Leonardo da Vinci - London

Leonardo oder nicht?

Die Ausstellung in Londons National Gallery, die den 17 Jahren Jahren Leonardo da Vincis am Mailänder Hof gewidmet ist, wird als Jahrhundertschau gehandelt. Neun der insgesamt nur 15 erhaltenen Gemälde haben die Kuratoren zusammengetragen. Dabei wird die exakte Zuschreibung der Werke oft im Dunkeln gelassen art-Korrespondent Hans Pietsch berichtet.
Jahrhundertschau:Leonardo Ausstellung in London

Leonardo da Vinci: "Dame mit dem Hermelin", 1489/1490

Leonardo da Vinci war 30, als er 1482 in den Dienst von Ludivico Sforza, genannt "Il Moro", eintrat. Sein regelmäßiges Gehalt ermöglichte es ihm, sich ohne Druck seinen Kunst- und Naturstudien zu widmen. Sein Ziel: mit seiner Kunst nicht nur der Natur einen Spiegel vorzuhalten, sondern eine auf göttlicher Schönheit und Harmonie beruhende höhere Realität freizulegen. Gleich sein erstes Porträt markiert einen wichtigen Schritt.

Bisher hatte man Menschen rein im Profil dargestellt, er jedoch dreht seinen "Jungen Mann" (um 1486/87) leicht dem Betrachter zu und macht ihn so zu einem lebenden Menschen. Das Notenblatt in seiner Hand und der Anflug von Bewegung auf seinen Lippen deuten an, dass der junge Musiker gerade zum Singen ansetzt, oder aber gerade seinen Gesang beendet hat. Jeder der sechs Räume ist einem Motiv gewidmet. Nach Leonardos einzigem männlichen Porträt folgen zwei seiner schönsten Frauen. Die "Dame mit dem Hermelin" (1489/90) aus dem Nationalmuseum in Krakau ist Cecilia Gallerani, die 16-jährige Geliebte des Mohren. Auch sie ist dem Betrachter zugewandt, sie scheint auf etwas zu lauschen, eine Hand streichelt das Tier, Symbol ihrer reinen Schönheit. Oder krault sie gar den Mohren? Denn das Hermelin ist sein Wappentier. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen, ihr Blick geht in die Ferne.

Das Streben nach Perfektion

Hier blickt sie auch auf das "Porträt einer Unbekannten" (1493/94) aus dem Louvre, allgemein als "La Belle Ferronnière" bekannt. Vielleicht ein Porträt von Beatrice d’Este, der Gemahlin des Mohren, doch der Maler hat sie so stark idealisiert, dass sie beinahe als perfekte Schönheit erscheint. Leonardos Versuch, etwas zu schaffen, was über die Natur hinausgeht, noch perfekter ist als sie – eine neue, ideale Realität, die beinahe der Schöpfung gleichkommt.


Das Porträt des jungen Musikers ist nicht das einzige unvollendete Werk in der Schau. Leonardos Streben nach Perfektion, seine Ungeduld, seine Neugier führten immer wieder zum Abbruch von Projekten. So ließ er die dem Duke of Buccleuch gehörende "Madonna mit der Spindel" (nach 1499) liegen, ein Unbekannter vollendete sie. Oder den "Hl. Hieronymus" (um 1488), dessen nackter, geschundener Körper wie eine Erscheinung aus brauner Grundierung heraustritt.


Im Zentrum der Schau eine weitere Gegenüberstellung: die beiden Versionen der "Felsgrotten-Madonna" – das dem Louvre gehörende Altarstück von 1483/85, das Paris zum ersten Mal verlassen durfte, um den Vergleich mit der sechs Jahre später begonnenen, aber erst in Florenz zwischen 1506 und 1513 vollendeten Version der National Gallery zu erlauben. Das Pariser Bild ist dunkel, mysteriös, die Farben des Londoner dagegen leuchten, nach gerade fertiggestellter Restaurierung, doch das Geheimnis hat sich verflüchtigt.

Leonardo oder nicht?

Selbst Leonardos ehrgeizigstes Werk für den Mohren, das 1492/98 für das Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie gemalte Fresko des "Abendmahls", ist zu sehen, allerdings in einer zeitgenössischen Kopie von Giampietrino, auf der man Details erkennt, die auf dem Original verlorengegangen sind: Christus’ Füße etwa oder das von Judas umgestoßene Salzfass. Hier, wie allen Räumen, sind die Gemälde umgeben von Zeichnungen des Meisters und seiner Assistenten. Anatomische Studien ebenso wie exakte Vorzeichnungen für bestimmte Bilder, etwa eine weibliche Hand, die sich in der feingliedrigen, das Hermelin streichelnden Hand der Cecilia Gallerani wiederfindet.


Und dann ist da noch der erst kürzlich entdeckte, von einigen Kennern Leonardos ihm zugeschriebener "Salvator Mundi" (um 1499). Ein seltsames Bild, fast unscharf, gar nicht ansprechend. Man weiß, dass er einen Weltenretter malte, doch ist er es? Lediglich die erhobene Hand und ein als Zeichnung existierender Faltenwurf lassen an ihn denken. Eine grandiose Schau, die nur enttäuscht, weil sie dem Besucher nicht reinen Wein einschenkt, was die Debatten über die Zuschreibung der Werke angeht. Über den meisten hängt zumindest ein Fragezeichen, keineswegs nur über dem "Salvator Mundi". Nichts davon auf den Wandtexten, und auch im Katalog muss man zwischen den Zeilen lesen, um sich den Stand der Dinge zusammenzureimen. Ein laxer Umgang mit der Wahrheit.

Leonardo da Vinci

bis 5. Februar 2012, National Gallery, London
http://www.nationalgallery.org.uk

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