Istanbul - Biennale

So kompliziert wie der Rest der Welt

Voller Zweckoptimismus und Scheinnaivität stürzt sich die Istanbul-Biennale ins Labyrinth der Globalisierungseffekte
Hoffnung in Zeiten globaler Kriege –:Die zehnte Istanbul-Biennale

Im Istanbul Manifacturacilar Carsisi, einem in den späten 1950er Jahren entworfenen Textilhandelszentrum, das in seiner Struktur an die traditionellen Basare anknüpft, durchmischen sich Kunst und lokale Lebensformen: links eine Wandarbeit von Julio César Morales', rechts oben ein Textilhändler in seiner Werkstatt.

Hou Hanru, Kurator der 10. Istanbul-Biennale, eröffnete die Ausstellung mit drei Geständnissen: Erstens habe er nicht geschlafen, zweitens spreche er, der 1963 in China geborene Global Player des Kunstbetriebs, nach wie vor kaum ein Wort Türkisch. Und drittens schließlich sei seine Biennale, die über die ganze Stadt verteilt mit dem lokalen Leben auf Tuchfühlung geht, sehr zeitaufwändig und kompliziert geraten: so wie das Istanbul eben, dessen Dynamik und labyrinthische Dichte die groß angelegte Kunstveranstaltung spiegeln will.

Istanbul – „die wahre Stadt, die niemals schläft“ (Hanru), in der Asien und Europa, der „Osten“ und der „Westen“, „Erste“ und „Dritte“ Welt aufeinander treffen, sich christliche und islamische Traditionen, Modernisierungswille und archaische Strukturen, Globalisierungseffekte und lokale Lebensformen durchmischen: eine Stadt, so komplex wie der Rest der Welt. Die allerdings, wie Hanru illusionslos festhält, zur Zeit von globalen Kriegen bestimmt ist.
Hoffnung verheißt ihm allein die Kunst: Ihr wird die so kapitale wie luxuriöse Aufgabe zugeschrieben, sich spielerisch Zuversicht zu gestatten, eine bessere Welt zu erträumen, an alternativen Entwürfen zu bauen, gescheiterte Utopien (das große Projekt der Moderne, kleine Modernisierungsprojekte....) noch einmal aufzunehmen. „Nicht nur möglich, sondern auch nötig – Optimismus im Zeitalter globaler Kriege“ lautet deshalb das Programm, das sich an Orten der Stadt entfaltet, die im Zeichen lokaler Modernisierungsbemühungen stehen. Hauptausstellungsorte sind neben dem „Atatürk Kulturzentrum“, einem im sozio-modernistischen Stil erbauten Konzert- und Theaterhaus, auch ein Textilhandelszentrum, ein ausgedientes Elektrizitätswerk und ein ehemaliges Lagerhaus am Hafen, Istanbuls Tor zur (Handels-)Welt.
Darin dürfen die Künstler träumen, Einzelschicksale würdigen, Hoffnung schöpfen, mal pathetisch, mal witzig, mal geistreich, mal kitschig aus den Problem- und Transformationsregionen dieser Welt berichten. Sie erzählen nicht nur von wachsenden Städten, die Dörfer verschlingen, von Straßenerweiterungen, die Anwohner verdrängen, von Roma-Kindern, deren Siedlung die Gentrifizierung droht. Sie nehmen sich auch die Freiheit, per Salami-Bombe die Bedrohung durch den global operierenden Terrorismus zur „nicht existenten Einheit“ herunterzuspielen, ausgeschriebene Arbeitsstellen aufgrund persönlicher Vorbehalte abzulehnen (Julien Prévieux), sämtliche aus dem irakischen Nationalmuseum geplünderte Kulturgüter in arabisch-amerikanischem Zeitungspapiermaché nachzubilden (Michael Rakowitz) oder auch die Mount-Everest-Spitze ein für allemal aus dem Fadenkreuz politischer Interessen zu entfernen, wie durch Yu Zhen anhand von Sägewerkzeugen, besagter Bergspitze und anderem Beweismaterial dokumentiert.
So erweisen sich Pseudodokumentarismus, Zweckoptimismus und Scheinnaivität als produktive Triebkräfte, und manch offenherziges Geständnis entpuppt sich als Fallklappe über abgrundtiefer Komplexität. Etwa wenn neben einem großen Wandbild ein kleines Hinweisschild lapidar informiert: „Ramazan Bayrakoglus Bild wurde mit Kalecolor-Farben gemalt. Mit freundlicher Unterstützung von Kalecolor.“

10. Istanbul Biennale

Termin: bis 4. November. Katalog: Türkisch/Englisch, 20 Euro.

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