Henri Nannen - 100 Jahre

Verstummt und erschüttert, doch zu innerst beglückt

Am 25. Dezember wäre Henri Nannen 100 Jahre alt geworden. Für art erzählt seine Biografin und Enkelin Stephanie Nannen die Geschichte seiner Leidenschaft für die Kunst.

"Es ist wirklich schade, dass das Wort von der "Liebe zum Schönen" schon so abgebraucht ist, dass sich niemand mehr etwas darunter vorstellen kann. Und wenn ich vom Schönen spreche, dann meine ich auch nicht das im landläufigen Sinne Schöne – der Grünewald’sche Christus ist auch schön! Man muss nur die Empfindungssinne haben, man muss s e h e n können."

Der Mann, der diese Gedanken in einem Brief an eine Freundin festhielt, war mein Großvater Henri Nannen, und er tippte diesen Brief in seine kleine Schreibmaschine auf persönlichem Briefpapier. Es war Winter, das Jahr 1941, und er saß mit seiner Einheit im Schnee vor Smolensk. Er war Kriegsberichterstatter bei der Luftwaffe, hatte in den Monaten besonders an der Ostfront Dinge gesehen, die wie er sagte, mit Krieg nichts mehr zu tun hätten, und er war 27 Jahre alt. Henri Nannen, der viele Jahre später als "Stern"-Chefredakteur sagte: "Ein Bild funktioniert entweder gleich oder überhaupt nicht", hatte für sich damals erkannt, dass es etwas gäbe, das dem Wesentlichen, seinem Wesentlichen nahe zu kommen schien, und das sei das Sehen.

Mein Großvater war jemand, der unvoreingenommen sah, der versuchte, mit einer "unbelichteten Seelenplatte" wie er den Kunsthistoriker Max Deri oft zitierte, an die Dinge heranzugehen. Der "Stern"-Nannen näherte sich auf diese Weise Geschichten, betrachtete aus offenen Augen Nachrichten, besonders aber begegnete er so der Kunst. Also erscheint es wenig verwunderlich, dass der junge Henri in München, wo er ab 1933 Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften studierte, eine Liebe zu den Bildern der deutschen Expressionisten entwickelte. Die "neue" Kunst, wie er sie damals auch nannte, war etwas, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte zu berühren, Gefühle abzubilden, Momente nachfühlbar zu machen – das Leben einzufangen. Das war etwas für ihn.

Als Kunstgeschichtsstudent war er seinerzeit von der Ausstellungsleitung München für eine Weile zum Pressereferenten gemacht worden. Noch im Jahr 1935 zeigte man expressionistische Kunst unter dem Titel "Berliner Kunst in München". Nach drei Wochen sei die gesamte Leitung aufgelöst worden, weil sie Nolde, Barlach, Kollwitz, Heckel und Schmitt-Rotluff öffentlich präsentiert hatten. Und wirklich ist diese Schau, die ab dem 15. März 1935 in der Neuen Pinakothek in München hing, eine der letzten, in denen Expressionisten ausgestellt wurden – neben Künstlern, die man damals für "typisch deutsch" hielt. Auch in diesem 24-seitigen Katalog finden sich Künstler, die bald darauf verboten wurden und als "entartet" galten. Gleich zu Beginn der Ausstellung hatte der damalige Gauleiter Wagner jedoch 26 Bilder entfernen lassen, so dass die meisten Besucher gar nicht mehr in den Genuss der "neuen" Kunst kamen.

Mein Großvater hat damals Führungen geleitet und sprach dabei verbotenerweise ausführlich über die Bilder, die nun nicht zu sehen waren. "Die baumelnden Strippen, an denen die fehlenden Bilder gehangen hatten und die man so schnell nicht entfernen konnte, erregten bei mir einen stärkeren Eindruck als manches der ausgestellten Bilder", sagte er. Er stand fortan unter massiver Beobachtung, erhielt für eine Weile Rundfunkverbot und durfte manchen Vortrag nicht mehr halten. Das allerdings auch deshalb, weil die Nazis seine Verbindung zu einem jüdischen Mädchen in Emden – Cäcilie "Cilly" Windmüller hieß sie und war Henris erste große Liebe – als unsittlich ansahen. Wer sich mit einer Jüdin umgab, konnte schließlich nicht über deutsche Kunst sprechen, so hieß es.

Zu jener Zeit war mein Großvater viel mehr von der Kunst umgeben, als von seiner Lebensleidenschaft, dem Journalismus. Er schrieb zwar für verschiedene Kunstzeitschriften und sprach Beiträge – meistens Ausstellungskritiken – für den Rundfunk, aber am liebsten war er in der Pinakothek oder umgab sich mit Künstlern und deren Bildern und Ideen. Einmal muss aber hier noch die kunsthistorische "Propaganda" zur Sprache kommen, die ihm Gegner später vorhielten. Neben ganz bis nahezu unpolitischen kunstgeschichtlichen Abhandlungen schrieb mein Großvater einige Artikel für die Zeitschrift "Die Kunst im Dritten Reich", auf die er später alles andere als stolz war.

"Ich wollte arbeiten, und das war die einzige Möglichkeit. Als mir nach dem Krieg die Lizenz für die "Hannoversche Neueste Nachrichten" angeboten wurde, bin ich doch nicht so blöd gewesen, das zu verschweigen. Das wäre doch sehr schnell herausgekommen", sagte er. Die Erklärung, die Nannen für diese Artikel bei den Engländern abgegeben hatte, reichte offenbar nicht aus. "Meine ganze politische Vergangenheit wurde überprüft, und da gab es so eindeutige Dinge, dass die drei Artikel dagegen keine große Rolle spielten."

Die Zeitschrift "Die Kunst im Dritten Reich" war – so beschreibt Reinhard Bollmus in seiner Studie über den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, – das "einzige Organ der Dienststelle Rosenberg, das zugleich als ‚parteioffizielle’ Publikation auf einem Fachgebiet galt". Die Zeitschrift sei "machtpolitisch mehrfach gesichert" gewesen. Hier finden sich drei Nannen-Artikel, die "sehr NS-angehaucht" waren, wie er es nannte.

Mein Großvater hätte vielleicht noch weitere solcher Artikel geschrieben. Aber er wurde nicht mehr dafür herangezogen, weil er Carl Neumanns Rembrandt-Biografie, die ein paar Jahre zuvor im Verlag F. Bruckmann erschienen war, rezensiert habe, erzählte er später. Er nannte die Schrift "das klassische Rembrandtbuch". Neumann war Jude, und das habe ihn, Nannen, aus der engeren Wahl für "Die Kunst im Dritten Reich" genommen.

Bereits damals fing er an, Kunstwerke zu sammeln. Nicht die Expressionisten, die kaufte er erst viele Jahre später, als dann erfolgreicher Chefredakteur, der sie auch bezahlen konnte. In München waren Bilder eher vom Munde abgespart, manches Mal konnte er sie ertauschen. Mit einigen Malern war er bekannt, und sie schenkten ihm sogar hin und wieder eins ihrer Werke.

Die Liebe zur Kunst war aber nicht erst in dem bohemianischen Münchner Studenten entflammt. Sie hat ihre Wurzeln in Henris Heimatstadt Emden. Zu Hause spielte bildende Kunst zunächst keine Rolle. Henris Vater, Klaas Eiben Nannen, hatte es aus kleinsten Arbeiterverhältnissen bis zum Polizeikommissar gebracht, und er hielt seine beiden Söhne Henri und Erich an, sich Bildung anzueignen, indem er sie als erste Sprößlinge der Familie auf ein Gymnasium gab. Aber die großbürgerliche Welt seiner Klassenkameraden war Henri fremd. So kam es, dass er sich in ein Mädchen verliebte, Cilly Windmüller. Die Malerei hatte es ihr angetan, und so war es ganz selbstverständlich, dass sie ihrem Schwarm Henri davon erzählte, mit ihm über die Motive der Maler diskutierte und ihn mit in Ausstellungen zog, für die die beiden nach Bremen oder Worpswede fuhren und sogar nach Köln und Hannover kamen – per Anhalter oder mit dem Zug. In Emden hatten sie kleine Bildchen von Künstlern in Sammelalben geklebt und sich Arbeiten von Salomon van Ruysdael und Ludolf Backhuysen im örtlichen Museum angesehen; die Gemälde ihrer "Lieblingsmaler" Velàzquez, Goya, Monet kannten sie zunächst nur von schwarzweißen Abbildungen in ihren Kunstbüchern.

Später schreibt mein Großvater über seine erste Begegnung mit einem Werk von Monet, das er gemeinsam mit Cilly betrachtet hatte: "… und als sie sich dann endlich entschlossen, nach Bremen in die Kunsthalle zu fahren, da standen sie verstummt und erschüttert, geschlagen und doch zu innerst beglückt vor der ‚Camille’ von Monet, und als sie fühlten, wie sich das Tor auftat, um sie einzulassen, da liefen sie überwältigt davon und fuhren nach Hause, weil sie meinten, es genüge fürs Erste, eine Weile davorgestanden zu sein, und sie hatten die Empfindung, als habe es sich um dieses einen Bildes gelohnt, die Fahrt zu unternehmen."

Kunst war für meinen Großvater, den Perfektionisten Henri Nannen, etwas, das er nicht mehr verändern musste. Sie war perfekt. Etwas, das er aus der übrigen Welt nicht kannte, aber immer zu erreichen suchte. Ein Text, ein Artikel also für den "Stern", der noch so gut geschrieben sein konnte, bot immer Möglichkeiten zur Verbesserung. Das Blatt selbst konnte immer wieder umgeworfen, neu gedacht, neu gestaltet werden. Bei Bildern war es anders. Die berührten und verstörten, schmerzten, gingen dem Betrachter bis unter der Haut. Oder eben nicht.

Als die Nazis schließlich begannen, Kunst als "entartet" zu verfemen, war mein Großvater längst nicht mehr von ihr abzubringen. Und als viele Jahre später, 1943, das Atelier von Gerhard Marcks in Berlin bombardiert wurde, war es der Kriegsreporter der Luftwaffe, Henri Nannen, der zwei Lkw der Wehrmacht organisierte und sich in geheimer Mission mit ein paar Freunden aufmachte, Marcks Gipse rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die große "Maja" zum Beispiel wurde auf diese Weise der Nachwelt gesichert. Heute steht eine solche Bronze in Emden und gehört zur Kunsthalle, die mein Großvater baute und stiftete und in die er all seine Bilder und sein Vermögen gab. Mit der Rückkehr nach Emden und dem Bau der Kunsthalle schloss sich für meinen Großvater ein Kreis, der ein Lebenskreis, aber auch ein Abrunden seiner Liebe zur Kunst bedeutete. Hierher nach Emden wollte er seine Sammlung bringen – nicht etwa in Hamburg ein Haus für seine Bilder bauen – sondern hier in Emden, wo es so etwas bis dahin nicht gab, wo er einen Bürgersinn erst mobilisieren musste und die Menschen dazu bringen, sich mit einer Kunst zu befassen, die ihnen von Haus aus eher fremd war.

Zu seinem 100. benennt der Oberbürgermeister von Emden aus Dank einen Platz nach Henri Nannen. Er selbst würde allerdings nie von sich behaupten, dass er etwas für seine Bilder, dass er etwas für die Kunst getan hätte. Er würde sagen, dass es die Kunstwerke waren, die ihm etwas gaben – Freude, Wissen, Welten – und dass er das alles also nur für sich getan hätte.

Franz Marc, Henri Nannen und die Blauen Fohlen

Die von Nannen gestiftete Kunsthalle Emden zeigt eine Jubiläumsausstellung zum 100., bis 19.1.2014

Franz Marc, Henri Nanne und die Blauen Fohlen

Ein Porträt von Eske Nannen, Henri Nannens Witwe und Patriarchin der Kunsthalle Emden, finden Sie in der Januar-Ausgabe von art

Die Biografie der Journalistin Stephanie Nannen über ihren Großvater ist bei C. Bertelsmann erschienen: "Henri Nannen. Ein Stern und sein Kosmos".
http://www.randomhouse.de/Buch/Henri-Nannen-Ein-Stern-und-sein-Kosmos/Stephanie-Nannen/e408856.rhd