William Turner - London

Wie ein Senftopf

Der für seine Landschaften berühmte englische Maler eiferte großen Vorbildern nach – und scheiterte beim Abmalen mitunter erbärmlich

William Turner (1775 bis 1851) war fast krankhaft ehrgeizig. Sein Mäzen John Julius Angerstein beobachtete den 24-jährigen Maler, wie er vor Claude Lorrains "Hafen mit der Einschiffung der Königin von Saba" (1648) in Tränen ausbrach. Der Grund? "Weil ich nie in der Lage sein werde, ein solches Bild zu malen."

Turner wollte wie ein Altmeister malen, ohne zu imitieren, und folgte dem bewunderten Sir Joshua Reynolds, der die Meister als Vorbilder pries, jedoch warnte, sich nicht "von ihrer herrischen Autorität überfahren zu lassen". Als ein Sammler 1801 bei Turner ein Pendant zu einem stürmischen Seestück Willem van de Veldes bestellte, übertrumpfte er den Niederländer: Seine Leinwand ist um einen Fuß größer, die stürmische See noch aufgewühlter, er rückt das schlingernde Boot in den Mittelpunkt, die Passagiere klammern sich fest. Van de Velde wirkt im Vergleich zahm, Turner wirft seinen Betrachter fast ins brodelnde Wasser.
Überall blickt er hin, er absorbiert, überhöht: Mit Poussin will er die Landschaftsmalerei wiederbeleben, mit Tizian und Veronese die Verwendung von leuchtenden Farben meistern, bei Lorrain lernt er, mit Licht, Atmosphäre und Farbe eine Einheit von Natur und Mensch zu erzielen. Rembrandt schaut er die dramatische Hell-Dunkel-Malerei ("chiaroscuro") und die Beleuchtung durch zwei Lichtquellen ab. Die "Flucht nach Ägypten" (1647) des Niederländers, die Turner bei seinem Mäzen Richard Colt Hoare gesehen hatte, hängt in London nun neben Turners "Kalkofen von Coalbrookdale" (1797) – beide werden vom Mond und einem Feuer angestrahlt.
Die aktuelle Schau (Katalog: 35 Pfund, im Buchhandel 39,95 Euro) in der Londoner Tate Britain präsentiert aber nicht nur Turners Triumphe. Seine "Jessica" entstand um 1830 als Antwort auf Rembrandts charmantes "Mädchen am Fenster" (1645): Es zeigt verkrustete Farbe und ein knalliges Gelb – "wie ein Senftopf", höhnte ein Kritiker. Und sein Versuch, mit "What You Will" (1822) Watteaus Frivolität zu erreichen, wirkt neben dem Vorbild artifiziell. Turner konnte offensichtlich weder Figuren malen noch aus vollem Herzen lachen.

"Turner and the Masters"

Termin: Bis 31.1.2010, Tate Britain in London
http://www.tate.org.uk/britain/