Mike Kelley - New York

Lasst uns über Ungehorsam reden

Das PS1 MoMA zeigt ein Jahr nach dem Tod des Künstlers Mike Kelleys erweiterte Retrospektive – erstmals wird das ganze Museum einem Künstler gewidmet.

Es gibt keinen besseren Ort, um Mike Kelleys Kunst zu zeigen: ein altes, verwinkeltes Schulgebäude.

Hier kann man fühlen, wie sich Generationen von Kindern durch Unterrichtsstunden quälten, von Lehrern oder Mitschülern schikaniert wurden und zu anständigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden sollten. Zum ersten Mal in der Geschichte des MoMA-Ablegers PS1 in Long Island City von Queens wird einem Künstler das komplette Museum gewidmet.

Mike Kelley hatte sich 2012 im Alter von 57 Jahren durch eine Kohlenmonoxid-Vergiftung das Leben genommen. Er hinterließ Performances, Filme, Installationen, Skulpturen und Malereien aus 35 Jahren. Die Retrospektive reiste vom Stedelijik Museum in Amsterdam nach New York, wo sie von Kurator Peter Eleey erweitert wurde, und wird letzte Station in Kelleys späterer Heimatstadt Los Angeles machen.

Der Vater des Künstlers arbeitete als Hausmeister in einer Schule in Detroit, wo Kelley als Sonderling in einem katholischen, verklemmten Vorstadtmilieu und in einem Arbeiterklasse-Elternhaus aufwuchs, das ihn nicht verstand. Auch wenn sich Kelley im Laufe seiner Karriere stets missverstanden fühlte, weil man seine Kunst in engen Zusammenhang mit seiner Biografie stellte, führt die Ausstellung vor allem vor, dass einen Menschen die eigene Geschichte niemals loslässt. Viele von Kelleys frühen Arbeiten beschäftigen sich mit verschütteten Erinnerungen, mit Bildern aus der Kindheit, mit Subkulturen, bei denen er sich in jungen Jahren zu Hause fühlte, mit dem Phänomen der Massenkultur und der amerikanischen Trash-Kultur, die er mit Installationen aus abgewetzten Stofftieren kommentierte oder mit Fotos und Videos von Highschool-Traditionen, bizarren Kostümfesten oder Schönheitswettbewerben auf höllische Weise rekreierte.

Die Ausstellung ist in ihren Ausmaßen enorm und überzeugt auf jeder der drei Etagen bis in den modrig riechenden Heizungskeller. Zu den frühesten Arbeiten gehören die hölzernen Vogelhäuser, die Kelley als Abschlussarbeit am California Institute of the Arts gezimmert hatte und die aussahen, als hätte er sie in einem Schüler-Workshop gebaut. Kunsthandwerk, das ironische Spiel mit häuslichen Werten und der Männlichkeit sollten prägende Elemente seiner Arbeiten bleiben. Kelleys aus alten Stofftieren zusammengenähte Bälle oder die Plüschtiere, die er in kindlich anrührenden oder erotischen Formationen zusammennähte, und sein Meisterwerk "More Love Hours Than Can Ever Be Repaid" von 1987 aus mühsam gehäkelten Puppen und handgefertigten Tierchen, die er als ungeliebten Müll auf Trödelmärkten fand, gehören zu seinen bekanntesten Arbeiten. Ebenso Kelleys perfekt produzierte Versionen von Kandor, Hauptstadt von Supermans fiktivem Geburtsplaneten Kryptonite, aus der Zeit von 1999 bis 2011, die in ihrer bunten Kälte neben gurgelnden Reagenzgläsern das Erdgeschoss füllen.

Kelleys Abneigung gegenüber Autoritäten spürt man in Form der Fahnen, die trotzig in den Schulgängen hängen. Oder wenn man das architektonische Modell all seiner Schulen betrachtet, die Kelley jemals besucht hat ("Educational Complex"), das an einen Militärkomplex oder die Siedlung eines Kults denken lässt. Die Pläne der Schulen, ein Labyrinth aus Kindheitserinnerungen, muss der Künstler akribisch studiert haben. Räume, die er nicht mehr erinnerte, kennzeichnete er. In das Schwarzweiß-Foto eines in all seiner Funktionalität deprimierenden Schulflachbaus setzte er eine kleine Sprechblase mit den Worten: "Help". Auf einer Protestfahne, die er wie im Bastel-Workshop aus ausgeschnittenem Filz kreierte, fordert Kelley neben dem Bild einer Keksdose: "Lasst uns über Ungehorsam reden".

Dass er trotz der Distanz im fernen Los Angeles, wo er von jungen Kollegen verehrt und von alten Freunden wie Paul McCarthy, mit dem er häufig zusammenarbeitete, geschätzt wurde, nie ganz von seiner heruntergekommenen Heimatstadt Detroit losließ, zeigt unter anderem die Installation "Blackout" von 2001. Eine Statue des Astronauten John Glenn, die in der Bücherei der von Kelley besuchten Westland High School stand, bestückte er in der Tradition der Volkskunst mit zerschlagenen Flaschen, Tellern, Töpferware und Werkzeug. Die Scherben sammelte der Künstler auf einer Insel im Detroit River ein. Lokale Zeitungsmeldungen aus den späten sechziger und siebziger Jahren archivierte er wie Kunstdrucke hinter Glas.

Ein etablierter, erfolgreicher Künstler zu sein und einer Welt anzugehören, in der eine Gegenkultur zum großen Geschäft wurde, war für Kelley problematisch. "Ich wurde Künstler, um Versager zu sein", sagte er 2011 im Interview mit art. "Ich war ein Hippie und wollte etwas machen, das Erfolg ausschließt und sicherstellt, dass ich kein produktives Mitglied der Gesellschaft bin. Für mich war es ein Statement, das sich gegen die dominierende Kultur richtete." In dem frühen Video "The Banana Man" von 1983 bediente sich Kelley bei einer Fernseh-Komikfigur, um den verrückten Clown zu spielen. Und fast 30 Jahre später sieht man in dem jämmerlichen, von Angst gesteuerten Clown, der in "Extracurricular Activity Projective Reconstruction #36 (Vice Anglais)" das perverse Treiben seiner Umwelt mitmacht, unweigerlich die Figur des Künstlers.

Mike Kelley

PS1 MoMA, bis 2. Februar, 2014
http://momaps1.org/exhibitions/view/374