documenta Kritik - Sonderheft

Human/Nature

Keine Angst: Afghanistan, Postfeminismus, Wahlrecht für Hunde – die documenta will mit Kunst die Welt heilen und entpuppt sich dabei als sinnliche Wohlfühl-Ausstellung. Sie kombiniert anspruchsvolle gesellschaftspolitische Fragestellungen und geschichtliche Tiefenbohrungen mit sinnlich erfahrbaren, künstlerisch integren Präsentationen. Ein kritischer Rundgang
Eins ist jetzt schon sicher:Für Kassel hat sich die 13 als Glückszahl erwiesen

Yan Leis Bilderflut in der documenta-Halle

Dasselbe Ritual, jedes Mal. Schon Monate vor der Eröffnung grübelt die Kunstwelt über das Konzept der documenta. Noch die abseitigsten Äußerungen der Kuratoren werden interpretiert, Künstlerlisten zusammenfantasiert, Gerüchte gestreut, Hoffnungen geweckt.

Dann geht der Vorhang auf, und es ist ganz anders als erwartet. So auch bei dieser 13. Ausgabe der Weltkunstschau, die nicht weniger will, als Politik, Wissenschaft, Ökologie und Kunst zu einem revolutionären neuen Bündnis zu verschmelzen, brennende Konflikte und vergangene Traumata zu heilen, den Post-Feminismus voranzutreiben, die Erdatmosphäre zum Weltkulturerbe zu erklären, unsere logozentrische Weltsicht zu de-anthropologisieren, das Wahlrecht für Hunde einzuführen, kurzum: ein visionäres Format für ein neues Leben vorzugeben.

So weit die hochtrabenden Absichtserklärungen. Zum Glück haben sich in Kassel die Künstler gegen die papierenen Theoretiker durchgesetzt. Man kann den Rundgang mit der Gewissheit beginnen, dass es "richtige" Kunst zu sehen gibt – oft überraschend platziert und immer sorgfältig präsentiert. Und es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Abstrakte Malerei und figurative Skulpturen, Sound-Installationen und Videoprojektionen, langsam wachsende Landschaftsprojekte und fertige Welterklärungsmodelle, düstere Erinnerungsstücke und heitere Mitmachkunst, aber auch Bio-Erdbeeren, fair gehandelte Buttermilch und knopfäugige Hundewelpen gehören zum Programm. Was man hingegen nicht finden wird, sind monomanische, grenzüberschreitende Künstlerexzesse oder selbstverliebte L’art pour L’art.

Carolyn Christov-Bakargiev, die durchsetzungsstarke documenta-Leiterin, hält die Zügel ihrer Ausstellung fest in der Hand, ohne dass sich ihre Künstler gegängelt fühlen müssten. Solche Künstler, die aus der Reihe tanzen könnten, wurden erst gar nicht eingeladen. 193 hat die Kuratorin in Kassel zusammengebracht, viele aus Nord- und Südamerika, dem arabischen und asiatischen Raum, kaum jemanden aus den Kunstmarkt-Hitlisten, dafür einige Untote der Kunstgeschichte wie Salvador Dalí und Man Ray – und sehr viele Frauen. Neben traditionellen Kunstschaffenden sind auch Wissenschaftler, Dichter, Computerpioniere, Quantenphysiker, Bürgerrechtler, Städteplaner, Apfelpfarrer und Couscous-Köchinnen dabei.

Für die documenta-Chefin hat Kunst eine klare Aufgabe. Sie soll sich nützlich machen, soll aufklären, erinnern, sensibilisieren, immer im Dienste eines größeren, globaleren Welterklärungsanspruchs stehen. Allein in Kassel und Umgebung gibt es 35 Ausstellungsorte, neben traditionellen Locations wie Neue Galerie, documenta-Halle und Kulturbahnhof auch ungewöhnliche wie das Kaufhaus C&A, die Handwerkskammer oder einen alten Bunker im Weinberg. Zudem finden täglich bis zu 20 zusätzliche Performances, Vorträge und Führungen statt. Und als wäre das nicht schon genug, verweist der Katalog auch noch auf drei Außenstellen in Afghanistan, Ägypten und Kanada. Das klingt nach Überforderung und ist auch so gemeint. Der Besucher soll durch die undurchdringliche Masse des Angebots verunsichert werden.

Das beginnt schon im Fridericianum, auch diesmal wieder zentraler Ausstellungsort. Wer es betritt, fragt sich zunächst verwirrt: Wo ist die Kunst? Foyer und vordere Säle sind gähnend leer, links nur eine Vitrine mit einem handgeschriebenen Absagebrief des Künstlers Kai Althoff an die "Liebe Carolyn", rechts ein paar bescheidene Metallskulpturen von Julio González, die schon einmal an dieser Stelle standen, 1959 bei der documenta 2. Zudem weht durch die Räume ein unangenehmer Luftzug, als hätte jemand hinten die Tür offen gelassen – eine Arbeit von Ryan Gander, der die irritierende Brise mit versteckten Gebläsen künstlich erzeugen lässt. Zur Einstimmung also erst mal ein bisschen Rückbesinnung und ein Zeugnis künstlerischer Verweigerung. Und dann ordentlich durchlüften, bevor man in die Rotunde gelangt, jenen mythenbeladenen Ort, an dem einst Joseph Beuys’ Honigpumpe pulsierte.

Jetzt drückt man sich die Nase an einer Glaswand platt, hinter der Gemälde, Fotografien und archäologische Funde aufgereiht sind wie im Naturkundemuseum. Vasenbilder von Giorgio Morandi und Originalgefäße aus seinem Atelier, Vitrinen mit den "Baktrischen Prinzessinnen" – fast 5000 Jahre alten Kleinplastiken aus Nordafghanistan. Eine Pappmachémaske aus einem hessischen Erziehungsheim, ein Elektroschalter von dem Computererfinder Konrad Zuse, Fotos der Kriegsreporterin und Man-Ray-Muse Lee Miller, darunter auch das berühmte Bild, das sie in Hitlers Badewanne zeigt. Ein Parfumflakon von Eva Braun, ein Handtuch mit den Initialen A. H. Diesen Raum nennt Christov-Bakargiev "The Brain", das Gehirn der Ausstellung. Hier sollen wie in einem Mini-Puzzle die Gedankenströme der documenta 13 zusammenlaufen: der archäologische Ansatz, nach dem man sich zur Beantwortung heutiger Fragen mit den Spuren der Vergangenheit beschäftigen sollte; der erweiterte Kunstbegriff, der auch wissenschaftliche Arbeit und banale Alltagsobjekte zum Kunstgegenstand erklärt; und nicht zuletzt die unsystematische, hierarchiefreie Vernetzung von Gedankenschleifen, ganz so, als hätte sich jemand das ganze Ausstellungskonzept zusammengegoogelt.

Die komplette Kritik von Ute Thon lesen Sie im Sonderheft "art Spezial: documenta 13", ab Samstag am Kiosk.

art Spezial: documenta 13

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