Sherrie Levine - New York

Die Freibeuterin

Sherrie Levine bedient sich großer Werke der Kunstgeschichte, die sie auf ihre ganz eigene Weise neu interpretiert. "Meine Bilder sind Geister von Geistern", beschrieb sie einmal ihre Form der Adaption, die jetzt Thema einer Ausstellung im New Yorker Whitney ist.
Mayhem:Sherrie Levine im New Yorker Whitney

In neuester Zeit hat sich die Künstlerin von ihrem Stil der Adaption entfernt, Sherrie Levine: "False God", 2008, Bronzeabguss, 63.5 × 20.3 × 61 cm, Sammlung John L. Thomson

Sherrie Levine ist eine Künstlerin für Künstler, die gerade wieder von einer jungen Generation entdeckt wird. Ihre Arbeiten sind durchdacht und subtil. Vor allem spielen sie mit den Werken anderer. Damit, dass Kunst eine reproduzierbare Ware ist, dass Authentizität in der modernen Kunst ihren Platz verloren hat, und manche Werke dank überzogener Deutungen im Laufe der Geschichte zu Ikonen erhoben werden.

Levine zählt neben Kollegen wie Richard Prince oder Barbara Kruger und Cindy Sherman zur "Pictures Generation", die in den achtziger Jahren in New York antrat, um sich vorhandenes Bildmaterial anzueignen und unter dem Begriff "Appropriation Art" bekannt wurde. Wobei Levine am dreistesten von allen klaute. Sie bediente sich nicht nur bei Meistern wie Egon Schiele, Willem de Kooning, Malewitsch, Marcel Duchamp oder Walker Evans. Sie kopierte sie. Und natürlich waren es Männer, die sie beraubte.

Die Ausstellung im Whitney Museum beginnt mit den Arbeiten, mit denen Levine Anfang der achtziger Jahre mit einer Ausstellung in ihrer Galerie Metro Pictures in New York bekannt wurde: Die Kopien der berühmten Fotos, die Walker Evans in den dreißiger Jahren von seinen Landsleuten in den Südstaaten während der Großen Depression schoss. Daneben befindet sich Duchamps einst so freches Urinal, das sie in Form einer glänzenden Bronze in eine Trophäe verwandelte. "Fountain (after Marcel Duchamp)" brachte Levine 2008 mit 713 000 Dollar einen Auktionsrekord. Für ihre New-York-Show wählte die Künstlerin den Titel "Mayhem", was für Begriffe wie Chaos, Störung und Belästigung steht. Die extrem sparsame Ausstellung, die sich über ein Geschoss im Museum erstreckt, spiegelt genau das Gegenteil wieder. Die 1947 in Pennsylvania geborene Levine war an der Inszenierung ihrer Arbeiten maßgeblich beteiligt. Sie verzichtete auf eine chronologische Ordnung oder auf eine umfassende Werkschau und setzte dafür auf stille Dialoge zwischen ihren abstrakten Streifenbildern und Objekten.

Auf zwei sich gegenüberstehenden schwarzen Flügeln platzierte Levine ihre Versionen von Constantin Brancusis eiförmigem Objekt "The Newborn". Ein Foto aus dem Haus eines Sammlers, das sie in einem Magazin entdeckte, hatte sie zu dem Flügel-Arrangement angeregt. Im nächsten Raum reihte sie vier Billardtische auf. Auf jedem der Tische befindet sich die gleiche Anordnung der Billardkugeln. Mit der Installation ahmte Levine ein Gemälde von Man Ray nach, das sich gerade im Whitney Museum in einer Gruppenshow befindet. Auch vor Gustave Courbets "Der Ursprung der Welt", das sie im Postkartenformat verarbeitete, machte Levine nicht Halt.

Für ihre "Meltdown"-Serie ging sie einen Schritt weiter und ließ Werke von Mondrian, Kirchner, Duchamp und Monet per Computerprogramm auf ihre grundlegenden Farben reduzieren. "Ich versuche, mich nicht vom Original tyrannisieren zu lassen. Was mich wirklich interessiert, ist die Herstellung meiner Beziehung zum Bild", hat Levine einmal gesagt. So radikal ihre Arbeiten einmal waren, im digitalen Zeitalter, in dem sich jedermann bei der Bilderflut im Internet bedienen, sie kopieren oder stehlen kann, und in denen Künstler erfolgreich Massenwaren produzieren, haben sie an Schärfe eingebüßt. "Die Bilder, die ich mache, sind Geister von Geistern", sagte die Künstlerin in den achtziger Jahren in einem Interview. Es sind die Geister einer vergangenen Ära.

Sherrie Levine "Mayhem"

bis 29. Januar, Whitney Museum, New York
http://whitney.org/Exhibitions/SherrieLevine

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