Mischa Kuball - Bochum

Heimleuchten

Mischa Kuball schenkt 100 Einwanderern aus 100 Ländern eine Lampe und lässt sie unter dieser aus ihrem Leben im Ruhrgebiet erzählen. Die dabei entstandenen Filme und Fotos bilden eine neue Karte der Region.
Heimleuchten:Mischa Kuball entwirft neue Karte des Ruhrgebiets

Mischa Kuball: "Soba Do Cristo Toko, Angola" aus dem Projekt "New Pott"

Als sich Essen für das Ruhrgebiet um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt bewarb, konnte es stolz behaupten: "Wir bilden Europa im Kleinen ab.“ In der Region leben Menschen aus 170 Nationen, das Ruhrgebiet ist traditionell ein Einwanderungsland. Die meisten kamen als Gastarbeiter und waren, als dem Revier die Arbeit ausging, längst heimisch geworden.

Sie in den viel beschworenen Wandel durch Kultur einzubeziehen, gehört zu den größten Herausforderungen und dort, wo dies bereits gelungen ist, zu den größten Leistungen der im Umbruch befindlichen Region. Im Jahr der Kulturhauptstadt ist diese europäische Idee zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber sie stand deutlich hinter dem zuletzt wieder in einer großen Paris-Ausstellung beschworenen Metropolengedanken zurück. Mit Mischa Kuballs Projekt "100 Lichter – 100 Gesichter“ (im offiziellen Sprachgebrauch gehört noch ein „New Pott“ dazu, doch das sollte man am besten ignorieren) gelingt es der Ruhr.2010, diesen Eindruck auf der Schlussgeraden ein wenig zu korrigieren. Außerdem kommt etwas hinzu, was dieser Kulturhauptstadt immer am Herzen lag: Das Projekt ist nicht nur für die Menschen gemacht, sondern auch mit ihnen.

Gefundenes Fressen für Soziologen

Der Lichtkünstler Mischa Kuball hat sich für "100 Lichter – 100 Gesichter“ einen Tauschhandel ausgedacht: Er macht einem Migranten oder einer Migrantin eine eigens entworfene Standleuchte zum Geschenk, und dafür setzt sich dieser ins Licht und erzählt von seinem Leben im Ruhrgebiet. Die meisten Interviews finden im Wohnzimmer statt, manche auf der Arbeitsstelle, und sehr oft ist die ganze Familie mit dabei. Es liegt eine feierliche Stimmung über den Bildern, die nicht vom Licht kommt, sondern aus dem Inneren der Befragten.

Kuball hat seine Gesprächspartner nicht ganz zufällig ausgesucht. Jeder steht für eine andere Nation, und ihre Wohnorte sind so verteilt, dass sie eine aus Ländernamen gebildete Karte des Ruhrgebiets ergeben. Diese Idee ist so einfach wie gut, aber man ahnt, dass ihre Realisierung die Erwartungen nur schwer erfüllen kann. 100 Filme zu je fünf bis zehn Minuten sind ein gefundenes Fressen für Soziologen, als Ausstellung könnte sie leicht zäh oder kakophonisch werden. Kuball hat die Gefahr erkannt und sich zweierlei ausgedacht: Zum einen lassen sich sämtliche Filme auch auf der kostenlosen Internetseite www.2010lab.tv betrachten, zum anderen bietet die Ausstellung im Campusmuseum der Ruhr-Universität Bochum ein im Prinzip sehr interessantes Drumherum.

So hat Egbert Trogemann, der bei den Gesprächen auch die Kamera führte, jeweils zwei Fotos von den „Bühnen“ gemacht: eines mit den Porträtierten und eines ohne sie. Allerdings ist Trogemanns vergleichende Schwarzweißfotografie so flach, dass seine bewegten Videobilder deutlich mehr hergeben. Gelungen ist etwa eine Filmmontage, bei der die Gesprächspartner allein oder mit ihren Familien für fünf bis zehn Sekunden schweigend in die laufende Kamera schauen. Auf diese Weise wird das unvermeidliche Unbehagen darüber festgehalten, sich völlig Fremden über ein anonymes Medium zu offenbaren.

Leider kann in der Ausstellung nicht alles so wirken, wie es sollte. Das Bochumer Campusmuseum ist eine in Deutschland einzigartige Einrichtung und immer eine Stippvisite wert – aber auch ein schwierig zu bespielender Raum. Das Licht ist alles andere als ideal, und die Klimaanlage schnauft wie ein altes Dampfross. In diesem Rahmen fällt die schlechte Bild- und Tonqualität der Exponate besonders deutlich auf. Hier sollte dringend nachgebessert werden, zumal genug namhafte Sponsoren beteiligt sind.

"New Pott. 100 Lichter - 100 Gesichter"

Termin: bis 30. April 2011; eine Tagung zum Thema findet am 21./22. Januar 2011 in den Kunstsammlungen der RUB statt; der Katalog (Hrsg. von Harald Welzer, Christoph Keller und Mischa Kuball) und der Tagungsband (Hrsg. von Friederike Wappler) erscheinen im April 2011 im Ringier Verlag, Zürich

http://kusa-rub-moderne.de/m250

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