Munch und das Unheimliche - In Wien

Ein Wettbewerb des Grusligen

Kritik über eine Ausstellung im Leopold-Museum, die sich mit dem Unheimlichen in der Kunst befasst

"Diese Ausstellung werden Sie so schnell nicht vergessen", kündigte Michael Fuhr, ehemaliger Kurator im Leopold-Museum, an. Und behielt recht: Sein Abschiedsgeschenk an Wien (mittlerweile ist er Museumsdirektor in Flensburg) hat sich nicht nur ins kollektive Unbewusste, sondern auch ins kulturelle Bewusstsein eingeprägt – es ist die spannendste Ausstellung des Museums seit langem.

Rund um einen Saal mit über 30 Leihgaben aus dem Munch-Museum in Oslo, die Gegenleistung für eine große Egon-Schiele-Ausstellung 2007, webten Fuhr und Direktor Rudolf Leopold ein dichtes Gespinst aus flatternden Raben, ausschreitenden Sensenmännern, toten Städten, wilden Pferden, doppelten Gesichtern und anderen obskuren Erscheinungen. Eindrucksvoll etwa die Schauwand der düsteren Treppen – da treten im Gruselwettbewerb Piranesis verschachtelte Kerkerfantasien (Mitte 18. Jahrhundert) gegen Eugène Laermans "Treppe" ins Dunkel (1896), Alfred Kubins "Stiege" (um 1902/03) und François-Nicolas Chifflarts Dachbodentreppe an, auf der sich "Das Gewissen" (1877) anschleicht.

Über 200 Werke wurden zurückhaltend inszeniert und thematisch gegliedert. Ein ganzer Saal ist James Ensor gewidmet, ein anderer den obskuren Motiven der Münchner Sezessionisten, etwa Albert von Kellers "Traumtänzerin Madeleine" (um 1904). "Tod und Teufel" oder "Eros und Thanatos" dürfen natürlich nicht fehlen. Ein skurriles Highlight ist die erstmalige Zusammenführung von Angelo Morbellis 1884 auseinander geschnittenem Gemälde "Erstickt!", das eine wahre Tragödie illustrierte: Das Selbstmordpaar am Rand des Bildes wurde vom zentralen, üppig gedeckten Tisch getrennt, der sich als reine Interieurszene besser verkaufte.

Das Morbide, das Unheimliche erscheint in der Ausstellung wie eine Obsession, die Künstler vor allem zu den Jahrhundertwenden um 1800 und 1900 heimsuchte. Die zeitliche Obergrenze haben sich die Kuratoren mit dem Aufsatz von Sigmund Freud über "Das Unheimliche" gesetzt, der 1919 im Druck erschien. Damit wurde es einfacher für die Künstler – sie hatten nun ihre wissenschaftliche Anleitung.

Welches Gespür, welche Ikonografie sie schon vor Freud für unsere Ängste entwickelt haben, das dekliniert diese Ausstellung schaurig schön durch alle künstlerischen Höhen und Tiefen – von Edvard Munchs rätselhaften Damen in "Rot und Weiß" bis zu Pietro Pajettas Jahrmarktbild einer Leichenschändung.

"Edvard Munch und das Unheimliche"

Termin: 16. Oktober bis 18. Januar 2010. Katalog: Brandstätter Verlag, 24,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro)
http://www.leopoldmuseum.org/