Yves Klein - Zürich

Nächtliches Stelldichein mit Venus

Er ließ sich vom Banalen inspirieren, das er in Las Vegas in seiner höchsten Form fand. Mit der blauen "Venus von Alexandria" feiert ein Werk Yves Kleins Weltpremiere, das über 50 Jahre nach seinem Tod nach den Plänen des Künstlers realisiert wurde.

Es begann mit einer Reise: 1961 hatte Yves Klein Einzelausstellungen bei Leo Castelli in New York und Virginia Dwan in Los Angeles.

Er reiste mit seiner Frau Rotraut in die USA und nutzte die beiden Auftritte zu einer Autofahrt von Küste zu Küste. Die Weite des amerikanischen Kontinents begeisterte den eigentlich dem Äther und dem Geistigen zugewandten Künstler, der mit Luft und Feuer arbeitete und sich auf einem Foto als Schwebender inszenierte.

Fotos zeigen ihn beim Angeln und Schießen. Und auf dem AC Bristol Spider seiner Galeristin an der Westküste machte er vor der kalifornischen Küste eine lockere Figur. Am meisten beeindruckte ihn jedoch Las Vegas. Yves Klein hatte immer ein Faible für die Welt des Alltäglichen und Trivialen, die seinen Projektionen des Immateriellen und der Schwerelosigkeit entgegenstand. Und er hat sich gerne über die Mechanismen kapitalistischen Wirtschaftens amüsiert. Las Vegas übertraf jedoch alles, was er an Phantasmen der Konsumgesellschaft bisher erlebt hatte.

Damals war das Cesars Palace der Inbegriff des zeitgenössischen Casinos. Die Inszenierung des antiken Rom, mit der das Hotel die Besucher beeindruckte, inspirierte ihn dazu, der Künstlichkeit ein Kunstprojekt entgegenzustellen, das den Marktgedanken aufgriff. Multiples hatte er bereits geschaffen, die es auch weniger Bemittelten erlauben sollten, mit einem kleinen Schmerzopfer Kunstwerke zu erwerben. In Las Vegas sollte die Idee einer demokratisierten Kunst für die Konsumgesellschaft in eine größere Dimension überführt werden.

Zurück in Paris entwarf Yves Klein eine Installation aus 30 antiken Säulen, auf die er jeweils die "Venus von Alexandria" setzen wollte. Es handelt sich um eine verkleinerte Kopie der Aphrodite von Knidos, der ersten völlig nackten Frauenskulptur in der Antike, die Klein aus dem Louvre kannte. Der Abguss sollte stets derselbe sein, bestäubt mit seinem berühmten International Klein Blue, einem Preußisch-Blau, dessen spezieller Farbauftrag eine pudrige Oberfläche ergab; Klein hatte ihn sich patentieren lassen. Die kleine blaue Venus hatte er bereits als Multiple geschaffen, in den Plänen für die Installation verband sie sich mit den antiken Repliken der Casino-Welt des Caesars Palace.

Sein früher Tod durch einen Herzinfarkt im Juni 1962 verhinderte die Realisierung des fertig ausgearbeiteten Projekts. Ein paar Jahre später wandte sich ein Investor an den Yves-Klein-Nachlass und bat um die Rechte, das Werk im Rahmen eines neuen Casinos zu verwirklichen. Die 30 Venus-Figuren waren bereits produziert, als eine Krise den Hotelplänen und damit auch dem Venus-Projekt von Yves Klein ein Ende setzte. Die Galerie Gmurzynska, die den Klein-Nachlass seit 20 Jahren vertritt, nimmt nun das Jubiläum zum Anlass, das Werk nach Yves Kleins Plänen umzusetzen. Als Partner wurde die Initiative Art in the Park gewonnen, welche Gigi Kracht, Gattin des Hotelbesitzers Andrea Kracht, im Zürcher Nobelhotel Baur au Lac seit ein paar Jahren den Sommer über realisiert.

Im alten Park gegenüber dem Zürichsee stehen jetzt 30 beigefarbene Säulen aus Gussstein in zwei aufeinander zulaufenden Reihen Spalier. Auf ihnen steht jeweils eine tiefblaue Venus unter einer Glashaube. Gerade so hoch, dass wir den Kopf in den Nacken legen müssen, wie es sich gegenüber der Göttin der Schönheit wohl geziemt. Es ist eine seltsame Parade aus klassischer Erhabenheit und dem Spaß, den der Künstler sich darüber erlaubte. Nachts wird das ganze bengalisch beleuchtet. Jeweils vier Bodenscheinwerfer illuminieren die Säulen, die nackten Weiber leuchten durch eine komplizierte LED-Elektrik von innen heraus blau in Bäume und Nachthimmel und schaffen eine ganz wunderlich wunderbare Erscheinung, die so kitschig wie überirdisch anmutet. Falls der Künstler in einer seiner immateriellen Welten vorbeischaut, hat er wohl seine Freude daran.

Und auch der Kunstmarkt kommt gut weg. Das beachtliche Werk ist ein Einzelstück, manche große Sammlung dürfte sich gerne damit schmücken. Immerhin ist Yves Klein unter jüngeren Künstlern wieder aktuell: Sein Sinn fürs Geschäft, sein hoch bewusster Umgang mit Medien und sein Spiel mit Kitsch und Geist nehmen viel vorweg, was später gang und gäbe wurde, und inspirieren noch heute.

Art in the Park

Die Ausstellung umfasst weitere Multiples und läuft bis zum 24. Juli 2014.
Ein Katalog ist über die Galerie Gmurzynska zu beziehen.
http://www.art-in-the-park.net/Art_in_the_Park_Zurich/Welcome.html

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