Sigmar Polke - Kunsthalle Hamburg

Polkes psychedelischer Power-Raum

Sex, Drugs und Rock'n'Roll an der Alster: Sigmar Polkes wilde siebziger Jahre leben in der Hamburger Kunsthalle wieder auf.

Sex, Drugs und Rock'n'Roll – das assoziiert man nicht unbedingt mit deutscher Malerei. Der Maler Sigmar Polke hat sich jedoch in den siebziger Jahren von diesem Zeitgeist inspirieren lassen und selbst damit experimentiert. Bilder aus dieser Zeit, den Jahren zwischen 1972 und 1976, sind jetzt in der Ausstellung "Wir Kleinbürger. Zeitgenossen und Zeitgenossinnen" in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Die drei aufeinander folgenden, sich ergänzenden Wechselausstellungen umfassen die Themenfelder "Clique", "Pop" und "Politik". Zu sehen sind Werke aus einer künstlerischen Schaffensperiode Polkes, die bis jetzt als eine Art blinder Fleck in Polkes Oeuvre galten.

Die Ausstellung, die von der Michael und Susanne Liebelt Stiftung ermöglicht wurde, ist nach Direktor Hubertus Gaßners Worten ein "Modellfall" für die Hamburger Kunsthalle, da sie den klassischen Kunst-Mäzen wieder würdigt. Und da Sigmar Polke lange Zeit Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg war, soll die Hamburger Kunsthalle zu einem "Polke-Zentrum" werden – und einer Pilgerstätte für Polke-Fans. Polke gilt als einer der bedeutendsten und zugleich öffentlichkeitsscheuesten Künstler Deutschlands. Nicht einmal zu der Eröffnung seiner eigenen Schau in Hamburg reiste der Künstler an. Aber das war nicht immer so: In den siebziger Jahren führte der Künstler ein wildes, extrovertiertes Leben das von Sex, Drugs und Rock'n'Roll geprägt war.

Am Beginn steht jetzt die Schau "Clique". Betritt man das 2. Obergeschoss wird man sofort von den intensiven Farben des zehnteiligen Ensembles an Gouache-Bildern in den Bann gezogen. Diese Bilder bilden ein Dauer-Ensemble und werden für die gesamte Dauer der Ausstellung in dieser Form bestehen bleiben. Besonders sticht dabei das Bild "Supermarkets", das 1976 als Papier-Collage auf Leinwand gezogen wurde, hervor.

"Flucht aus dem bürgerlichen Alltag"

Zu sehen sind, wie in den anderen Werken dieses Ensembles auch, stereotype Bildwelten der siebziger Jahre. Die Werke dieses "Power-Raums", wie er von den Kuratoren Dietmar Rübel und Dorothee Böhm genannt wird, symbolisieren die Flucht aus dem bürgerlichem Alltag. Träume des Kleinbürgertums werden aufs Korn genommen und kritisch hinterfragt. Man sieht prall gefüllte Warenregale und Comic-Helden wie Superman, die sich im Konsumrausch durch die Supermarktgänge schieben. Einen Raum weiter tritt, wie die Kuratoren es nennen, "Polke im Plural" auf. Zu sehen ist eine Kooperation mit Künstlerkollegen und Freunden wie Candida Höfer, Achim Duchow, Katharina Sieverding und vielen mehr, die Sigmar Polke beim Kunststudium an der Hamburger Kunsthochschule kennen lernte.

Ebenso effektvoll erweist sich die "Wonderwall", ein bis zur Decke reichender großer Glaskasten in dem Comics, Erotik- und Science-Fiction-Heftchen zu sehen sind. Zwischen den Zeitschriften befinden sich bunte Poster mit Comiczeichnungen und Gekritzel, die sich unverkennbar auf die Originale beziehen. Sehr originell wirken auch die so genannten Telefonzeichnungen. Es sind bekritzelte Papierbögen, die in Polkes niederrheinischem Bauernhof, dem Gaspelhof bei Willich, entstanden sind und angeblich von Freunden, die Polke besuchten, beim Telefonieren entstanden sind. Polke ließ sich durch die Denk-Anstöße zu neuen Ideen inspirieren und fügte den Objekten letztendlich noch seine eigene Note hinzu.

"Anleitungen zum Drogenkonsum und Bombenbauen"

Die Künstlerclique um Polke macht sich in dem aus 30 Fotoaufnahmen bestehenden "Lerchenfeld-Fries" gegenseitig zum Medium, indem sie sich selbst fotografierten und so miteinander kooperierten, erzählt Kurator Rübel. In diesem Raum stößt der Besucher auf eine weitere Überraschung: Ein Bild mit Comic-Motiv hängt an der Decke und blickt quasi auf die Besucher herab. Ein weiteres Indiz für die Erhabenheit und den Rückzug Polkes?

Auch die "Fliegenpilz-Bilder", knallbunte, psychedelische Ölbilder, denen man den Drogenrausch ansieht, in dem sie entstanden sind, sind typisch für den ersten Zyklus dieser Schau. Polkes Reisen, die er in den siebziger Jahren unter anderem nach Brasilien und Afghanistan unternommen hat, wurden stets von "inneren Reisen" mit Drogen begleitet. Manche Teile seiner Werke sind geradezu "Anleitungen zum Drogenkonsum und Bombenbauen", erzählt Kurator Rübel. In dieser Zeit findet nicht nur ein enormer Konsum an Fliegenpilzen, LSD und anderen harten Drogen statt, sondern Polke nutzt die Drogen auch als Arbeitsutensilien – und mischt sie den Farben bei. Dies ließ einzigartige Farbnuancen entstehen. Jeder Drogentrip diente also auch der Kunst. Scheinbar hat dies Polke jedoch so stark zugesetzt, dass er sich seitdem dem Kunstmarkt entzogen hat. Polke wurde zum Einsiedler. Und übrig bleibt alleine die "Marke" Sigmar Polke.

"Sigmar Polke: Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen"

Termin: bis 28. Juni, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 1, Hamburg. Weitere Ausstellungen: 13. Juli bis 4. Oktober: "Sigmar Polke: Pop"; 16. Oktober bis 31. Januar 2010: "Sigmar Polke: Politik"
http://www.hamburger-kunsthalle.de