Land Art - München

Buddeln für den Weltfrieden

Die aus Los Angeles übernommene Themenausstellung erdet die Land Art

Mit Claes Oldenburgs Film "The Hole" (Das Loch) ist dokumentiert, wie am 1. Oktober 1967 zwischen 10.30 und 12.30 Uhr im Central Park gleich hinter dem Metropolitan Museum vom Künstler angeheuerte Totengräber ein 1,80 Meter langes und knapp einen Meter tiefes Loch graben, Mittagspause machen und dann die Grube wieder zuschütten.

Es ist ein Paradebeispiel der Land Art, wo scheinbar notorisch und in allen möglichen Variationen in Erde gegraben, der Aushub wieder zugeschüttet und der Prozess auf Film oder Fotos dokumentiert wird. Die große Ausstellung "Ends of the Earth. Land Art bis 1974" geht diesem "simultanen Impuls" der sechziger und frühen siebziger Jahre nach, "die Erde als künstlerisches Medium zu nutzen". Sie stellt erdbezogene Projekte von US- und südamerikanischen, deutschen, israelischen, isländischen, britischen, japanischen oder tschechoslowakischen Künstlern vor, die in der entlegensten Pampa, aber auch – wie Oldenburgs "Loch" – mitten in der Stadt entstehen. Lange nicht alles findet dabei unter freiem Himmel statt. Künstler wie Alice Aycock oder Kristján Gudmundsson zeigen, dass bei aller Galerienflucht auch weiterhin für den White Cube produziert wird: Aycock presst kalifornischen Wüstenboden in minimalistisch-quadratische Holzrahmen; Gudmundsson bemalt eine Metallplatte mit so vielen Farbschichten, dass er auf die relative Dichte der Erdmasse kommt (5,5 Gramm pro Kubikzentimeter).

Ein Anliegen der von Philipp Kaiser und Miwon Kwon für das Los Angeles Museum of Contemporary Art kuratierten Schau war es, das sozialpolitische Engagement der Bewegung herauszustellen. So tauschte Micha Ullman beispielsweise 1972 demonstrativ die Erde zweier auf beiden Seiten des israelisch-palästinensischen Grenzstreifens ausgehobener Löcher aus. Auch soll bewiesen werden, wie wichtig den Künstlern die mediale und auch galeriekompatible Aufbereitung ihrer Erdarbeiten war: Christo und Jeanne-Claude finanzierten ihre Verhüllung eines australischen Küstenstreifens 1968/69 durch den Verkauf von Projektskizzen, Col-lagen, Modellen und Drucken. Heinz Mack wurde 1967 von einem Fernsehteam in die Sahara begleitet. Die entstandene Filmdo-kumentation seiner Experimente mit reflektierenden Materialien unter gleißender Sonne ist heute weltberühmt. Robert Barry ließ 1969 in Kalifornien die Freisetzung von Edelgasen in die Atmosphäre fotografieren – die Fotos sollten "irgendwie beweisen, dass es nichts zu fotografieren gab".

Ironischerweise haben mit Walter de Maria und Michael Heizer zwei Land-Art-Titanen der Ausstellung ihre Teilnahme gerade mit der Begründung verwehrt, dass sie auf der Authentizität ihrer Werke in situ bestehen. Dabei hatte de Maria ausgerechnet in München, wo die Schau nun in zweiter Station zu sehen ist, 1968 für den Ga-leristen Heiner Friedrich einen ersten seiner mit Humus gefüllten "Erdräume" realisiert. Und Michael Heizer hob nicht nur in einem Neubaugebiet im Münchner Südosten einen vier Meter tiefen und 35 Meter breiten Trichter aus. Er selbst dokumentiete das Ganze seinerzeit auch vorausschauend in einer raumfüllenden 360-Grad-Projektion und hinter Plexiglas aufgezogenen Fotos für den anschließenden Galeriegebrauch. Denn wie so viele andere Werke seiner Art wurde Heizers "Munich Depression" (1969, Münchner Bodensenke) kurz nach Aushebung wieder zugeschüttet, an seiner Stelle stehen heute Hochhäuser.

Ends of the Earth. Land Art bis 1974

München, Haus der Kunst
bis 20.1.13

Der Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet 49,95 Euro
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