamkeit aller ausgestellten Positionen. Jeder der Fotografen verwirrt auf seine Art den Betrachter, indem Wirklichkeit als Fiktion und Fiktion als Wirklichkeit ausgegeben wird. Die Auswahl der Künstler, begründet Taubhorn darin, dass die Werke sich gegenseitig kommentieren und der Rundgang bewusst nicht chronologisch angelegt sei.

"Auf einem schmalen Grat zwischen Realem und Fiktiven"

Folgt der Besucher dem Uhrzeigersinn, beginnt für ihn die Ausstellung mit den strukturell aufgebauten Farbfotografien von Andreas Gefeller. Seine Bilder zeigen einen seriellen Überblick auf die Oberfläche urbaner, von Menschen geschaffener, Räume. Seine Werkgruppe "Supervisions", so beschreibt Gefeller seine Reihe, entstünde aus vielen tausenden Bildern, nacheinander zusammen gesetzt. Gefeller schafft ein scheinbar reales Bild, doch wie noch häufiger in der Ausstellung zu bemerken ist, trügt der Schein. Bei Gefeller weiß man nie, wie weit man seinen Bildern trauen kann. Unzählige Aufnahmen, montiert zu einem architektonischen Bauplan, zeigen den realen Aufbau eines Gebäudes. Nur an den realen Wänden lässt sich die Perspektivenverschiebung zweier Bilder übereinander erkennen. Gefeller betont, sich immer "auf einem schmalen Grat zwischen Realem und Fiktiven" zu befinden.

Die Perspektive spielt auch für Beate Gütschow eine gewichtige Rolle. Im Gegensatz zu Gefeller zeigen ihre Bilder nicht einen realen Raum in einer fiktiven Perspektive, sondern einen fiktiven Raum in realer Perspektive. Gezeigt wird eine Auswahl aus ihrer S-Serie. Angelehnt an die klassische Architekturfotografie stellen ihre Bilder futuristische Räume dar, frei von Natur und Bewegung. Die perfekte Zusammensetzung der 30 bis 100 Einzelbilder, ist bestimmt von einer übergeordneten Ästhetik, die eine von Beton geprägte Zukunft prophezeit. Erst bei genauerem Betrachten wird die Ästhetik durch verlassene Gebäudekomplexe und Wrackteile gestört und wandelt das Gefühl der Schönheit in ein Gefühl der Einsamkeit in einer apokalyptischen Welt. Diese ist kaum zu unterscheiden von der Realität, nur durch die überaus klinisch wirkenden Aufnahmen werden Divergenzen zur Wirklichkeit sichtbar.

Kunst steht im Hintergrund

Der Ausstellungstitel kündigt eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Fotografie an, doch suggeriert bereits die Entwicklerschale auf dem Ausstellungsplakat eine Konzentration auf analoge Fotografie. Es kommt die Frage auf, was in dieser Ausstellung vermittelt werden soll. Zeitgenössische digital manipulierte oder analoge Fotografie mit all ihren technischen Möglichkeiten? Berücksichtigt werden sowohl Digital- als auch Analogfotografien zwischen denen kein verbindendes Glied auszumachen ist. Einzig und allein die Frage danach, was Wirklichkeit und was Fiktion ist, führt wie ein roter Faden durch die Ausstellung und wird besonders hervorgehoben.

Gezeigt werden starke Einzelpositionen mit beeindruckenden Arbeiten, wie die psychedelisch anmutenden Fotogramme von Natalie Ital oder die Bildkompositionen mit den abstrus provozierenden Titeln von Jenny Rosemeyer wie "Gammelfleisch und Ungeziefer" von 2007, das ein tanzendes Paar abbildet. In der Gesamtheit der Darstellung wird die Kunst jedoch auf die Technik reduziert, Motiv und Inhalt rücken in den Hintergrund. Mit Spannung kann die Werkschau "Max Scheler: Von Konrad A. bis Jackie O." ab dem 11. September als Gegenpol erwartet werden. Die Reportagefotografien Schelers (1928 bis 2003) stehen im Zusammenspiel mit der Kunstfotografie in seinem ganzen konträren Ausmaß gegenüber. Dann lohnt sich eine Neubewertung.

"Veto - Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie"

Termin: 4. September bis 15. November, Deichtorhallen Hamburg. "Max Scheler – von Konrad A. bis Jackie O. – Fotografien aus Deutschland, China, USA", 11 September bis 15. November.
http://www.deichtorhallen.de/649.html